Wein
01. Juni 2007

Latour mit Pigott: La Grande Illusion

?I love Latour? mit Stuart Pigott ? und Knalleffekt!

 

Der Finger fährt liebevoll über die gold-geprägten Buchstaben der Einladung. 16 Jahrgänge des Grand Vin sollen verkostet werden. Für Latour fahre ich auch sonntags um 22 Uhr nach Friedrichshain, in die Friedenstraße 91, den einstigen Wein-Keller der SED. Places are strictly limited!

 

In dem Gewölbe haben sich 20 Wein-Enthusiasten getroffen, Weinhändler aus London, Journalisten aus Hamburg und Berlin, Winzer Ernie Loosen. Zum Entree gibt es einen ziemlich furchtbaren Sparkling wine, schmeckt wie die alten Mauersteine im Keller hier unten aussehen, kommt bestimmt aus England!

 

Wir sitzen in schöner Atmosphäre im gewölbten Backstein-Gemäuer, im Schein der Kerzenleuchter. Stuart führt ins Thema ein ? seit 20 Jahren freier Autor, ein neues Buch gibt es auch ? kurz bevor der erste Wein eingeschenkt wird, muss er verschwinden, Aufregung, eine wichtige Sache rufe, hoffentlich nichts Ernstes, er komme wieder. Sommeliere Anja Schröder übernimmt die Moderation und liest zu den Weinen aus den Notizen Pigotts vor. Der Abend fährt fort, ohne Pigott. Dafür stößt noch ein lauter, unangenehmer Typ mit Glatze aus London zur Runde.

 

*

 

Aber zunächst einmal Nikos Latour-Verkostungsnotizen:

 

1975: granatrot, typisch, wunderbar gereifter Medoc, Johannisbeere in der Nase, herbe Tannine, Harmonie, Würze, Pfeifentabak, schöne Säure, noch fest strukturiert, 86-88

 

1985: Dunkel, Speck, Rauch, ein Klassiker, etwas gezehrt, um die 90

 

1986: Wirkt fast jugendlich, fest, konzentriert, Frucht, aber etwas enttäuschend im Vergleich zu einem 86er Mouton, 91-92+

 

1989: frisch, elegant, fein, sehr eleganter Bordeaux 92+

 

1990: Klassiker der Moderne auf Latour, extrem dicht, tolle Nase, satt und dicht, Extrakt, Schoko, konzentriert, aber noch sehr verschlossen, sehr hart, wenn es gut läuft, wird das ein echter Kracher, 95-97+

 

1991: erstaunlich gut für den Jahrgang, Tannin, zupackende Säure, Kaffee, Leder, streng, 89-90+

 

1993: fruchtiger, zugänglicher, schön trinkbarer Wein 85-87

 

1994: Kaffeesack, angenehme Röstaromen, gute Säure, 86 -88+

 

1995: hart, Bleistift, verschlossen, dicht, 90++

 

1996: atemberaubende Nase ohne Ende, schwarze Johannisbeere pur, Teer, Dichte, Espresso, elegantes Schoko, Brombeere (?), eleganter Macho mit Oberlippenbärtchen auf einem schwarzen Hengst reitend, sitzt noch 40 Jahre im Sattel, 98-100

 

1997: Schoko, fest strukturiert, tolle Frucht, best 97er aus dem Bordeaux! super trinkbar, gefällig, 92-93+

 

1998: weich und würzig, aber etwas enttäuschend, es fehlt das Latour-Rückgrat, lascher, weicher Händedruck, 86-88

 

1999: angenehmer Schoko-Touch, etwas Amarone, schönes Geschoß, saftig und süffig, 92-93

 

2000: Halleluja, süffig, Frucht pur, sophisticated, Würze, Struktur, Muskeln, Opulenz, machtvoll, Mokka, ein Rasseweib, (ja, ein weiblicher Latour, gibt es das überhaupt?), wie Marlene Dietrich im Film Morocco, wie sie barfuß über den Wüstensand geht, lasziv und unnahbar, große Tiefe, großer Abgang, 99-100

 

2001: hart, abweisend, astringierend, keine Frucht, schlechtester Wein des Flights, unter 85

 

2002: weich und fruchtig, zu fruchtig, zu süß, das soll Latour sein, eher ein Clown, 85-86

 

2003: ja, wieder typisch Latour, streng und doch weich, eine Art Sado-Maso-Krankenschwester, Tannin, Teer, 91-93

 

*

 

Der Engländer nervt unterdessen, wird immer lauter, four-letter-words fallen, er schmeißt Gläser zu Boden, fängt Streit an und verschwindet mit der Sitznachbarin nach draußen.

 

Hallo? Die Anwesenden, die Stuart länger kennen, haben ihn längst an der Stimme erkannt, er hat uns mit Perücke empfangen und macht sich den Spaß in der Rolle des Rüpel Stephen Tayler.

 

Als er als Stuart Pigott zurückkommt, verteilt er Zettel mit den echten Weinen, die wir getrunken haben. Stuart, Du Schuft!

 

Die ersten beiden sind Latour, der 86er ist ein Lafite. Dann vier echte Latour, der 94er war wieder ein Lafite.

 

So, das war?s mit Latour.

 

Die Auflösung der restlichen Weine:

 

1995 ist Montrose, fast so verschlossen wie der legendäre 90er

 

1996 ist Ridge Monte Bello, was für ein herrlicher Stoff, wird er so schön wie der 91er?

 

1997 Tertre Roteboeuf, Chapeau!

 

1998 Montelena Estate CS, nichts besonderes

 

1999 Cullens CS/Merlot, bene

 

2000 Viader (CS/CF), wow, wenn der Wein gepflegt altern kann, ist es ein Monument

 

2001 Montevetrano (CS/Merlot), na ja

 

2002 The Wild Grape, South Dakota, nichts für Niko

 

2003 Hensel Ikarus (Cabernet Cubin, CS), Chapeau!

 

Tja, so ist es, Stuart hat uns alle reingelegt, erst ein kleiner Schock, dann eine heilsame Erfahrung, die große Illusion der großen Namen!

 

Was für ein großer Spaß! Was für ein großes Erlebnis!

 

Stuart, Du genialer Schuft!

 

Grüße, Niko (aus 2006)

 

PS: der Sparkling war ein indischer Schaumwein aus Maharashtra (Omar Kayam von Chateau Indage).