Reise
14. Januar 2014

Rocky Mountain High

Foto: pitopia

"Rocky Mountain High" - der Folksong von John Denver ist der offizielle Song des US-Bundesstaats Colorado. Derzeit bekommt er einen neuen Beiklang: Veranstalter bieten dort seit neuestem Kiffer-Touren an

Von Heike Schmidt

Butterfahrten sind out. Der neueste Hit sind Kiffer-Touren - jedenfalls in Colorado. Auf Rezept bekommt man Marihuana hier schon seit 2000. Mit Beginn des neuen Jahres sind Cannabisprodukte für Erwachsene ab 21 Jahren jetzt auch als Genussmittel erlaubt - zum ersten Mal in den USA. "Damit sind wir diese lästige Nebenwirkung endlich los", sagt Mike Hawley und grinst. "Dass Du nämlich in den Knast wanderst, wenn du zum Spaß Gras rauchst." Für den guten Überblick, was ab sofort ganz legal und ganz lokal auf dem Markt zu finden ist, hat der gemütliche Mittfünfziger aus Denver mit Schnurrbart und Spitzbauch erst mal eine Marihuana-Tour gebucht.

Für Hawley ist es die große Befreiung. Andere wittern Big Business im grünen Gewerbe - wie Matt Brown, den Mitbegründer von "My 420 Tours". Bis weitere Bundesstaaten wie Washington im Laufe des Jahres nachziehen, erwartet der gewiefte Jungunternehmer Pot-Pilger aus dem ganzen Land und vielleicht sogar aus Übersee. Mit den vielen Nationalparks und seinen bekannten Skigebieten ist der Tourismus schon heute eine Multi-Millionen-Dollar-Industrie für den Staat in den Rocky Mountains. Marihuana-Touren seien nur eine weitere Facette, glaubt der studierte Betriebswirt: "Leute kommen sowieso her und schauen sich um." Und dabei könnten sie ab sofort eben auch einen Joint rauchen.

Das staatliche Fremdenverkehrsamt Colorado scheint wenig begeistert von dem Gedanken, in den beliebten Folksong "Rocky Mountain High" von John Denver einen neuen Unterton hineinzulesen. Momentan gibt es keine Pläne, die Legalisierung der Droge aktiv zu vermarkten. "Denver ist eine junge, aufregende Stadt mit einer lebendigen Kunstszene", sagt Rich Grant, Pressechef vom örtlichen Verkehrsbüro. "Hier gibt es auch so genug zu sehen."

Gerade fahren zwei gemietete Limousinen-Busse vor, bullig, schwarz und mit verdunkelten Scheiben. Die Fahrer tragen schicke Mäntel und Hemdkragen. Drinnen versprenkeln Discolämpchen bunte Lichtpunkte. Matt Brown, selber Marihuana-Patient mit chronischem Darmleiden, klettert hinein und stellt sich stolz zwischen lange Polsterbänken. "We made it", ruft er und reckt triumphierend die Rechte in die Höhe. "Wir haben es geschafft!" Ein Vorbild solle Colorado sein. Niemand brauche sich nicht mehr hinter Rezepten zu verstecken. Beifall von allen Seiten.

Startpunkt sind heute die Büros einer Firma, die Cannabis-Vaporisatoren vertreibt. Diskret und klein wie Kugelschreiber sind solche Inhalationsgeräte, die berauschende Wirkstoffe verdampfen und krebserregende Verbrennungsprodukte reduzieren sollen. Marihuana in der Öffentlichkeit zu konsumieren, ist verboten. Bald wabern Rauchfahnen durch den Privatbus.

Die erste Schnuppertour mit dem Titel "In die neue Ära" ist heute gratis

Freunde der Organisatoren, Geschäftspartner und Medienleute sind an Bord und die Gewinner eines Preisausschreibens. Ohne Anreise und Unterkunft soll eine Mehrtagestour künftig um die 1000 Dollar (rund 730 Euro) kosten, je nach Paket und Dauer. Dafür werden anreisende Cannabis-Connaisseurs vom Flughafen abgeholt, raucherfreundliche Hotels gebucht, Marihuana-Kochkurse organisiert und Workshops für eine gelingende Hanfzucht daheim angeboten. Besucht werden kommerzielle Anbauer und selbstverständlich die "Dispensaries" genannten Verkaufsstellen.

Nach Angaben von Julie Postlethwait vom staatlichen Finanzamt wurden bisher 355 Marihuana-Lizenzen ausgegeben, davon 140 für Einzelhändler. Die meisten Geschäfte werden sich auf Denvers Stadtgebiet konzentrieren. Damit könne es in "Cannabis Capital" nach Einschätzung der Tageszeitung "Denver Post" bald mehr Marihuana-Märkte als Starbucks-Filialen oder Läden für Alkohol geben. Gut drei Dutzend haben bisher eröffnet.

"Bud Med" ist einer davon, eher unscheinbar mit grasgrünen Markisen aber langen Warteschlangen vor dem Eingang. Er ist die erste Station der "My 420 Tour". Die Zahl ist ein ehemaliges Codewort in der Szene. Fürsorglich hat Inhaberin Brooke Gehring heute einen Imbisswagen aufgestellt. Warten macht hungrig. Dreieinhalb Stunden hat Isaac Carmona in der Kälte ausgeharrt. "Part of History", also ein Teil der Geschichte, wollte der 21-Jährige sein und präsentiert jetzt stolz eine braune Packpapiertüte.

Coloradans dürfen maximal eine Unze (28 Gramm) Cannabisblüten kaufen, die im Moment durchschnittlich 400 Dollar kostet. Davon sind 60 Dollar Steuern. Für Auswärtige liegt das Limit bei 7 Gramm. Darum überlegen die aus Chicago angereiste Sasha Minkov (21) und ihr Freund Jack Hibben (23), ob sie nicht besser gleich ganz herziehen sollten.

Wegen des Ansturms sind mancherorts die Regal leer und die Preise heftig gestiegen. Essbare Cannabisprodukte ? Lutschtabletten, Saft und Kekse mit Marihuana-Infusion - sind besonders beliebt. "Keine Ahnung, wann ich wieder Erdbeerriegel reinkriege", sagt Brooke Gehring und zuckt mit den Schultern.

Der nächste Stopp ist eine Lagerhalle im Industriegebiet. So sieht es also aus, wenn Marihuana aus dem Dunkeln ins Licht tritt: Angestrahlt von gleißenden Neonröhren in weiß getünchten Hallen wuchern in Räumen, die so groß sind wie zehn Garagen, knapp 4000 Pflanzen in hüfthohen Holzkästen und unterschiedlichen Stadien. Betriebsleiter Jimmy Creason erzählt von Wachstumshormonen, Bestrahlungsintervallen und verschiedenen Cannabisstämmen, die sedierend oder belebend wirken können. Die Stimmung ist andächtig. Proben werden nicht verteilt, auch keine Wolldecken, zum Abschluss aber ein kostenloser Vaporisator. Mike Hawley steckt gern einen ein. dpa

Reiseziel: Denver ist die Hauptstadt des westlichen US-Bundesstaates Colorado. Im Großraum leben 2,5 Millionen Menschen. Mehrere Unternehmen bieten hier Marihuana-Touren und -Aktivitäten an.
Klima und Reisezeit: Denver liegt auf einer 1600 Meter hohen Ebene zu Füßen der Rocky Mountains. Es herrscht ein trockenes Halbwüstenklima mit 300 Sonnentagen pro Jahr.
Anreise und Formalitäten: Lufthansa und United Airlines fliegen direkt von Frankfurt am Main nach Denver. Reisende brauchen einen Reisepass, der für die gesamte Aufenthaltsdauer gültig sein muss. Deutsche Urlauber brauchen in den USA kein Visum, müssen aber unter esta.cbp.dhs.gov eine elektronische Einreiseerlaubnis einholen. Sie kostet 14 Dollar (etwa 11 Euro) und gilt zwei Jahre.
Informationen: Colorado Tourism Office, Neumarkt 33, 50667 Köln (Telefon 0221.233 64 07, Email: colorado@getitacross.de)