18. März 2008

Kulinarische Irrfahrt mit dem ICE 703

Hastig und hungrig erreiche ich nach einem langen anstrengenden Messetag den Bahnhof Dammtor in Hamburg, um die Heimfahrt nach Berlin fünf Minuten später anzutreten. Mein Sitzplatz wurde schon lange vorher reserviert, damals jedoch wusste ich nicht, dass mich meine so müden Beine und mein knurrender Magen direkt in das Bordrestaurant des ICE 703 leiten.

Von Jan-Göran Barth

Es ist bereits 21.15 Uhr und der Zug rollt still durch das nächtliche Hamburg, vorbei an der Alster hinaus aufs Land, vorbei an ruhenden Kernobstplantagen in Richtung Berlin.

Die aus Papier bestehenden Platzsets verraten mir, dass die Bahn hoch hinaus will. Sie greift nach den Sternen am gastronomischen Himmel, um das so in die Kritik geratene Bordessen zu revolutionieren.

Wie das funktioniert? Man nehme zwölf Sterneköche, wie z.B. Léa Linster, Johanna Maier, Jakob de Neergaard und Jean-Pierre Bruneau, verlangt von ihnen kreative Rezepturen und los geht es. Ich habe Durst und bestelle mir ein frisches Pils.

Während ich warte, studiere ich die relativ groß gehaltene Speisekarte. Salatvariation in vier Ausführungen, Lammbraten, Asiatisches Geflügelcurry, Rinderroulade, Chili con Carne mit Argentinischen Rindfleisch, Aufschnittvariation, Französischer Käse, Nürnberger Rostbratwürstchen und vieles mehr.

Nicht zu vergessen die vier verschiedenen Köstlichkeiten vom Koch des Monats. Jean-Pierre-Bruneau, 2 Sterne zieren sein Restaurant in Brüssel. Sein Motto: Regional-Saisonal . Trotz "Gedränge" im Bordrestaurant (8 von 24 Plätzen waren belegt) bekam ich endlich mein lang ersehntes Bier.

Upps, ein Pils im Weißbierglas! Habe ich einen neuen Trend verpasst? Nein, die freundliche Servicemitarbeiterin entschuldigte sich für diese kleine Panne, mit der Begründung, dass die Biergläser AUS sind. Nun ja, bei 30% Sitzplatzbelegung kann das schon einmal passieren.

Jean-Pierre-Bruneau bietet vier verschiedene Gerichte. Zwei Eintöpfe und zwei Hauptgänge Das ist zum einen Erbsensuppe aus den Ardenen mit Eisbein und geräuchertem Schweinebauch, gefolgt von einem Cassoulet mit Rauchwurst, Lamm-und Geflügelfleisch, Huhn mit belgischen Altbier und Schweinefilet mit Bernister Käse, Birne und Petersilienkartoffeln.

Ich entscheide mich für letzteres und bin schon gespannt auf eine durchaus schmackhafte Komposition die meine Geschmackspapillen bei 229 Stunden-Kilometer in rasende Schwingungen versetzen wird. Die Wartezeit vertreibe ich mir mit einem Blick in die Weinkarte, die mir erstaunlicherweise überwiegend eine Auswahl an vergorenen Rebsäften von Deutschen Winzern stellt.

Robert Weil, Bassermann-Jordan, Joachim Heger, Günter Künstler präsentieren hier ihre Einstiegsweine, abgefüllt in die kleinen praktischen Viertelflaschen. Lediglich eine Cuvée La Meseta (bestehend aus Syrah und Tempranillo) stammt aus Spanien.

Erstaunlich ist auch, dass die Bahn den Zugang für Champagner, Crémant, Prosecco & Co versperrt, und vielmehr ein Duo an Deutschem Schaumwein bietet. Menger-Krug Chardonnay brut und Rotkäppchen Riesling sind hier die Vertreter aus heimischen Landen. Ein schöner, zeitgemäßer Zug der Bahn!

Es ist so weit und mein Sternegang für 13,90 Euro wird serviert. Meine Erwartungen waren sehr optimistisch, zudem mir die Marketingidee mit der Zusammenarbeit Europäischer Sterneköche ausgesprochen gut gefallen hat.

Was sich nun aber da auf meinem Teller bietet ist alles andere als feine Küche. Da sind zum einen die Petersilienkartoffeln, die Geschmacklich nicht im geringsten an die Entdeckung Columbus erinnern, das Schweinefilet entwickelt bei mir furchterregende Geschmacksfantasien, die in Aroma und Sensorik eher mit einer lang getragenen Schuhsohle zu vergleichen sind.

Die Schwarzwurzeln schwimmen grob gehackt in der mit Farbstoffen abgestimmten, nicht abgeschmeckten Sahnesauce. Es ist schon eigenartig, wenn Birnen nach Schwarzwurzeln schmecken und Bernisterkäse einer Sahnesauce gleich gestellt wird.

Die Petersilie scheint genau wie das Bierglas am heutigen Tag AUS zu sein, dafür gibt es aber die klassische Kneipenbeilage von Dreierlei Gurkenscheiben mit Tomatenachtel. Mir ist klar, dass in diesem Zug kein Koch in der Bistroküche steht. Muss er auch nicht, denn es gibt genügend Möglichkeiten der Zubereitung von hochwertigen Speisen ohne Fachpersonal.

Um so sehr verwundert es mich, dass solch eine Qualität von einem namenhaften Conveniencehersteller stammt, der die Bahn exklusiv beliefert. Wer weiß, vielleicht waren die zugeschweißten Tütchen, die im Wasserbad erwärmt werden auch AUS und ein Alternativprodukt wurde mir auf dem Teller präsentiert.

Die kulinarische Irrfahrt mit dem ICE 703. Ist nicht manchmal weniger mehr? 

Kulinarische Grüße

Jan-Göran Barth

www.jan-goeran-barth.de