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11. Oktober 2011

Kochbuch für Blinde und Sehende

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Der Berliner Sternekoch Michael Hoffmann aus dem Restaurant Margaux musste dafür die Rezeptsprache neu erfinden - Trust in Taste ist erschienen im Münchner Justina Verlag

Wie stellt man fest, ob ein Fleisch gar ist, wie bereitet man Fisch saftig zu, wie wird das Essen gewürzt? Eine alltägliche Selbstverständlichkeit für sehende Menschen, wie aber geht der Blinde damit um? Sie müssen die Gewürze riechen, ist der Fisch, das Fleisch frisch, das Gemüse knackig?

Von Sandra Ketterer

Das Kochbuch ist wuchtig. In einem Schuber stecken zwei großformatige Ringbände, 264 Seiten umfasst es, dazu noch eine Hörbuch-CD. Vor allem bunte Bilder sind in «Trust in Taste - Kochbuch für Blinde und Sehende», dem nach Verlagsangaben ersten Buch für beide Gruppen, zu sehen. Darauf sind kleine Erhebungen zu ertasten - die Brailleschrift für Blinde. Die Anweisungen für Sehende sind kürzer gefasst: Auf einigen wenigen Seiten sind die Rezepte schwarz auf weiß gedruckt.

Das am Dienstag im Berliner Sternerestaurant «Margaux» vorgestellte Kochbuch soll das kreative Miteinander in der Küche fördern. Es soll diesen Monat im Münchener Justina Verlag erscheinen. Zusammengestellt und erprobt wurden die Rezepte von Michael Hoffmann, Betreiber des «Margaux», und von zwei blinden Hobbyköchen.

«Zander mit Senf und Schmorgurken», «Curryhuhn mit Früchten und Koriander» oder «Schokoladenroyal mit Beerenfrüchten» - die Rezepte sind zwar in einfacher Sprache beschrieben, aber auf dem Teller durchaus anspruchsvoll. «Ich stehe jetzt schon 25 Jahre hinter dem Herd und habe mich viel mit Rezepten beschäftigt. Aber mit solchen noch nicht», sagte Hoffmann. «Der Tiefgang der Rezepte, das ist etwas ganz besonderes. Wir mussten eine neue Sprache finden», erklärte der Koch die Schwierigkeit.

Gemeinsam mit den beiden blinden Hobbyköchen Hans Maier und Manuela Schlemm habe er im Dunkeln gekocht. «Wie erfährt ein Blinder, dass Zwiebeln goldgelb sind?», beschrieb Hoffmann eine der Herausforderungen. Vieles erkläre sich über Gerüche oder Gehör, erläuterte Maier. Zwiebeln beispielsweise röchen nussig und buttrig, wenn sie den richtigen Zustand erreicht hätten. «Bei Pilzen hört man, wenn sie gar sind. Wenn das Wasser aus den Pilzen ausgetreten ist, hört das Brutzeln auf und die Pilze sind fertig.»

Die Idee zum Kochbuch sei ihr gekommen, weil sie blinde Freunde habe, sagte Verlegerin Justina Hoegerl. Auch die Produktion des Buches sei anspruchsvoll gewesen: Das Papier sei zellophaniert, damit die Brailleschrift dauerhaft erhalten bleibe, und abwaschbar. Das Hörbuch sei aufgeteilt in Zutaten- und Rezeptteile. Auf diese Weise könnten Blinde im Supermarkt auf ihrem MP3-Player gezielt nur die Zutatenlisten abrufen. Als Ersatz für die bunten Fotos, die das Buch für Sehende verschönern, gebe es auf der CD eigens zu den Rezepten komponierte Musik.

Daraus und aus der Tatsache, dass ihr Verlag nur sehr klein sei, erkläre sich der Preis von 125 Euro pro Buch. «Ich hatte bei gut 400 möglichen Sponsoren vorgesprochen. Keiner hat sich bereit erklärt, das Projekt zu finanzieren.» Sämtliche Beteiligten seien in Vorleistung gegangen, damit das Werk erscheinen könne. dpa

Justina-Verlag München, Pappband gebunden mit Wire-O-Bindung in zwei Bänden im Schuber, Format 24x30, 264 Seiten, über 164 Fotografien, Inhalte in Schwarzschrift und in Blindenkurzschrift, ISBN 978-3-9812602-4-3, LC-Code 15093, 125 Euro