News
24. Juli 2010

Mikrowellenterror und die FDP

Hits aus dem Sommerloch: ein FDP-Abgeordneter macht sich gegen «Mikrowellenterror» stark, den er bei vielen Eltern ausgemacht hat. Notfalls sollen Eltern dicker Kinder zwangsweise Nachhilfe im Fach Ernährung nehmen

Erwin Lotter macht sich Sorgen. Übergewicht ist für den FDP-Politiker eine tickende Zeitbombe. Um sie zu entschärfen, müsse bei den kleinsten Opfern falscher Ernährung und mangelnder Bewegung angesetzt werden. «Eltern und Erziehungsberechtigte werden ihrer Verantwortung nicht gerecht, wenn sie Kinder mit Fast Food vollstopfen oder Mikrowellenterror ausüben.» Im äußersten Fall könnten Eltern übergewichtiger Kinder verpflichtet werden, Ernährungskurse zu besuchen - nach dem Beispiel von Erste-Hilfe- Kursen für Führerscheinanwärter.

Zunächst hieß es sogar, der FDP-Gesundheitsexperte Lotter bringe ein Verbot von Burgern & Co. ins Spiel. Schnell erklärt er: «Ich habe kein Verbot von Fast Food gefordert.» Eine schrille Forderung im Sommerloch kann einem schließlich lange anheften. Klassisch ist der Fall des früheren CSU-Abgeordneten Dionys Jobst. Mit einem Journalisten hatte er sich witzig über Mallorca unterhalten, so erläuterte Jobst es später. Daraus wurde aber 1993 die Schlagzeile «Mallorca soll deutsch werden». Bald machte ein Schätzpreis von damals 50 Milliarden Mark die Runde - der Fall ist heute noch vielen in Erinnerung.

Lotters Anliegen aber ist ernst. Er ist Allgemeinarzt und Psychotherapeut mit Praxis bei Augsburg. Doch wenn jemand in eigenen Reihen mehr Regeln oder vermeintlich gar Verbote fordert, schrillen bei den Freidemokraten die Alarmglocken. Die ernährungspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Christel Happach-Kasan, ist rasch zur Hand mit der Erklärung: «Die FDP-Bundestagsfraktion lehnt Verbote für bestimmte Lebensmittel wie Fast Food, Werbeverbote und Strafsteuern für vermeintlich ungesunde Lebensmittel ab.»

Dabei ist unbestritten: Immer mehr Jugendliche sind tatsächlich zu dick. Laut Robert Koch-Institut waren es zuletzt 15 Prozent der Minderjährigen, 6 Prozent sogar stark übergewichtig. Der Anteil fettleibiger Mädchen in Deutschland hat sich laut OECD-Statistik bis 2006 binnen fünf Jahren auf 11 Prozent verdoppelt. Dicke Kinder bekommen oft sehr früh Blutgefäßschäden, die zu Arterienverkalkung führen können. Das Risiko von zu hohem Blutdruck und Diabetes ist größer.

Forscher sind heute überzeugt: Es müsste an einem Bündel von Ursachen angesetzt werden. Gesunde Ernährung wäre ebenso wichtig wie mehr Bewegung und weniger Computer oder Fernsehen. Aber auch Familienchaos fördert Fettleibigkeit. So ist laut einer AOK-Studie die Wahrscheinlichkeit für Übergewicht bei Kindern 1,6 mal höher, wenn die Familie nicht regelmäßig zusammen frühstückt. Laut OECD sind Kinder in Familien mit geringem Einkommen und niedrigem sozialen Status öfter von Übergewicht betroffen als wohlhabende Kinder.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach attestiert dem FDP-Kollegen Scheinheiligkeit. Lange war eine Ampelkennzeichnung für Dickmacher im Gespräch. «Alle Initiativen für eine Ampelkennzeichnung im Gesundheitsausschuss sind von der FDP abgelehnt worden», sagt er.

Für eines braucht man kein Prophet zu sein. Den Vorstoß von Erwin Lotter dürfte ein ähnliches Schicksal ereilen, wie andere sommerliche Ideen von Politikern, die eher zum Bodenpersonal im Geschäft zählen. So hatte zuletzt der CDU-Politiker Gerald Weiß einen Strafenkatalog für Beleidigungen in der Koalition ins Spiel gebracht - und der Berliner CDU-Innenpolitiker Peter Trapp sowie der CSU- Europaabgeordnete Markus Ferber brachten Intelligenztests für Zuwanderer ins Gespräch.

Dass sich irgendwo Referenten über die Umsetzung solcher Vorschläge Gedanken gemacht hätten, ist nicht überliefert. (Basil Wegener, dpa)