BERLIN
09. Juni 2009

KaDeWe in Berlin und die Karstadt-Krise

Das KaDeWe, Karstadt und die Krise: Dabei hat das beste Kaufhaus Deutschlands eine der größten Lebensmittelabteilungen der Welt

Das KaDeWe gehört zu Berlin wie Knut, die Gedächtniskirche und muffige Taxifahrer. Das Kaufhaus ist das größte auf dem europäischen Kontinent und eine Sehenswürdigkeit für sich. Mit stolz geschwellter Brust führen Berliner ihre Besucher durch die Lebensmittelabteilung und referieren, dass es dort 1300 Sorten Käse gibt. 2007 feierte das KaDeWe seinen 100. Geburtstag mit einer sechs Meter hohen Torte. Zwei Jahre später ist das Haus in den Strudel der Wirtschaftskrise geraten, weil es zum Arcandor-Konzern gehört, der ums Überleben kämpft. Dabei spielt das Kaufhaus des Westens, kurz KaDeWe, in einer anderen Liga als die Karstadt-Häuser.

Das Klischee, dass dort gerne Wilmersdorfer Witwen und reiche Frauen mit einem Faible für Schönheits-OPs einkaufen, ist nicht ganz falsch. Im Luxus-Tempel an der Tauentzienstraße ist es an diesem Junitag ziemlich voll. Zumindest gucken wollen viele - auch Kunden, die sich iranischen Kaviar und Chanel nicht leisten oder mit Rettungswesten für Schoßhündchen nichts anfangen können. London hat Harrods, Berlin das KaDeWe - die Mitarbeiter sind stolz, das spürt man.

Noch vor einem Jahr hätten sie sich nicht träumen lassen, dass sie einmal mit einer Mahnwache für ihre Arbeitsplätze demonstrieren. «Ich habe manchmal das Gefühl, ich bin im falschen Film», sagt Barbara Kiepker, die vor der Schaufensterfront Unterschriften sammelt. Es sind ungewisse Stunden. Die Nachricht, dass es keine Staatsbürgschaft gibt, ist nicht überraschend. Und eine Übernahme durch Metro? «Eine Fusion kostet immer Arbeitsplätze», sagt Kiepker. «Im Moment sind wir alle ratlos», berichtet eine Kollegin. Die neue KaDeWe-Chefin Ursula Vierkötter hat gerade einen millionenschweren Juwelenraub verdauen müssen, jetzt die Arcandor-Krise. Ein Interview ist in der aktuellen Hängepartie nicht zu bekommen.

Einen Ratschlag gab es vom neuen Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos), vormals Fischhandelsunternehmer in Bremen. «Das KaDeWe ist ein Berliner Markenzeichen, und ich bin der Auffassung, man könnte viel mehr daraus machen», findet er. «Schauen Sie sich Harrods in London an. Hier ist das Warenhaus ein Bereich, aber die Marke Harrods macht Millionen. Es gibt Taschen, Kosmetik und Kleidungsstücke mit dem Namen, und dieser Teil ist hochprofitabel.» Das KaDeWe sei eine der bekanntesten Marken in Berlin, eigentlich in ganz Deutschland - «hier kann noch viel getan werden». An eine Schließung des Traditionshauses, das früher zu Hertie gehörte und keine Angaben zum Umsatz macht, glaubt aber in Berlin niemand ernsthaft.

Als ungewiss gilt die Zukunft der Karstadt-Filialen. Auch dort sind Feinkost, Champagner-Schokolade und Wasabi-Erdnüsse längst selbstverständlich. Die Wühltische von früher finden sich nicht einmal im klammen Neukölln oder im Wedding. Die Filiale in der Müllerstraße beispielsweise ist eine Wohlstandsoase im Brennpunktviertel: Hier kauft ein gemischtes Publikum, vom Studenten bis zur Türkin mit Kopftuch.

Eine ältere Dame gehört zu den Kunden, die noch wissen, was «Kurzwaren» sind. Die ganze Bandbreite vom Geschirrtuch bis zum Gebäck: «Das kriegen sie woanders nicht», sagt Rentnerin Barbara Lemke. Eine Schließung fände die 74-Jährige schlimm. «Es ist ein Stück Lebensqualität und Alltagskultur, was da weggeht.» Nach dem Mauerfall zog es sie wie viele Ost-Berliner ins KaDeWe. «Das war wie nach Hause kommen», sagt die Rentnerin. Sie besitzt nämlich noch immer ein Erinnerungsstück an ihre Kindheit im Westen: einen Teddybären aus dem KaDeWe von 1937. dpa