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21. November 2009

Lieber Dirk Würtz

Offener Brief an Dirk Würtz und die auf Würtz-Wein kommentierenden Wein-Blogger über Fakten und Mythen

Ich schätze Dich als Revoluzzer, glasklaren Aufklärer in Sachen Wein und revolutionärem online Wein-Verkäufer.

Umso mehr überrascht es mich, wie empfänglich Du und ihr kommentierenden Weinblogger für dunkle Verschwörungstherorien geworden seid und ihr euch von einem ausgewiesenen Wein-Lobbyisten - der durch undurchsichtige Wein-Wettbewerbe in die öffentliche Kritik geraten ist, instrumentalisieren lasst. (By the way, genau wie die anderen Medienpartner DWI, over-blog und das Magazin Divino war ich vom Winzersekt-Wettbewerb zunächst begeistert und wir gingen alle davon aus, das er zu Ende geführt wird).

Also zu den Fakten:

Es wurden im Fall vom Gault Millau KEINE Sperrfristen gebrochen, zumindest weder von Bloggern, noch von Journalisten.

Beide Bücher - also Restaurant- und Wein-Guide - gingen bereits Tage vor den Fristen über die Tresen der Buchhändler. Die einzigen Sperrfristen, die - warum auch immer - gebrochen wurden, sind entsprechende Verträge zwischen Verlag und den Grossisten/Buchhändlern/Buch-Barsortimenter.

Ich selbst habe den Restaurant-Guide am Sonnabend, den 14. 11., und den Weinguide am Montag, 16.11., gekauft. Erst die Winzer auf der Big Bottle Party in Hamburg am Sonntag haben mich darauf aufmerksam gemacht, das es auch den WeinGuide bereits gibt. Hätte ich dies vorher gewusst, hätte ich ihn mir ebenfalls bereits am Sonnabend gekauft und wäre noch zwei Tage schneller gewesen.

Wer eine Information erhält, sei es, dass er das Buch Tage vorher im Buchhandel kauft, oder die Informationen aus anderen Quellen zugespielt bekommt, kann selbstverständlich frei darüber berichten. Er ist einfach schneller, ein Profi nannte dies "News fit to print".

Er bricht damit weder eine Sperrfrist noch verstößt er gegen einen Kodex oder gar Berufsethos.

Besonders schlimm ist, wenn einer der Kommentierenden Euch auffordert, einen "Fehler gemeinsam zu ignorieren" und das "im Sinne des Verlags und im Sinne des Berufsethos" - dann überschreitet er damit sogar die Grenzen von Lobbyismus und entlarvt sich als Anhänger eines Denkens, das totalitäre Regimes vorexerzieren. Will er damit Blogger zu brav männchenmachenden Subjekten degradieren, die nur auf das Wohl ihres Arbeitsgebers bedacht sind? Das wird er nicht schaffen. Aber solches Gedankengut erschreckt mich als Journalist, als Blogger ist es mir geradezu peinlich!

Anders verhält es sich, wenn jemand in eine Sperrfrist eingewilligt hat, also einen Vertrag unterschreibt, wie es beispielsweise bei Fernsehproduktionen, Fotografen auf Top-Events oder dem legendären Harry Potter üblich ist. Aber eine Sperrfrist über Twitter? Gern zitiere ich Eckhard Supp: "Darüber kann ich nur noch wiehern".

Interessanterweise habe ich mein Rezensionsexemplar des Restaurant-GM am 18. November, und des WeinGuides noch einen Tag später, jeweils lange nach meinen Veröffentlichungen, erhalten.

Deswegen empfinde ich es als extrem stillos, wenn ausgerechnet die Pressesprecherin des Verlages von Journalisten und Bloggern gleichermaßen beschimpft wird, warum sie angeblich Informationen nur an gewisse Journalisten herausgäbe. Was sich aus den oben genannten Fakten nun erübrigt. Und extrem stillos bleibt.

Meines Wissens sind keine Exemplare an Blogger und Journalisten vorab herausgegangen. Offensichtlich aber an gewisse Lobbyisten, sonst hätten diese am Telefon uns alle nicht mit ihrem ominösen Wissen um Sperrfristen belästigen können.

Alles andere sind Mythen, Legendenbildung und mittelalterliche Angstmache.

Genau das, wogegen Revoluzzer antreten müssen, Bangemachen gilt nicht.

Nebenbei habe ich noch einen Mythos auf Würtz-Wein gefunden. Über die Winzer, die im Sommer den Streit um den Gault Millau eröffneten, wertest Du: "Viel Lärm um nichts also, damit dürfte auch dem letzten klar geworden sein, warum es da eigentlich ging".

Nicht so vorschnell, diese Winzer, sind NICHT eingeknickt! Warum auch?

Der Gault Millau hat sich selbstverständlich die Flaschen auf den üblichen Wegen besorgt oder die Weine auf den Gütern anonym verkostet - und dann die Weine bewertet. Genau das muss er tun. Solch ein Guide ist ein Instrument der Verbraucher-Aufklärung! Auch ein Koch kann nicht verlangen, dass er vom Gault Millau oder Michelin nicht mehr bewertet wird. Ein Guide MUSS bewerten, sonst macht er sich überflüssig!

Gerade die Blogger Szene sollte sich nicht von interessengesteuerten Lobbyisten beeinflussen lassen, (ich habe mein Teil dabei gelernt), sondern muss über das berichten, was ihr wichtig ist. Was Du auch in den nächsten, folgenden Absätzen über die Besten-Listen tust: gottseidank, da isser wieder, der Revoluzza Dirk, wie ich ihn kenne!

Dabei muss sich selbstverständlich JEDER an geltende Gesetze in Deutschland und nach den Richtlinien des Presserates halten. Sperrfristen sind in Deutschland seit 2006 nicht mehr relevant. Laut Presserat dürfen Sperrfristen nicht Werbezwecken dienen. Daher benutzen Profis wie die Redaktionen von Gault Millau und Michelin einen einfachen Trick: sie veröffentlichen die Informationen erst zu einer sogenannten "Sperrfrist" auf ihren homepages. So können sie das Erscheinen selbst kontrollieren und kein Medium kann vorher berichten.

Diese Richtlinien gelten selbstverständlich für alle, die öffentlich publizieren. Es gibt keine Sonderregelungen für Blogger, daher bedarft es auch keines speziellen Ehrenkodex.

Genügend unabhängige Blogger und Journalisten zertrümmern weiterhin Mythen und sammeln Fakten.

Jeder muss sich selbst entscheiden, ob er Revoluzzer oder Wasserträger ist.

Bitte mehr Aufrichtigkeit, mehr Stil, mehr Mut zur Aufklärung!

Euer Niko

PS: Beachtet bitte meine Sperrfrist auf Twitter. Jeder Blogger darf erst ab 6. Dezember, 6 Uhr, diesen Offenen Brief verbreiten! Verstöße werden mit 5000 Euro Strafe geahndet, ich überweise die Summe nach der Sperrfrist auf das Spenden-Konto des Gault Millau.

PPS: Kompliment an Sigi Hiss, der sich weigerte, mir das pdf zu schicken. Nun musste ich also auf ihn verlinken, obwohl es eigentlich die journalistischen Lorbeeren der Weinwirtschaft und ihres Chefredakteurs Dr. Hermann Pilz sind! Kompliment also für das einscannen des Textes, schnell gelernt!

Nun zu den Mythen