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20. März 2010

Interview mit Hendrik Weinman Thoma

Fotos copyright: TVino.de

Master Sommelier Hendrik Thoma über die Zukunft des Weines und das Web 2.0: Die Zeit der vollgeholzten Barrique-Weine ist vorbei

Das Video des letzten Team-Weines auf TVino.de hat mir Deine Tattoos aufgedeckt.

Ja, es gibt einige Dinge von mir, die Du noch nicht kennst.

Viele haben das Bild von Dir als der allwissende Akademiker.

Jeder, der mich persönlich kennt, weiß, dass ich so nicht bin. Ich bin Entertainer aus Passion, mein Thema ist das Vinotainment.

Bei Dir ist das Thema auch eine Art Höchstleistungssport. Wie hältst Du Dich fit?

3 Mal die Woche laufe ich 12 bis14 Kilometer um die Alster und wieder zurück, einmal die Woche bin ich in der Mucki-Bude - da gibt es welche in der Branche, die anders aussehen. Und ich verkoste 80 bis 100 Weine in der Woche. Ich habe bewusst reduziert und trinke heute viel selektiver als früher. Ich freue mich umso mehr auf Entdeckungen.

Hast Du Phasen, wo du keinen Wein mehr sehen kannst?

Wenn mir langweilige und gemachte Weine über den Weg laufen.

Seit 2009 bist Du selbstständig tätig und verkostet regelmäßig auf TVino.de. Wie ist die Gewaltenteilung mit Hawesko?

Es ist eine Kooperation, bei der ich die redaktionelle Hoheit habe. Also ich wähle die Weine und die Gäste aus. Hawesko ist das Backend dahinter, kümmert sich um die ganze Abwicklung. Die Arbeit mit dem Team macht einen Riesenspaß!

Wie viele Videos gibt es inzwischen?

61, wir stellen alle 4 bis 5 Tage mittags eines online.

Wie erfolgreich ist TVino.de nach 8 Monaten im Netz?

Wir haben so einige Besucher am Tag. Das tolle ist, das wir vom Amateur bis zum Profi alle erreichen. Und täglich werden es mehr.

In den USA ist Gary "Vee" Vaynerchuk mit seinem Wine Library TV extrem erfolgreich.

Gary ist ein cooler Typ, er hat TVino.de und mich inspiriert. Seine Leidenschaft und Echtheit animieren mich. Trotzdem muss TVino.de seinen ganz eigenen Weg in Deutschland gehen. Aber das Netz verbindet uns.

Wandelt sich das Konsum-Verhalten in Deutschland?

Heute wird insgesamt selektiver gekauft. Nicht mehr kistenweise von dem immergleichen Winzer, sondern ganz individuell zusammengestellt. Die Leute sind skeptischer geworden.

Du setzt voll auf social media und verteidigst das Web 2.0 vehement. Können Dir alle folgen?

Früher hatte ich im Fernsehen und als Weinschreiber zu wenig feedback. Jetzt ist das Web 2.0 quasi mein virtuelles Restaurant, in dem ich die Tische fülle.

Ist das alles nicht nur eine große Nabelschau mit den immer gleichen Akteuren?

Ich habe andere Erfahrungen gemacht. Das Web 2.0 bietet eine unschätzbare Nähe zu den Kunden, hier entsteht ein direkter Dialog. Viele sehr unterschiedliche Leute kommentieren, manche schauen auch nur aus sicherer Distanz zu. Wie im richtigen Leben: Es geht um Initiative, nicht um Passivität.

Social media ist mehr als ein extremer Zeitfresser?

Ich sitze 3 bis 4 Stunden täglich vor dem Computer und twittere und pflege facebook nebenbei. Wir wollen den Dialog leben, das war von Anfang an unser Ziel. Mein iPhone ist immer dabei.

Machen fans und followers auf facebook und twitter erfolgreich?

Man verkauft deswegen nicht mehr Wein. Aber anders. Aus den Fans werden Freunde, irgendwann auch Kunden. Weil sie merken, dass es echt ist, was wir machen, es ist leidenschaftlich und authentisch. Das erzeugt natürlich eine Art von Nachhaltigkeit: Du musst die Leute überzeugen, nicht zwingen, dann kannst Du Erfolg haben, aber Du musst es auch Ernst meinen.

Hat das Internet Päpste wie Parker gestürzt?

Es könnte am Ende das Ergebnis sein. Viele orientieren sich in ihrem Wein-Konsum um. Hier ist eine Umschichtung im Gange. Die Leute können im Netz ja teilweise selbst mit gestalten. Und vor allem: Zuhören und Teilen ist wichtig geworden, das können Egomanen nicht.

Und was ist mit den Weinmagazinen? Tot - oder schlafen sie nur?

Print und online haben beide ihre Berechtigung. Wichtig ist, dass authentisch und gut berichtet wird. Jeder der glaubt, die Rente ist sicher, kann weiter Zeitung lesen.

Wie sieht das Wein-Business der Zukunft aus?

Es wird neue Strukturen geben, das Internet spielt dabei eine immer größere Rolle: networking, networking, networking. Im Netz kann jeder eine eigene Marke werden.

Und wie sieht der Wein der Zukunft aus?

Ein Wein mit viel Frische und Eleganz, authentisch, die Balance muss stimmen. Dann sind auch hohe Alkoholgrade kein Problem. Die Weine aus Übersee sind noch lange nicht out, wie manch einer vorschnell vermerkt. Dafür ist die Zeit der vollgeholzten Barrique-Weine in Deutschland vorbei.

www.tvino.de