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03. September 2010

Jakobsweg nach Santiago, Teil 2

Mein Jakobsweg nach Santiago: Wer nicht ordentlich isst, der vernachlässigt den Geist

In Spanien heißt dieses Sprichwort: Con pan y vino se anda el camino - und an das habe ich mich sprichwörtlich auf meiner fast 500km langen Strecke - dem "camino francés" gehalten.

In Burgos, meinem Startpunkt, direkt anbindend an die Kathedrale in der Fußgängerzone, konnte ich all die kastilischen Köstlichkeiten in den regionalen Feinkostgeschäften erschnuppern und probieren. Das Schwein ist allgegenwärtig, ob als Schinken oder in den mannigfachen Variationen der Würste, als Fleischgerichte dominieren Lamm und Rindfleisch, so z.B. Milchlamm aus dem Ofen "Ternasco al horno" oder geschmorter Kampfstier "Estofado de carne de toro".

Doch - eine nervöse Pilgerin, wie ich mich am Vorabend vor dem Aufbruch fühlte, wählte ich eine kräftigende Pilgermahlzeit "Migas de pastor", dazu wird nach Hirtenart Speck und ganz viel Knoblauch in Schmalz gebraten, um mit in Salzwasser eingeweichtem (uralten) Brotwürfeln kräftig durchgeröstet zu werden. Obenauf fläzte ein übergroßes Spiegelei mit Paprikawurstwürfeln und gehacktem Chili. Na dann - und gut runtergespült mit einem Rioja Wein.

Der Aufbruch: Es löst sich durchs Gehen

Wach war ich schon um 2 Uhr nachts und beobachtete vom Fenster aus den "Camino". Ich ging bereits um 4.30 Uhr mit meinem Muschel bestückten Rucksack am Fluss Arlanza und lehnte mich an ein Brückengeländer. Kein Scherz, aber ein Polizeiauto hielt an, zwei Polizisten stiegen aus, ich guckte sie an wie ein Fragezeichen und dann nahmen sie mich bei der Hand und führten mich auf den Camino. Wahrscheinlich war es die Patrouille für "ver(w)irrte Pilger".

Der erste Schritt ist nicht einfach, aber um 6 Uhr wähnte ich mich dann endlich auf dem historischen Weg, der, wie mir laufend in den Sinn kam, seit Beginn des 11. Jhd. Pilger aus ganz Europa zum Grab des heiligen Jakobus anzogen. Auf demselben Boden gehe ich nun - und meine Fantasie vermischt sich mit Erzählungen und Sagen aus der Historie, die mich fasziniert davon, gehen lässt, ohne es bewusst zu registrieren. Die lateinische Weisheit "Solvitur ambulando" beweist sich: Es löst sich durchs Gehen.

Ohne Frühstück mit 2 Liter Wasser

Die Spanier sind keine Frühstücker, folglich öffnen die Bars erst ab 8/9 Uhr. "Der Pilger" geht vor 6 Uhr los (in den Herbergen müssen alle um 7 Uhr weg sein), so wie ich mit einer großen Wasserflasche, etwas Obst und Mandeln, aber doch mit dem Blick voraus, wann wohl die erste Tasse Cafe americano in Sicht ist. Das kann dauern, z.B. wie der Weg von Carrión de los Condes - 16 km durch die flache Meseta, ohne Schatten.

Dann im Dorf Calzadilla de la Cueza rutscht der Rucksack von alleine auf den Boden, endlich Frühstück. Das schweißt (auch von den nass geschwitzten T-Shirts) zusammen, ein internationales Stimmengewirr, fröhliches Gelächter, alle per Du, beim gemeinsamen Essen.

Denn da sind sich alle einig, wer soviel Kraft und Energie für diesen Weg einsetzt, der kann kein schlechter Mensch sein. Frittierte Teigtaschen Empanadas, süß oder pikant, Bocadillos (mächtige Brotschiffe) belegt mit heimischen Käse oder Schinken - das sind Kalorien für Schwerstarbeiter oder eben für Pilger. Viele Einheimische sitzen am Tresen mit ihrem "kleinen, starken schwarzen Kaffee" - und wer nicht aufpasst, hat genauso wie sie, einen Schuss Tresterschnaps im Kaffee.

Pilgermahlzeiten - das kommt mir spanisch vor

In jedem Ort gibt es spezielle Pilgermenüs, die vor allem mit einem Preis zwischen 8 und 10 Euro günstig sind und satt machen. Diese beinhalten immer eine Auswahl von etwa 5 Vorspeisen, 5 Hauptspeisen, 3 Nachspeisen, inklusive einer Flasche Rotwein. Es wäre unfair zu sagen, dass sie durchwegs schlecht waren, denn besonders in kleinen Herbergen oder Familienrestaurants sind sie eine kulinarische Offenbarung.

In dem Dorf Rabe de las Calzados, in einem neuen Hostel hatte ich die beste Forelle mit Serrano Schinken gebraten, namens "Trucha a la Navarra" und als Nachspeise ein rotes Weinsorbet "Sorbete de Rioja" gegessen.

Oder in Hontanas, mein Lieblingsdorf in einer Schlucht gelegen, gab es Tapas, jene kleine (Brot)deckelchen, die den Sherry oder auch das Glas Wein, abgedeckt damit, die Fliegen weg halten, aber auch den Alkohol mit der kräftigenden Unterlage milde stimmen sollen. Manchego Käse, Chorizo, Spargel, Melone, Oliven, frittierte Stockfischkroketten (Bacalao), Kartoffeln mit Chili (Patatas) und Butterkekse mit Zimt (Mantecadas).

"Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr gehen", sagte ich völlig fertig an meinem 20. Pilgertag, kurz nach Arzua (etwa 40 km vor Santiago) während dem Gehen zu einer Pilgerfreundin. Darauf fragte sie, was ich dagegen unternehmen möchte: "Tja, weitergehen, immer dem gelben Pfeil nach, bis ans Ende der Welt. Und dort in Finisterre, auf dem Felsen oben beim Leuchtturm, verbrennen wir die Schuhe, so wie etliche Pilger vor uns."

Der Weg wird dichter, je näher wir an Santiago kommen. Pilger mit Leichtgepäck und schlechten Schuhen (Flip Flops), veranlassen uns zu kleinen Lästereien bezüglich der "Pilger Light", die in Luxushotels wohnen, inklusive Gepäckservice zum nächsten Hotel und sich streckenweise per Taxi oder Busweise auf dem Camino aussetzen lassen. Die "hart gesottenen" Pilger mit Schlafsack und Isomatte (er)kennen sich untereinander und wie sagte der klatschnasse Japaner am Morgen auf die Frage, wo er denn war? "I slept in the Citypark and the Sprinkler woke me up".

In Santiago war meine erste Tat, mich vor die Kathedrale zu sitzen, ein Glas Rotwein zu trinken und die Tarte de Santiago mit Mandelteig zu essen - und einfach alles auf mich wirken zu lassen - egal was. Der Weg ist zu Ende - und doch ist es wieder der Anfang zur Reise. 

Fisterra am Kap, dort wo sich der Kilometer 0 befindet, ist von Santiago etwa 90 km entfernt. Dorthin fuhr ich mit dem Bus, verbrannte keine Schuhe, denn die brauche ich noch. Aber - die (fang)frische Fischküche dort, die habe ich ausgiebig die Karte rauf und runter probiert. Das war meine Belohnung!

Eure

Rose Marie Donhauser

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