02. November 2009

Interview mit Jamie Oliver zu Jamies America

Nach seiner Reise durch Amerika spricht Jamie Oliver im Interview mit Robert Kropf über Burger, Pommes und Hollywood - und meint, dass der Luxus von gesundem Essen keine Frage des Geldes sei

Jahrelang verbrachte Jamie Oliver damit, das britische Essen gegen seinen schlechten Ruf zu verteidigen. Mit mehr oder weniger Erfolg. Und was tut er jetzt? Er reist in die USA, die Hochburg des Junkfood, um der amerikanischen Küche zu huldigen. Leidet Jamie Oliver unter Geschmacksverwirrung?

In Ihrem neuen Buch zeichnen Sie ein geradezu euphorisches Bild von der amerikanischen Küche. Ist das nicht ein wenig realitätsfremd für ein Land, das sich großflächig von Fast Food ernährt und die meisten Übergewichtigen der Welt hat?

Nein, ist es nicht, weil es mehr als Junkfood und große Portionen gibt. Ich habe im Buch die berechenbaren Futterstellen bewusst ausgelassen. Mich haben die Wurzeln interessiert - das Soul Food in Louisiana, die Cowboys am Lagerfeuer, die Navajo-Indianer in der Wüste Arizonas, die Peruaner in ihren illegalen Privatrestaurants.

Klingt ein wenig nach beginnender Midlife-Crisis. Sie haben auch einen Alligator eigenhändig erlegt.

Alligatorenfleisch ist in Louisiana ein gängiges Nahrungsmittel wie Schweinefleisch in Europa. Kein Witz. Alles auf der Reise drehte sich um alte Rezepturen und Zutaten, um die Fußspuren der Immigranten und wie sich deren Küchen miteinander vermischt hatten.

Trotzdem: Der Amerikaner isst nicht gerade gesund und vernünftig, oder?

Das Problem liegt anderswo: Nicht nur die Amerikaner, auch wir Europäer leben in einer Zeit, in der Familien zu Hause so gut wie nicht mehr kochen. In der Schule bringt einem keiner bei, wie man richtig mit Lebensmitteln und Essen umgeht. Niemand zeigt einem eine Kultur des Essens. Was passiert? Die Menschen greifen zu Fast Food, weil sie keine Alternative haben. In England habe ich Kinder gesehen, die sich fünf bis sechs Tage pro Woche mit Fast Food ernähren, dabei am Boden sitzen und aus Pappkartons essen - und die Mutter sieht zu.

Die Wirtschaftslage und Arbeitslosigkeit machen die Suche nach einer Lösung nicht gerade leichter.

Gutes und gesundes Essen hat nichts mit Geld zu tun. Geld ist ja genug da, denn die Umsätze der Fast-Food-Industrie steigen konsequent. Ich habe nachgerechnet: In den USA, aber auch in Europa geben Menschen oft bis zu 100 Euro in der Woche für Fast Food aus. Für 75 Euro die Woche kann ich eine vierköpfige Familie gesund und gut ernähren. Was ich sagen will: Es ist vor allem eine Frage des Wissens und der Technik. Wer kochen kann und weiß, wie man mit Produkten umgeht, der macht sich vom Geld weitgehend unabhängig.

Kann man das so einfach sagen: Geld spielt beim Essen keine Rolle?

Als ich in Louisiana in einem Soul-Food-Restaurant war, habe ich die Gäste gefragt, was sie jetzt zu Hause kochten, jetzt, da die Krise sie schüttle. Die Antwort hat mich verblüfft: Nichts habe sich verändert, "wir kochen immer schon so, als wären wir in der Rezession". Das bedeutet Wertschätzung gebenüber den Produkten und den Rezepten. Ich bin überzeugt, dass Krisen kreativ machen. Das kann man in jedem Wirtschaftsbuch nachlesen, das zeigen auch die Kochbücher der letzten paar hundert Jahre. Allerdings: Je mehr Erfahrung ich als Koch und Vater von drei Kindern gewinne, umso mehr fällt mir auf, wie viele Leute überhaupt nicht oder nur selten kochen. Kochen ist zum Hobby geworden, eine Angelegenheit für die Oberschicht.

Da sind Sie aber nicht ganz unschuldig daran.

Ich stehe für Kochen und gesunde Ernährung. Ich will den Menschen mit meiner Arbeit zeigen, wie einfach es ist, sich die wichtigsten Techniken und das Wissen über Nahrungsmittel anzueignen. Kochen kann wirklich jeder, auch wenn er wenig Geld hat.

In London haben Sie vor einigen Monaten das Projekt Recipease gestartet, ein Kochstudio inmitten von Fast-Food-Restaurants. Ihr erstes Resümee?

Vorerst ist es noch ein verrücktes Projekt. Wir haben in London-Clapham, das ist wirklich kein schickes Viertel, ein Kochstudio samt Restaurant zwischen Fast-Food-Lokalen hineingebaut und es von außen auch genauso grell gestaltet. Die Gäste können mit ihren Lebensmitteln zu uns ins Geschäft kommen, wir kochen mit ihnen gemeinsam und zeigen, wie man daraus gesundes und gutes Essen kocht. Kein Selfservice-Restaurant, sondern ein Self-Cooking-Lokal mit professioneller Hilfe. Natürlich haben wir im Laden auch frische Lebensmittel, mit denen wir kochen können. Das Konzept ist eigentlich irre: Im Idealfall lernt der Gast bei uns kochen und kommt dann nie wieder ins Lokal.

Natürlich kann man darin dann auch Ihre Töpfe, Gewürze und Bücher kaufen. Die Gelddruck maschine Jamie Oliver läuft gut, oder? Während viele Restaurants zusperren, haben Sie Ihren Umsatz 2008 verdoppelt.

Kapitalismus ist nichts Schlechtes, solange man Gutes für andere damit tun kann und sich selbst und seiner Idee treu bleibt. Ich rede von Social Business. Charity mag ich nicht so gern, das klingt wie Betteln.

Vor einigen Monaten standen Sie unter Kritik, weil Sie mit einem sündteuren Range Rover durchs krisengebeutelte Städtchen Rotherham düsten, um der Unterschicht von gesundem Essen zu erzählen. Man nannte Sie einen neureichen Schnösel.

Erstens ist Jamie Oliver nicht perfekt. Zweitens kann ich mit diesen Anfeindungen gut umgehen. Das geht schon seit zehn Jahren so.

Sie machen Werbung für einen Supermarktkonzern. Wie passt das zu Ihrem Gutmensch-Image?

Stimmt, Supermärkte sind ein Feindbild für viele, es ist eine preisgetriebene Branche. Aber: In den Super märkten dieser Welt hat sich in den letzten fünf, sechs Jahren viel getan. Früher gab es nur Einheitsbrei, mittlerweile bekommt man Fairtrade- und Bioprodukte von lokalen Produzenten. Letztlich zählt nach wie vor, dass man weiß, wie man mit den Produkten umgeht. Ich kenne viele, die sündteure Bioprodukte kaufen und sie zu Hause im wahrsten Sinne des Wortes "töten", weil sie damit nicht umgehen können.

Wie schätzen Sie die Zukunft der Gastronomiebranche ein?

Der neue Luxus sind ganz einfache Restaurants, ausschließlich mit Produkten und Rezepten aus der Region, die man neu interpretiert.

Wir haben von Soul Food gesprochen. Was ist Ihr Gericht für die Seele?

Der Schweinsbraten meiner Mutter - frisch aus dem Ofen.

Man hört, dass Hollywood Ihre Lebensgeschichte verfilmen will. Wer soll Ihre Frau Jools spielen?

Angelina Jolie.

Und wer soll Ihre Rolle übernehmen?

Brad Pitt natürlich.

 

Ihr Connaisseur

Robert Kropf

Alle Folgen der Kolumne Der Connaisseur

Foto Kropf/Oliver von Fridolin Schöpper