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05. Januar 2012

Milder Winter bewegt Natur und Winzer

Frühlingshafte Temperaturen mit Pollenflug - Aus für Eiswein

Vögel zwitschern aufgeweckt im Morgengrauen, Blütenpollen fliegen durch die milde Januarluft und die ersten Frühblüher lugen bereits aus der Erde: Der bislang milde Winter bringt die Natur in Bewegung. Von einer Ausnahmeerscheinung mit drastischen Auswirkungen für Flora und Fauna wollen die Klimaexperten und Biologen deshalb jedoch nicht sprechen.

«So ungewöhnlich warm ist es derzeit eigentlich nicht. Solche Schwankungen haben wir immer wieder», sagte Josef-Valentin Herrmann von der Bayerischen Landesanstalt für Gartenbau und Weinbau mit Sitz im unterfränkischen Veitshöchheim.

Auch der bereits schwach umherschwirrende Blütenstaub der Hasel sei kein Indiz für ein außergewöhnliches Phänomen: Haselsträucher hätten in den vergangenen 30 Jahren stets irgendwann zwischen dem 3. Januar und dem 15. März geblüht. «Das ist eine ganz natürliche Variabilität von neun Wochen», so der Pflanzenexperte.

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat bereits reagiert und vor wenigen Tagen seine Pollenflugvorhersage gestartet. Auch er spricht trotz des warmen Winters von einem berechenbaren Trend. «Im langfristigen Mittel beginnt der Frühling in Deutschland immer früher», sagte DWD-Sprecher Uwe Kirsche. Im Vergleich mit den 1960er Jahren verabschiede sich der Winter im Mittel bereits eine Woche früher. Der diesjährige Winter bleibe zunächst warm: «Auch, wenn es in den kommenden Tagen ein wenig kühler wird, ein Kälteeinbruch ist derzeit nicht absehbar», sagte Kirsche.

Die wärmeliebende Tierwelt freut sich und kriecht aus ihren Löchern: Die Polizei meldete in dieser Woche, dass sich eine «leibhaftige Ringelnatter» in einer Hofeinfahrt in Niederbayern gesonnt hatte. Die Tiere verbringen den Winter eigentlich in frostsicheren Verstecken. Experten des Landesbundes für Vogelschutz in Bayern (LBV) sichteten bereits eine Blindschleiche und auch zahlreiche Grasfrösche. Molche hätten bereits die Wanderung zur ihren Laichgewässern begonnen.

Vor allem die heimischen Vögel profitieren nach LBV-Angaben von den milden Tagen. «Beeinflusst von der angenehmen Witterung und den länger werdenden Tagen beginnen sie mit der Balz und stecken ihr Revier ab», sagte LBV-Vogelexperte Alf Pille. Deshalb zwitschern sie derzeit so früh. Durch ihren Gesang markierten Meisen, Kleiber, Amseln oder Rotkehlchen schon jetzt die besten Reviere und sicherten sich gute Voraussetzungen für die Brutsaison, sagte Pille.

«Sollten die Temperaturen nun langsam wieder sinken, bricht dieses Verhalten zugunsten der Nahrungssuche sofort wieder ab.» Die Pflanzen- und Tierwelt komme mit Temperaturschwankungen generell gut zurecht. Problematisch werde es erst dann, wenn den milden Wintertagen eine plötzliche und längere Kälteperiode folge oder wenn sich kalte und warme Phasen in der Winterzeit in rascher Folge abwechselten.

«Durch die wärmeren Tage erwachen sie aus ihren Ruhephasen, ihr Stoffwechsel verdoppelt sich und sie brauchen mehr Energie», erklärte LWG-Agrarbiologe Herrmann. Diese Reservestoffe bräuchten Pflanzen und Tiere eigentlich im Frühling. Auch ihre Abwehrkräfte seien deshalb geschwächt.

Im schlimmsten Fall können bei den Bäumen und Sträuchern starke Frostschäden auftreten, die sich dann im Frühjahr bemerkbar machen», so Herrmann. Verzögerter Austrieb und erfrorene Knospen können die Folge sein. Karge Landschaften erwartet der Agrarbiologe indes nicht. «Die Regenerationspotenz der Pflanzen ist durchaus gegeben.» dpa

Winzer bangen um ihren Eiswein - zu warm

Die milden Temperaturen machen Wintersportlern und Winzern in Baden-Württemberg zu schaffen. Letztere bangen um ihren Eiswein. Wegen des milden Winters hängen die Trauben noch immer an den Rebstöcken - und drohen abzufallen. «Vor der Lese brauchen wir einmal minus sieben bis minus acht Grad, außerdem zwei bis drei Tage anhaltenden Frost», erläuterte Hermann Hohl, Präsident des Weinbauverbands Württemberg. Doch bislang herrschte dabei Fehlanzeige. Jetzt werde es langsam knapp, machte Hohl klar. Wenn es nicht bis Mitte Januar knackig kalt werde, drohe die Eisweinlese zum Totalausfall zu werden.

In Baden haben viele Winzer die Hoffnung bereits aufgegeben. «Sie haben das schöne Wetter genutzt und die Trauben für eine Auslese oder Trockenbeerenauslese geerntet», sagte der Präsident des Badischen Weinbauverbandes, Kilian Schneider. «Daraus lassen sich ja auch edle Tröpfchen machen.» Dass in diesem Jahr noch ein Eiswein zustande kommt, kann sich Scheider aus mehreren Gründen nicht vorstellen. Die Trauben würden schon lange am Stock hängen, deshalb seien die Beeren strapaziert. Nur schneller, strenger Frost könne Abhilfe schaffen - und der sei nicht in Sicht.

Das bestätigt der Deutsche Wetterdienst (DWD) in Stuttgart: «Es sieht in den kommenden Tagen nicht nach so kalten Nächten aus», sagte eine Meteorologin. Tiefdruckgebiete im Norden würden immer wieder warme Luft ins Land wehen.

Die Winter- und Schneefreuden sind im Schwarzwald weitgehend zum Erliegen gekommen. Einzig in der Region um den Feldberg in Höhenlagen über 1000 Meter liegen noch Reste der weißen Pracht. Dort sorgt allerdings ein scharfer Wind für ungemütliche Stimmung, sagte Volker Haselbacher vom Hochschwarzwald-Tourismus und dem Liftverbund in Freiburg. «Da hält sich der Spaß in Grenzen. Bei dem Wetter gehen unsere Gäste lieber ins Badeparadies als auf die Piste.» Alle für die kommenden Tage geplanten Wintersportveranstaltungen wurden abgesagt.

Auf dem Feldberg seien aber noch fast alle 16 Lifte in Betrieb. «Bei den Abfahrten, die um die 1000 Meter liegen, ist es dagegen sehr unsicher.» Hotels und Pensionen seien trotz des Wetters gut ausgelastet. Im Nordschwarzwald sind nur noch drei Loipen gespurt, «aber sie sind bei dem Pappschnee sicher auch kein Vergnügen», sagte Wolfgang Weiler vom Schwarzwald-Tourismus.

Die vergleichsweise hohen Temperaturen machen dem Württemberger Verbandspräsidenten Hohl auch in anderer Hinsicht Sorgen: Er fürchtet, dass die Weinstöcke zu früh austreiben und dann bei Frost im Februar oder März Schaden nehmen. «Das können wir nicht noch einmal brauchen», machte er deutlich. Schon im Vorjahr seien große Flächen durch Frost geschädigt worden. dpa