Best of Donhauser
12. August 2010

Mein Jakobsweg nach Santiago

Teil I: Bon camino - Jakobsweg zwischen Burgos und Santiago

Ich bin Wiederholungstäterin - und auch die Bemühungen dieses Mal einen anderen Weg zu gehen - wurden mir von Zugausfällen, nicht wiederkehrenden Bussen und teuren Flügen verwehrt. Also, war ich wieder auf der gekannten Strecke zwischen Burgos und Santiago - ein gewaltiger Marsch von 485 Km in gut 3 Wochen. Die meisten Menschen, die ich auf dem Weg getroffen habe, sind nicht unbedingt religiös oder gar katholisch, sondern eher wissbegierig, kosmopolitisch und auch nachdenklich.

Jeder von ihnen hat so seine eigenen Gründe, warum er das macht, ob nun aus Dankbarkeit für überstandene Lebensprüfungen oder geschürt von individuellen Problemen. Sicherlich hat Hape Kerkeling viele auf den Weg bzw. auf die Idee gebracht, dies zu machen, aber trotzdem würde ich mich persönlich diesem Grund verwehren.

"Auch ein langer Weg beginnt mit dem ersten Schritt" (Laotse) Ich arbeite als Foodjournalistin, immer auf der Suche nach dem Genuss, was mir das ganze Jahr hindurch Sternerestaurants und Luxushotels beschert. Im Urlaub - gehe ich gerne zum Wesentlichen zurück, um den Boden wieder zu spüren: Und das ist mein Jakobsweg.

Jeden Tag um 5 Uhr früh den 12 kg schweren Rucksack packen, raus in die Natur, meist noch in der Dunkelheit mit der Beleuchtung der verblassenden Sterne, tief einatmen, mit der Gewissheit, dass es pro Tag zur nächsten Unterkunft, je nach persönlicher Verfassung zwischen 20 und 28 km sein werden. Dazwischen gibt es kleine Dörfer, die allemal eine Bar haben, um "Cafe americano" und "Bocadillo con jamon" zu servieren.

Oder Bauernhöfe, die Äpfel und saisonale Früchte verkaufen, die ohne Bio-Stempel einfach nach Natur schmecken. Oder im Feld sitzen, Mandelgebäck und Empanadas (süß oder salzig gefüllt), von der Bäckerin im letzten Ort, genüsslich essen und jedem Vorbeigehenden mit der Jakobsmuschel auf dem Rucksack einen "Bon Camino" zu wünschen.

Sicherlich ist der Jakobsweg die letzten Jahre sehr touristisch geworden, aber eigentlich nur die letzten 100 km vor Santiago. Denn diese muss man mit 2 Stempeln pro Pilgertag vorweisen, um in Santiago die begehrte Pilger-Urkunde zu bekommen. Alles, was über diese 100 km geht, ist individuell und zeitlich, jedem selbst überlassen.

Die meisten gehen alleine, so wie ich auch. Doch alleine ist man nie, denn überall ergeben sich Gespräche mit Menschen, jung und alt, aus aller Welt. Ob mit John aus Australien, der in den Pyrenäen angefangen hat und sein Spanisch verbessern möchte oder Karolin aus USA, die das Buch von Shirley McLaine gelesen hat und etwas esoterisch angehaucht ist. Oder der 70jährige Leipziger, der sich einfach selbst beweisen möchte, dass er gesundheitlich noch gut belastbar ist. Oder Vater und Sohn aus Rom, die dieser Weg bestimmt gut zusammen schweißt.

Die Gespräche auf dem Weg oder in den Unterkünften sind Multi-Kulti, die Begegnungen sind überraschend und bieten viele Blicke über den eigenen Tellerrand. Hinzu kommt die äußerst freundliche Art der Spanier, denn diese sind überzeugt, dass ihre helfende und zuvorkommende Art bestimmt einen Bonus beim Hl. Jakob in Santiago bringt.

21 Tage und 21 Nächte, jeden Tag in einem anderen Ort, in kargen Unterkünften, meist mit 10 bis 30 (oder mehr) anderen Pilgern in einem Schlafsaal, das gehört dazu. Helfen mit Pflastern, Medikamenten und tröstenden Worten, wenn ein anderer hinkt oder eingebundene Füße hat, auch.

Das Aushelfen mit Frischwasser auf längeren nicht bewohnten Strecken ist Ehrensache, das Scherzen mit Japanern, die mitten auf dem Weg sitzend ihren Lunch zelebrieren auch.

Der Kopf hat Urlaub, Beruf und Deutschland sind weit weg, keine Gedanken, endlich Zeit zum Betrachten: Der Weg ist gesäumt von Storchennestern auf den Kirchtürmen, Schmetterlinge, gelb, weiß mit Punkten, braune, geben die Eskorte - erstaunlich, sobald die Schmetterlinge fehlen, ist man/frau ab vom Camino.

Ruhig, entspannt ist das Gehen, der eigene Rhythmus gefunden, manche Gedanken-Querschläger brechen herein, aber auch diese werden durch den Blick auf Sonnenblumenfelder, Schafherden, Weizenfelder in der flachen "Meseta", in der kastilischen Region, zwischen Burgos und Leon eliminiert.

Nachmittags in der Herberge sind bei der täglichen Pilgerwäsche am Waschtrog wieder alle gesprächig. Die Anstrengungen sind vergessen, Füße werden versorgt und abends beim gemeinsamen Essen wird viel gelacht. Brot, Käse, Schinken, Oliven, dazu Rotwein, das war für mich hauptsächlich die Verpflegung. In jedem Dorf und in jeder Stadt gibt es lokale Produkte, die wieder ganz anders schmecken, wie vom vorherigen Ort.

Besonders stark ist der Unterschied zwischen Kastilien und Galicien. Die galicischen "Pulperien" sind zudem eine "Meeres köstliche" Abwechslung zu den sonst so fleischlastigen Gerichten in Kastilien. Die Weine wechselten mit der Landschaft, Rioja Weine waren ständige Begleiter, aber die galicischen Weine konnten sich auch sehen und schmecken lassen.

Der Weg ist das Ziel und doch am Ziel, in Santiago angelangt, war ich traurig. Der Weg ist zu Ende - und da keimt die Erkenntnis auf, dass der Weg, der Sinn ist.

Im Teil II erzähle ich von den kulinarischen Wegbegleitern, von Pilgermenüs und Tapas. Alles erschmeckt zwischen Burgos - Santiago und Finisterre (auf galicisch "Fisterra").

Eure

Rose Marie Donhauser

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