Michelin Guide Verleihung 2026: Interview mit Robert Mangold und Gisbert Kern

update: Die Sterne-Liste 2025

Mitten im Frankfurter Palmengarten liegt eine der bemerkenswertesten Gourmetadressen Deutschlands, das mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichnete Restaurant Lafleur. Dahinter steht Robert Mangold, einer der prägenden Köpfe der Frankfurter Gastronomieszene. Als Patron von vier Gastronomiebetrieben unter dem Dach der Tiger & Palmen GmbH ist er Initiator reichweitenstarker kulinarischer Veranstaltungsformate in Frankfurt. Sein letzter Coup sind die "Sterne über Frankfurt", ein fünfwöchiges Festival, das vom 19. Mai bis zur Guide Michelin Ceremony am 23. Juni 2026 mit hochkarätigen Kulinarik-Events die Sterne-Verleihung begleitet. Am Vortag der Michelin Guide Ceremony fand der Empfang des Frankfurter Oberbürgermeisters Mike Josef im berühmten Kaisersaal am Römer - dort, wo auch siegreiche deutsche SportlerInnen regelmäßig vom Balkon winken - statt: Die Gastronomie in Frankfurt ist auch in der Politik ganz oben angekommen, die Gästeliste liest sich wie ein Klassentreffen der deutschen Spitzenrestaurants. Sterneköchinnen und -köche wie Christoph Rüffer, Claus-Peter Lumpp oder Cornelia Fischer sind nach Frankfurt gereist, um im Rahmen von innovativen Formaten mit lokalen Größen wie Carmelo Greco, Valéry Mathis oder Andreas Krolic, Küchenchef in Mangolds Flaggschiff Lafleur, zu kochen.

Der Name erinnert an das berühmte Weingut Château Lafleur im Pomerol und steht seit 15 Jahren für eine Küche von außergewöhnlicher handwerklicher Präzision und geschmacklicher Tiefe. Ein idealer Ort also für ein Gespräch mit Robert Mangold, der nicht nur gastronomischer Innovator, sondern auch Präsident der DEHOGA Hessen ist. Wir treffen ihn zusammen mit seinem Geschäftsführer Gisbert Kern zum fleischlosen 4-Gänge-Lunch - die veganen Spitzenmenüs sind seit 2014 das Steckenpferd von Sternekoch Andreas Krolic.

Lieber Herr Mangold, die Michelin Guide Ceremony findet zum zweiten Mal in Frankfurt statt. Es heißt, dass es die Stadt Frankfurt viel Geld kostet, Austragungsort zu sein. Warum lohnt es sich trotzdem?

Robert Mangold: Geld-Kosten sind relativ. Die Stadt Frankfurt hat im letzten Jahr einen unteren 6-stelligen Betrag in 26 Veranstaltungen in fünf Wochen, mit dem Höhepunkt der Michelin Ceremony, investiert. Alle Veranstaltungen waren ausverkauft, alle Gäste begeistert. So haben die gesamten "Sterne über Frankfurt" und die Michelin Ceremony über € 10.000.000 Medienwert eingespielt. Das ist ein enormer Parameter in der touristischen Destinationspolitik. Die Stadt Frankfurt hat alles richtig gemacht.

Auch im nächsten Jahr soll die Verleihung wieder in Frankfurt stattfinden. Was hat die Stadt genau richtig gemacht, um sich erneut als Austragungsort zu qualifizieren? 

Robert Mangold: Die Michelin Administration aus Paris, das Team um Gwendal Poullennec, waren von der Bewerbung 2023 bis zur Durchführung der Ceremony 2025 sehr zufrieden. Das Konzept des Festivals, das wir in der Stadt Frankfurt ausgerollt haben, hat entscheidend dazu beigetragen. Die Idee des Michelin, die Kulinarik, die Werte wurden bestmöglich transportiert. Deshalb finden die Ceremony und die "Sterne über Frankfurt" auch 2027 in Frankfurt am Main statt.

Als erster deutscher Austragungsort der Michelin Guide Ceremony hat Frankfurt rund um die Verleihung das kulinarische Festival „Sterne über Frankfurt“ geschaffen. Wie kam es dazu, wer hatte die Idee? 

Robert Mangold: Seit Jahren haben wir in Frankfurt eine zweckgebundene Tourismusabgabe. Dies regelt, dass die touristische Abgabe von € 2.- für jeden Besucher, der in der Stadt FFM übernachtet - im Jahr kommen so 22.000.000 Millionen zusammen -, nur zweckgebunden in touristische Belange reinvestiert werden darf, also nicht für Straßensanierungen oder ähnliche städtische Aufgaben. So fragte mich die verantwortliche Dezernentin S. Wüst, wie wir die Spitzengastronomie besser ins Bild setzen könnten. Mein Vorschlag war, die Michelin-Ceremony für Frankfurt zu gewinnen. So entwarfen wir die "Sterne über Frankfurt", quasi als Begleitprogramm, welches großen Nutzen für das Image Frankfurts, die Gäste und natürlich für den Michelin hatte. Die Mittel dafür kamen aus der Tourismusabgabe.

„Sterne über Frankfurt“ findet bereits zum zweiten Mal statt, alle Veranstaltungen waren schnell ausverkauft. Wie haben Sie es geschafft, zusammen mit der Stadt Frankfurt und diversen Sponsoren und  Medienpartnern eine solche Veranstaltung auf die Beine zu stellen?

Robert Mangold: Wichtig dabei ist sicherlich, dass jeder, der die Gastronomie liebt, den Guide Michelin als Kompass für Qualität versteht. Ob Sterne, Bib Gourmand, Keys, Bestecke, er ist der Leitfaden für Genuss, Qualität, Verbindlichkeit und Glück. So war es sehr einfach, Gremien, Kollegen, Institutionen, Sponsoren, Partner, Mitarbeiter und Agenturen davon zu überzeugen, dass es eine wunderbare Gelegenheit ist, Gutes für unsere Heimatstadt zu tun. Wir sind für jede Unterstützung sehr dankbar und versuchen dies auch unseren Partnern nicht nur zu zeigen, sondern gastfreundlich mit allen Dingen umzugehen, die wir anvertraut bekommen. Da ist egal, ob es um die Zeit eines 3-Sterne-Kochs oder die einer Berufsschülerin geht, die sie uns schenken. Selbstverständlich dabei ist für uns , dass wir im ersten Jahr 20 % des Budgets mit Sponsoreneinahmen abdecken konnten - dieses Jahr sind es schon 30 % - und mit dem Gesamtbudget sehr vernünftig und sparsam umgehen.

Zahlt das Festival auf das Marketing der Hotels und Restaurants in Hessen generell ein? Oder betrifft der Effekt vor allem die kleine Gruppe der Sternerestaurants?

Robert Mangold: Das gesamte Festival zahlt auch auf die Region Frankfurt Rhein Main ein. Frankfurt ist eine kleine Großstadt mit 850.000 Einwohnern und ca. 500.000 Pendlern, also die Hauptstadt des Rhein Main Gebiets – ein Ballungsraum von 3.500.000 Einwohnern, die sich an der Frankfurter City orientieren. Dort sind die 300 Hotels und 2400 Gastrobetriebe, die einen Jahresumsatz von 1,5 Milliarden mit Einwohnern, Tagesgästen und 6.800.000 Übernachtungsgästen erzielen. 

Gisbert Kern: Die mediale Berichterstattung im Nachgang zur Sterneverleihung/Veranstaltung hat dazu beigetragen, dass nicht nur Frankfurt, sondern auch die Region als touristische Destination verstärkt wahrgenommen und angefragt wird. Davon profitieren alle. 

Die Gastronomie, und insbesondere das Fine Dining, befindet sich seit der Pandemie in der Krise, der Trend geht weg von festen Menüs und hin zum A-la-carte und sogar Sharing-Konzepten. Betrifft diese Entwicklung auch Frankfurt oder geht es den Sternererstaurants hier besser als anderswo? Gibt es besonders in den hessischen Metropolen eine größere Bereitschaft, Geld für Sternerestaurants auszugeben?

Frankfurt, Wiesbaden fügt sich ein in die bundesweite Entwicklung. Jedes Restaurant im Sternebereich hat seit Jahren zu kämpfen. Es gibt Ausnahmen, Konzepte, die oft sehr durchdacht und sehr gastfreundlich auf die Belange der Gäste eingehen und sich permanent weiterentwickeln. Diese Betriebe haben es sehr viel einfacher, spüren aber auch im siebten Jahr dieses herausfordernden Jahrzehnts die Kaufzurückhaltung. Die vielen Firmen haben ihre Besuche in der Sternegastronomie auch reduziert. Die Controler achten darauf, welches Lokal besucht wird, was konsumiert wird. So ist die Frequenz deutlich geringer geworden. Der Privatgast ist heute mehr denn je die Hauptgruppe und ihn zu überzeugen eine Investition für die Zukunft, wenn die Wirtschaftslage wieder besser wird.

Wie haben sich die Michelin-Sterne in Frankfurt generell in den letzten Jahren entwickelt? Werden es mehr, weniger oder bleibt die Zahl konstant? Wo sehen Sie die Stadt Frankfurt im bundesweiten kulinarischen Vergleich? 

Frankfurt entwickelt sich permanent weiter, hat sehr viele junge Konzepte, die sich auch am Michelin und Ihren Kriterien orientieren. Dieses Jahr haben wir zwei besonders exzellente Kandidaten auf einen oder zwei Sterne. Das Restaurant Rausch und das the dune werden sicherlich ausgezeichnet. Weiter haben wir mit dem Bornheimer Ratskeller einen großartigen BIB, der ebenso überzeugend ist.

Was ist das Besondere an der Gastronomieszene in Hessen und wie würden Sie die Entwicklung beschreiben? Wo geht die Reise kulinarisch hin? Was sind die Trends, die Sie beobachten können?

In den Städten werden neue Systemrestaurants weiter Einzug halten, jedoch auch mindestens so viele kreative junge Konzepte, die sehr eng von den Betreibern beeinflusst und ohne sie nicht denkbar sind. Also antipodische Konzepte, sehr standardisiert, oder individuell, Gemüse und wenig Alkohol sind wichtige Themen. Auf dem Land steht die Regionalität vom Gemüse, Weizen, Fleisch, Wein über Limonaden bis zum Bier im ganzheitlichen Mittelpunkt. Der DEHOGA Hessen arbeitet dort über mehrere Marketing-Plattformen mit der Landesregierung hervorragend zusammen, um über Hessen a la Carte, die 50 besten Dorfgasthäuser oder Gutes aus Hessen, erfolgreiche und neue Impulse für das Gastgewerbe zu setzen.

Welches Konzept würden Sie jungen Gastronomen, die in Hessen ein Restaurant eröffnen möchten, als erfolgsvorsprechend empfehlen? Systemgastronomie? Fine Dining? Weinbar?

Ein „deutsches Gasthaus“, mit frischen Speisen aus eigener Herstellung sehr guten, überwiegenden deutschen Weinen, Gemüseanteil auf der Speisenkarte, nicht übertriebener Einrichtung. Ehrliche sichtbare Werte. Die Kapitalinvestition ist dabei überschaubar, am Markt gibt es derer Betriebe nicht viele, der Durchschnittsbon ist nicht zu hoch, die Erfolgsaussichten riesig.

Welche Projekte zur Förderung von Gastronomie und Hotellerie stehen bei der DEHOGA Hessen demnächst an? Was liegt Ihnen besonders am Herzen?

Der DEHOGA Hessen benötigt Förderpartner und Mitglieder für eine erfolgreiche Zukunft. Wir müssen unsere Gastronomen und Hoteliers davon überzeugen, dass eine Mitgliedschaft im Berufsverband eine Selbstverständlichkeit ist und sich alleine durch die 7% und/oder die Gema-Rabatte selbst finanziert. Alle weiteren Vorteile und die Kollegensolidarität kommen als add on hinzu.

Gisbert Kern: Durch einen intensiven und konstruktiven Dialog sowohl mit der Landesregierung als auch den Kommunen vor Ort unterstützen und fördern wir das Gastgewerbe und arbeiten insbesondere am Abbau von Bürokratielasten. 

Um die Gastronomie und somit auch den Tourismus in den ländlichen und strukturschwachen Gebieten zu fördern, loben wir dieses Jahr erneut in Kooperation mit der Staatskanzlei unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Boris Rhein die Auszeichnung "Hessens Beste Dorfgasthäuser" aus. Diese gesellschaftlichen Wohnzimmer in den Dörfern gilt es zu erhalten.

Abschließend hätte niemand eine so herzliche Liebeserklärung an die Stadt abgeben können, wie Robert Mangold selbst beim gestrigen Empfang des Frankfurter Oberbürgermeisters im Kaisersaal:

"Frankfurt ist nicht nur Grüne Sosse, Weck, Worscht und Äppelwoi - so lieb wir sie haben, so plakativ dem einen oder anderem zu Frankfurt neben den Hochhäusern nichts einfällt. Frankfurt ist eine weltoffene, diverse, exzellente Genussmetropole. Sie verbindet Menschen, schafft Chancen und macht unsere Stadt lebenswert und schön."

Wir danken für das Gespräch!

Autorin Gesa Noormann mit Andreas Krolic