21. September 2009

Mit Wein makeln

Ein Wein-Kommissionär vor dem heißen Herbst

Der Herbst ist Rolf Ungers Hochsaison. Der Mainzer Weinkommissionär handelt mit Rebensaft nach Börsenmanier. Rund 200 Wein-Broker arbeiten in Rheinland-Pfalz, 120 sind bundesweit im Berufsverband organisiert. Kommissionäre fungieren als Bindeglied zwischen Winzern und großen Kellereien. Sie kaufen im eigenen Namen, aber auf Rechnung der Kellerei. Organisationstalent, Marktkenntnis und starke Nerven gehören zum Job.

Und die Wirtschaftsflaute? «Klar spüren wir die Krise», sagt Unger, Vorsitzender der Vereinigung Rheinischer Weinkommissionäre. Vor allem die geschrumpften Wein-Exporte ins Ausland schlagen durch. Wenn Briten seltener zu deutschem Wein im Supermarkt-Regal greifen, dann bedeutet das auch weniger Order aus rheinland-pfälzischen Kellern.

Der 60-jährige Unger legt den Telefonhörer beiseite. Noch herrscht Ruhe vor dem Sturm. Die heiße Phase der Weinlese steht unmittelbar bevor. Von Mitte September bis Anfang November ist an Urlaub nicht einmal zu denken. Die meisten seiner Zunft arbeiten selbstständig; Ehefrau und ältere Kinder helfen oft am Telefon und im Büro mit. Familienbetriebe, die über Jahrzehnte Vertrauen zu Winzern ihrer Heimatregion aufgebaut haben, sie bilden das Rückgrat der Branche.

Unger arbeitet seit 30 Jahren als Geschäftsführer der Traditionsfirma Georg Sieben im Mainzer Stadtteil Ebersheim. Bereits vor mehr als 100 Jahren wurde die Wein-Kommission gegründet. Im Herbst stellt das fünfköpfige Team Wein-Order für zehn verschiedene Kellereien zusammen.

Ungers Job ist ein Saison-Geschäft. Spürsinn, Wissen um Trends und Kellerei-Wünsche, Kontakte zu Winzern - der Szenekenner bildet das Scharnier zwischen Erzeuger und Markt. Ein Arbeitstag von 6.00 bis 23.00 Uhr ist im Herbst nicht ungewöhnlich. «Außerdem brauchst du breite Schultern», sagt Unger. Denn einerseits muss er für seine «Kunden», rund 300 Winzer aus Rheinhessen, möglichst hohe Gewinnspannen erzielen. Andererseits muss er für die Kellereien geschickt als Rohstoff-Einkäufer agieren. Der Weinbroker lebt von der Provision, die Weinbauern und Kellereien zahlen.

«Die junge Winzergeneration ist super ausgebildet und setzt zunehmend auf Flaschenwein-Vermarktung», erklärt der 60-jährige Experte. Bleibt da noch genug Weinmenge für den Vermittler? Unger lacht. «Wir profitieren sogar davon, dass Winzer immer bessere Qualität für ihren Flaschenwein erzeugen.» Denn ein Selbstvermarkter füllt nicht den gesamten Ertrag ab. Und nicht jeder Winzer will vom Marketing bis zum Hoffest stets Kundenbindung beschwören. So gehen pro Jahr stolze 70 Prozent eines Ernte-Jahrgangs durch die Hände von Kommissionären an den Weinhandel. Zunehmend bestimmen dort die Discounter den Markt ­ und die Preise.

Logistische Planung gehört zur Kernkompetenz eines Kommissionärs. Für bis zu 16 Tanklastwagen täglich stellt Unger die Haltestellen an Winzerhöfen zusammen. Jeweils 25 000 Liter fasst ein Transport. Häufig ist die Mosel das Fahrtziel. Denn Kellereien dort gelten in Deutschland als Marktführer. «Der Inhalt bleibt aber Rheinhessen- Wein», stellt Unger klar.

Der Branchen-Trend: Immer frischere Rohware ist gefragt. Darum richten sich Winzer mit ihrer Lese zunehmend nach der vom Kommissionär ausgetüftelten Zeitplanung. «In vier Tagen eine halbe Million Liter Müller-Thurgau» kann beispielsweise die Bestellung einer Binger Großkellerei für Unger lauten. Mit dem Wissen aus Winzer-Vorgesprächen gehen der Kommissionär und seine Crew an die Telefone, ordern, verhandeln, geben Preise durch. 60 Cent für den Liter Müller-Thurgau und 70 Cent pro Liter Dornfelder werde diesmal vermutlich das Angebot lauten ­ leicht unter Vorjahres-Niveau.

Ungers Prognose? An rheinland-pfälzischen Hängen reife ein wirklich guter Prädikatsjahrgang heran, weniger Menge bei hoher Qualität. Das Wetter spielte bislang mit. «Deutscher Weißwein zählt zu den Besten weltweit», gibt sich Unger überzeugt. «Auch der Auslandsmarkt wird das nach der Krise entdecken.»

Ohne Liebe zum Produkt Wein ist sein Beruf schlichtweg nicht vorstellbar. Trockener Weißburgunder und samtiger Spätburgunder gehören derzeit zu Ungers persönlichen Feierabend-Favoriten. dpa www.weinkommission-sieben.de