REISE
29. September 2009

Italiens Halbinsel Salento

Reise nach Salento und seiner Hauptstadt Lecce, dem Südzipfel Apuliens und damit der südöstlichste Teil Italiens

Üppige Mohnfelder, von Wildblumen gelb und grün durchwirkt, dahinter Trockensteinmäuerchen und auch ein Olivenhain. Provence? Nein, dieses Stimmungsbild liefert das süditalienische Salento in seinem Hinterland. Flache weiße Häuser am Strand, in der Ferne ragen ein paar Felsen ins saubere Blau des Mittelmeeres. Das muss wohl Griechenland sein!

Nein, auch diese Impression stammt von der Halbinsel, die Italiens Stiefelabsatz formt. Aber diese dynamischen Schnörkel im kühn-leidenschaftlich bearbeiteten Stein der Kirchen - das ist die Barock-Metropole Rom? Auch gefehlt: Willkommen in Lecce, Hort verspielter Architektur und bezaubernde Hauptstadt der Peninsula Salentina, der kleinen Halbinsel mit dem großen Eigenleben.    

Der südliche Zipfel Apuliens, der auf der Landkarte immer auf den ersten Blick zu erkennen ist, liegt ziemlich weitab von Allem. Wer Bari und Brindisi auf dem Weg gen Süden hinter sich gelassen hat, der ist so richtig auf jener Halbinsel angekommen, die nur 70 Kilometer von Albanien entfernt ist und sich wie ein Zeigefinger nach Südosten reckt. Zwei Meere - die Adria und das Ionische Meer - umspülen die Küsten. Und was für Küsten das sind! Doch dazu später - denn diese italienische «Wundertüte» öffnet sich wie selbstverständlich in Lecce, der Provinzhauptstadt samt Kirchen, Kastell und Amphitheater.    

Lecce ein «Einfallstor» zu nennen auf dem Weg zur absoluten Spitze der italienischen Hacke bei Capo Santa Maria die Leuca, das wäre wohl zu martialisch. Denn hier herrscht die friedlich-freundliche Stimmung des äußersten Südens. Die 100 000-Einwohner-Stadt öffnet sich Fremden einladend und weitab jeder Hektik, wie sie einem im Alltag im Norden, selbst in Rom, auf den Wecker gehen kann. Lecce bietet seinen schwülstig-überladenen «Lecce-Barock» im Centro Storico rund um die Piazza Sant'Oronzo freizügig feil. Es muss sich aber nicht aufdrängen und denkt auch nicht daran, wegen all der Touristen seinen südlichen Lebensrhythmus aufzugeben. Lecce ist sich selbst genug, scheint es.    

Dabei ist die Stadt, über die der Heilige Oronzo von seiner Säule auf der Piazza wacht, alles andere als verschlafen. Man trifft sich in seinem Schatten für einen Cappuccino, um dann zu der weitläufigen Piazza Duomo mit dem Campanile und den Fassaden von Kathedrale und Palazzi zu schlendern. Das Kastell von Kaiser Karl V. kann man sich schon ansehen. Weit mehr ins Staunen versetzt aber der Gang zum Schmuckstück des «Lecce-Barock»: der in Schnörkeln und Formen nachgerade explodierenden Basilica di S. Croce mit dem Palazzo dei Celestini gleich nebenan. Der helle, feine und leicht formbare Kalkstein der Gegend hat die Steinmetze dazu eingeladen, sich keine Zurückhaltung aufzuerlegen, auch nicht an der Chiesa del Rosario.    

Das Ergebnis, ob man es nun mag oder nicht, kann sich sehen lassen. Es gehört ebenso zu den Markenzeichen dieser südlichsten apulischen Provinzmetropole wie die «cartapesta», die seit einiger Zeit wieder aufgefrischte Tradition der Heiligen- und Krippenfiguren aus Pappmaché. Auf urbaner Entdeckungstour wird jeder fündig, ob er sich nun für Kultur begeistert oder für die üppigen Dinge, die der sonnenverwöhnte Boden rings um Lecce der Gastronomie so bietet.    

Das Meer ist nicht weit. Auch wenn hier «richtig Süden» ist und ein anderes Zeitmaß sich einstellt, so sind die Urlaubstage doch begrenzt und das Mittelmeer muss sein. Also auf zu einer «Hacken-Rundtour», im Uhrzeigersinn und recht gemächlich. Der Einheimische, nicht mehr zu haben für kulturelle Entdeckungen, nimmt von Lecce aus den kürzesten Weg zum Meer - zwölf schnurgerade Kilometer nach San Cataldo. Weiter südöstlich an der Adria wartet auf den neugierigen Fremdling aber das Kleinod Ótranto, die östlichste Stadt im Stiefelland, dort, wo Italien sich zum Orient reckt. Also doch Griechenland, denn das liegt wie auch Albanien im Blickfeld.    

Die Traumstrände lässt links liegen, wer sich die eigentliche Attraktion dieses verwinkelten und sympathischen Städtchens nicht entgehen lassen will - die einzigartige und 800 Quadratmeter riesige Mosaikwelt, die der Mönch Pantaleone auf den Boden der Kathedrale S. Maria Annunziata gezaubert hat. Das allein lohnt die Fahrt in die Stadt mit dem Naturhafen, in dem Griechen, Türken, Normannen und andere sich in den Wirren der Geschichte ablösten, meist nicht auf die freundschaftliche Art. Aber da ist Ótranto in guter Gesellschaft, wenn man so will, das war das Los etlicher mediterraner Küstenorte.    

Das Gefühl, weit weg zu sein auf dieser «weißen Zunge» zwischen zwei Meeren, verstärkt sich auf dem Weg zur Spitze. Salentos Ostküste wechselt von langen Stränden zu felsigen, zerklüfteten Abschnitten mit einer Grotte nach der anderen. Vor allem südlich des Heilquellenbades Santa Cesarea Terme präsentiert sich die Landschaft so. Die trutzigen Türme, die auch heute noch über die Fischerdörfer zu wachen scheinen, setzen markant Zeichen so wie im Landesinneren die frühzeitlichen Trulli, Dolmen und Menhire. Und dann kommt jenes «weiße Kap», das treffenderweise auch das «Ende der Welten» genannte Capo di Santa Maria di Léuca. Ein Leuchtturm signalisiert Seefahrern zwischen den beiden Meeren: Das Kap gilt es zu umschiffen, wenn man auf die andere Seite kommen will.    

Und weil der Ort am «Ende der Welten» auch ein Pilgerziel ist, da er einen Eingang ins Paradies verspricht, findet sich in Meeresnähe rasch eine - vielleicht etwas rumpelige - Herberge, die aber mit viel Fisch auf der Speisekarte lockt und Kontakt zu den Einheimischen erleichtern kann. Wer bisher noch an der Freundlichkeit der Italiener gezweifelt haben sollte, für den ist diese Halbinsel ein Zipfel der guten Hoffnung.    

Denn je weiter man sich von Rom entfernt, desto geneigter sind die Gastgeber: Sie weisen gern und umständlich den Weg zum Supermarkt und preisen die Vorzüge der landestypischen Produkte an: Tafeltrauben, Tomaten, Brokkoli und Kirschen. Und sie lassen sich lachend ausfragen, was sie von den Sex-Eskapaden ihres Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi so halten - auch wenn es peinlich ist.    

Nach dem «Einbiegen» auf die Küstenstraße des Ionischen Meeres nehmen die alten Wehrtürme überhand - und auch der Eindruck, Afrika erreicht zu haben. Dazu tragen die langen Sandstrände bei mit den Reihen weißer Flachbauten dahinter, die oft zersiedelte Meeresidylle unter der gleißenden Sonne. Es sind die Strände, etwa die Spiaggia Le Pescoluse oder die «Grüne Bucht» vor Gallipoli, die diese Strecke, an der es weder Grotten noch Barockes gibt, unvergesslich machen.    

Gallipoli ist ein wunderbarer Schlussakkord, an dem der Besucher nicht vorbeikommt. Frech streckt sich der historische Kern des Städtchens, von einer Ringmauer umgeben, auf einer vorgelagerten Kalkinsel dem Mittelmeer entgegen. Im Hafen dümpeln Boote, die Fischer sind dabei, die Netze zu flicken und werfen nur einen kurzen Blick auf vorbeiziehende Touristen. Diese streben über eine Bogenbrücke und vorbei am Castello Angioino in die überaus verwinkelte Altstadt. Die «schöne Stadt» nannten die Griechen den Ort auf der «Peninsula Salentina». Auch Gallipoli kommt «ganz in Weiß» daher und lädt zu einem Bummel ein, bei dem man die Zeit vergisst.    

Markant ist an Gallipoli vor allem zweierlei: Vor Jahrhunderten wuchs die Schöne am Meer zu einer reichen und kosmopolitischen Stadt heran, weil in den Kavernen aus Oliven Lampenöl für alle Welt gepresst wurde. Dass die Jahre der «frantoiani», der Ölmüller, lange vorbei sind, liegt auf der Hand. Doch auch im Zeitalter von OPEC und Ölscheichs glänzt noch immer, was ganz nostalgisch an die betriebsame Vergangenheit erinnert: Der Erfolg ihres Lampenöls brachte die zu Geld gekommenen Berufsverbände damals dazu, im Bauen und vor allem im Ausschmücken von Kirchen zu wetteifern.    

Gallipoli steht für die Trümpfe der Halbinsel, die eine Welt für sich zu bilden scheint. Und die schon lange kein Geheimtipp mehr ist - die Zahl der Salento-Liebhaber, die Wildblumen im knochentrockenen Hinterland lieben oder die stürmischen Wellen von Leuca, steigt Jahr für Jahr um eine halbe Million an. Und dazu tragen nicht zuletzt die sauberen Strände sowie die gepflegten und für den Verkehr gesperrten Altstädte bei. Vor allem aber das Gefühl: Ich bin jetzt mal weit weg. (Hanns-Jochen Kaffsack, dpa)   

Reise nach Salento

REISEZIEL: Die Salento-Halbinsel ist der Südzipfel Apuliens und damit der südöstlichste Teil Italiens.

ANREISE: Mit dem Auto geht es über den Brenner, dann über die Strecke Bologna-Rimini zur Adria und von dort aus immer gen Süden. Wer nicht die lange Fahrt mit dem Auto antreten will, für den empfehlen sich ein Flug in den Süden und ein Mietwagen. Mit Bari und Brindisi bietet Apulien zwei Flughäfen, die auch von Deutschland angeflogen werden: Einige Fluggesellschaften wie Air Berlin, Tuifly und Ryanair haben Nonstopflüge im Programm. Außerdem lassen sich Flüge mit Umsteigen in Rom oder Mailand ins Salento buchen.    

KLIMA UND REISEZEIT: Im Winter kann es stürmisch sein, im Sommer ist es sehr heiß. Frühjahr und Herbst sind die besten Reisezeiten.    

GELD: In Italien wird mit dem Euro und der Kreditkarte bezahlt.    

UNTERKUNFT: Das Angebot reicht von der Jugendherberge bis zum Luxushotel mit Wellnessangebot und allem drum und dran. Allgemein gilt, dass die Preise im Süden Italiens günstiger sind als im Norden.    

(Italienische Zentrale für Tourismus ENIT, Neue Mainzer Straße 26, 60311 Frankfurt (Tel.: 069/23 74 34), www.enit-italia.de