REISE
10. August 2009

Mallorca: Urlauber können nicht kostenlos stornieren

Keine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes: Urlauber haben derzeit keinen Anspruch, Mallorca-Reisen wegen der jüngsten Anschläge kostenlos zu stornieren. update: Tourismus ist Haupteinnahmequelle auf Mallorca

Bislang fehle dafür die rechtliche Handhabe, sagte der Reiserechtler Paul Degott aus Hannover. Pauschalurlauber könnten erst kostenlos vom Reisevertrag zurücktreten, wenn ihre Reise aufgrund von unvorhersehbarer höherer Gewalt erheblich gefährdet oder beeinträchtigt wird. Zwar gelte ein Bombenattentat auch als höhere Gewalt. «Dass Urlauber jetzt massive Einschränkungen fürchten müssen, kann man aber noch nicht sagen.»

Auch gebe es bislang keine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes, erläuterte der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Reiserecht in Wiesbaden. Sie werde als deutliches Indiz dafür angesehen, dass eine Reise wegen höherer Gewalt gefährdet wird - und damit kostenlos storniert werden darf. Das gelte aber nur für Pauschalurlauber. «Individualreisende buchen ohnehin auf eigenes Risiko», sagte Degott. Wenn sie aus Angst vor Anschlägen nicht mehr auf die Ferieninsel fliegen wollen, bleiben sie also in jedem Fall auf den Reisekosten sitzen.

Das Auswärtige Amt in Berlin hat seinen Sicherheitshinweis zu Mallorca inzwischen verschärft. Nach den erneuten Bombenanschlägen am Sonntag rät das Ministerium Urlaubern zur Vorsicht: «Reisende werden gebeten, den Anweisungen der örtlichen Sicherheitsbehörden Folge zu leisten und sich umsichtig zu verhalten, insbesondere Menschenansammlungen zu meiden», heißt es in den am Sonntag aktualisierten Reisehinweisen für Spanien. Es müsse erneut mit Behinderungen durch Maßnahmen der spanischen Sicherheitsbehörden gerechnet werden. «Die touristische Infrastruktur der Insel ist im übrigen derzeit nicht betroffen.»    

Müssen Pauschalurlauber wegen der Anschläge etwa im Hotel bleiben, lässt sich das unter Umständen reklamieren. So könnten Urlauber zum Beispiel ihr Geld für eine gebuchte Busrundfahrt zurückfordern, die wegen Polizeisperrungen ausfallen muss, erklärte Degott.

Am Sonntag hatte die ETA zehn Tage nach dem Attentat auf zwei Polizisten erneut einen Bombenanschlag auf Mallorca verübt. Menschen kamen nicht zu Schaden. Zwei Sprengsätze detonierten in Restaurants am Rande der Inselhauptstadt Palma. Eine dritte Bombe explodierte in einem unterirdischen Einkaufszentrum in der Innenstadt von Palma. dpa

Die Sicherheits-Diskussion

Tourismus ist Haupteinnahmequelle auf Mallorca

Mallorca gehört zu den beliebtesten Reisezielen im Mittelmeerraum. Vor allem deutsche und britische Touristen halten der mit 3624 Quadratkilometern größten Insel der Balearen seit Jahrzehnten die Treue. Allein rund 3,5 Millionen Deutsche im Jahr verbringen ihren Urlaub auf der zwischen Menorca im Nordosten und Ibiza im Südwesten gelegenen Insel, deren Haupteinnahmequelle mittlerweile der Fremdenverkehr ist. Doch auch an Spanien, dem nach Frankreich und den USA wichtigsten Reiseland der Welt, geht die Wirtschaftskrise nicht spurlos vorüber, die Jahre des Booms scheinen erstmal vorbei zu sein.

Angesichts rückläufiger Urlauberzahlen beschloss Spaniens Kabinett Ende Juli auf Mallorca, der Tourismusbranche mit rund einer Milliarde Euro unter die Arme zu greifen. Nach den jüngsten Anschlägen baskischer Separatisten fürchten mallorquinische Hoteliers nun weitere Umsatzeinbußen. Für die Tourismusindustrie wäre das ein Horrorszenario, denn der Fremdenverkehr steuert in Spanien etwa elf Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei und gibt etwa 1,5 Millionen Menschen Arbeit. Im ersten Halbjahr 2009 ging die Zahl ausländischer Besucher im Vergleich zum Vorjahr um 11,4 Prozent zurück.

Vor allem die Landwirtschaft prägte Mallorca bis 1950, auch wenn es schon vor dem Bürgerkrieg 1935 erste Ansätze von Tourismus gab. Wie der Tourismus-Professor Karl Born (Wernigerode) zu berichten weiß, gab es 1934 dort 37 deutsche Urlauber. Der Aufschwung begann in den 50er und 60er Jahren, nicht zuletzt durch das deutsche Wirtschaftswunder und die ersten Charterfluggesellschaften. Allein zwischen 1950 und 1970 stieg die Zahl der Touristen um das 22-fache. Heute machen die Einnahmen aus dem Tourismus auf Mallorca 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. dpa