Reise
05. Februar 2009

Kirschblüten-Festtage in Japan

Feature aus dem Land der aufgehenden Sonne: Ausnahmezustand in Japan - Die Kirschblüte wird ausgelassen mit Sake-Parties gefeiert

Sie sind seidenweich, nur halb so groß wie ein Daumen und stellen jedes Jahr ganz Japan auf den Kopf: die Kirschblüten. Im Frühjahr brechen von Südwesten bis Nordosten immer mehr zarte Blüten auf, bis sie schließlich millionenfach die Bäume verzieren. Japan gerät dann regelrecht in den Ausnahmezustand. Besonders in der Hauptstadt Tokio werden die Kirschblüten im März rund zwei Wochen lang bestaunt, im Sekundentakt fotografiert und bei Sake-Partys in den Parks ausgelassen gefeiert.    

Schon im Februar steigt die Spannung der Japaner im ganzen Land, bis endlich im Südwesten die ersten Kirschblüten - auf Japanisch: Sakura - zu sehen sind. Dann kennt die Euphorie kein Halten mehr. Die Zeitungen berichten vom Stand der Kirschblüte, die Geschäfte drapieren Kirschprodukte in allen Variationen in ihre Auslagen, im Fernsehen laufen täglich mehrere Sondersendungen.    

So schicken Zuschauer beispielsweise Fotos von den schönsten Kirschbäumen ihrer Region ein, die von den Moderatoren in hellrosa dekorierten Studios mit respektvollen Ahs und Ohs kommentiert werden. Hausfrauen und professionelle Köche zeigen, wie man selbst Sushi so clever füllen kann, dass sich im Querschnitt ein Kirschbaum zeigt. Und die sogenannte Kirschblütenfront wird überall aufs Genaueste verfolgt. Ähnlich wie beim Wetterbericht zeichnen die Fernsehsender die Entwicklung der Kirschblüte detailliert nach, so dass jeder im Land weiß, wann sie endlich auch zu ihm gelangt.    

Für Nicht-Japaner mag diese Aufregung übertrieben wirken. Immerhin wird ein - sich jährlich wiederholendes - Naturereignis so exzessiv gefeiert, dass selbst die sonst eher zurückhaltenden Japaner ausgelassen wirken. Außerdem liefern die Kirschbäume Japans nicht einmal essbare Früchte. Sie verschönern lediglich die Umgebung, die «richtigen» Früchte zum Essen werden aus dem Ausland importiert.    

Wer das weltweit einmalige Phänomen der Kirschblüte in Japan einmal selber erlebt hat, versteht die Hysterie. Der Anblick dieser filigranen Blüten bleibt lange im Gedächtnis. So etwas sieht man sonst nirgendwo: Es ist bezaubernd, wunderschön und atemberaubend. Selbst das sonst eher grau wirkende Tokio strahlt plötzlich hellrosa. In der ganzen Stadt verteilt ist das Spektakel zu bewundern: Zwischen Häuserschluchten, wo sonst scheinbar nur Autoabgase hinkommen, blühen einzelne Sakura-Bäume, und in den zahlreichen Parks lassen die Zierpflanzen die gesamte Umgebung wie eine Traumwelt erscheinen.

   Das ist besonders rund um den Kaiserpalast im Herzen der Stadt bemerkenswert, wo sich Trauerweiden-ähnliche Bäume majestätisch über den Festungsgraben recken. An ihnen hängen so unglaublich viele Blüten, dass die Baumkronen aus der Ferne wie fluffige Schneebälle oder Teile eines impressionistischen Tupf-Bildes erscheinen. Das zieht jeden Tag Tausende Bewunderer magisch an, die um das Areal des Kaiserpalastes spazieren, den Ausblick genießen und sich wie vor anderen Sehenswürdigkeiten fotografieren lassen.    

Dieses Beobachten der Kirschblüten ist in Japan so verbreitet, dass es sogar einen eigenen Namen hat: Hanami, was wörtlich übersetzt "Blüten betrachten" heißt. Das muss aber nicht immer nur still und ruhig vonstatten gehen. Im Gegenteil: Gerade am Abend steigen in den Parks ausschweifende Hanami-Partys. Schüler, Studenten, Familien und Arbeitskollegen feiern dann ausgelassen mit japanischen Snacks und reichlich Sake.    

Schon am Vormittag werden dafür in Tokio beispielsweise im Yoyogi-Park oder nahe des Yasukuni-Schreins junge Männer abkommandiert, die den schönsten Platz unter einem der Bäume sichern und mit einer grellblauen Plastikplane markieren. Sieht man diese Aufpasser zur Mittagszeit noch alleine im Schatten dösen, scheint am Abend kaum ein Durchkommen möglich, so eng beieinander liegen die Planen, so eng beieinander sitzen die Partygäste unter den angestrahlten Bäumen. Am Wochenende beginnen die Partys sogar schon am Vormittag - angeblich bis zu 250 000 Besucher drängeln sich dann täglich allein im Ueno-Park im Norden der Stadt.    

Diese ausgiebige Würdigung der Kirschblüten hat Tradition. Immerhin sind sie ein Zeichen des Frühlings und des Neuanfangs. Für viele Japaner symbolisieren die blühenden Kirschbäume aber vor allem die Vergänglichkeit der Schönheit und des Lebens. Sie glauben, dass das Leben jedes Einzelnen mit der Kirschblüte vergleichbar ist: Beide blühen nur für sehr kurze Zeit - und die sollte gut genutzt werden.    

Im Fall der Sakura ist das gar nicht so einfach. Immerhin ist nie genau klar, wann sie für wie lange wo sein wird. Für ausländische Besucher ist eine Reise zur Kirschblüte daher ein kleines Glücksspiel. Normalerweise wandert die Blüte zwar von Südwesten nach Nordosten und beginnt in Tokio Ende März.    Doch das hängt stark vom Wetter ab. War es die Wochen davor beispielsweise besonders mild, sind die ersten Blüten in der Hauptstadt oft schon früher zu sehen. Dann brauchen sie meist rund eine Woche bis zur vollen Pracht, bevor die ersten Blüten bereits wieder herabrieseln und die Straßen mit einem weichen Teppich bedecken. Nach ungefähr zwei Wochen ist alles vorbei. Starker Regen kann die Pracht allerdings innerhalb kürzester Zeit beenden.    

Wer die Kirschblüte in Tokio verpasst hat, sollte die Chance nutzen und nach Kyoto fahren, wo das Ereignis meist ein paar Tage später beginnt und bis Mitte April gehen kann. Mit den ersten offenen Blüten bauen auch dort die Händler in den Parks in Windeseile ihre Stände auf und werden die obligatorischen blauen Planen unter den Bäumen verteilt. Besonders bezaubernd ist ein Spaziergang über den sogenannten Philosophenweg, auf dem einst der Philosophie-Professor Ikutaro Nishida zum Meditieren entlang wanderte. Zur Hanami-Zeit säumen Hunderte, vielleicht gar Tausende Kirschbäume den 1,8 Kilometer langen Pfad entlang eines schmalen Kanals.    

Doch auch in Kyoto beschränkt sich die Kirschblüte nicht nur auf einen Teil der Stadt. Auch hier wurden überall verschiedene Arten der Zierbäume gezielt gepflanzt, um im Frühjahr die Bewohner und Besucher zu erfreuen. Im Park rund um den Alten Kaiserpalast beispielsweise stehen mächtige Bäume, die von Fotografenscharen abgelichtet werden. Im ruhigen Innenhof des Manga-Museums lesen Kinder unter Kirschbäumen die Abenteuer ihrer Helden. Und auch an beiden Seiten des Kamo-Flusses, der mitten durch Kyoto zieht, schlagen Hanami-Fans schon tagsüber ihre Lager auf.   

 Nur wenige Gehminuten von einer der größten Straßen entfernt, nahe des roten Heian-Schreins, ist am Abend rund um einen Nebenarm des Flusses ein besonderes Schauspiel zu beobachten: Unter den Kirschbäumen trippeln Geishas und ihre Auszubildenden, die Maikos, elegant und traditionell gekleidet alleine oder mit ihren gut betuchten Kunden durch die von alten Holzhäusern eingesäumten Gassen.    

Wer nach Eindrücken wie diesen noch immer nicht genug hat von den hellen Blüten, kann sich zu einem Hanami-Marathon aufmachen und wochenlang mit der Kirschblüte mitreisen. Schließlich bieten auch die altehrwürdige Stadt Nara mit ihren zahmen Hirschen und das eher kühle Hokkaido mit der Stadt Sapporo einzigartige Anblicke. Oder man lässt sich mit dem Zug Romance Car in die bei Japanern beliebte Urlaubsregion Hakone am Fuße des Fuji fahren.

Mit ein bisschen Geduld und Glück kann man dort die bis zum Horizont reichenden Blütenmeere bewundern - und bei guter Sicht sogar das schneebedeckte Wahrzeichen Japans vor einer malerischen Kulisse fotografieren. (Aliki Nassoufis/dpa)