REISE
24. Januar 2010

Mont Saint Michel soll wieder eine Insel werden

Reise in die Normandie: Ein 200-Millionen-Euro-Projekt soll helfen, die versandete Bucht von Mont Saint-Michel wieder freizuspülen

Das große Holztor öffnet sich knarzend, und ein Mönch mit langem Bart und einer hellen Kapuze auf dem Kopf schaut durch den Spalt. Freundlich bittet er die Besucher, ihm über die steilen Steinstufen bis zur Abteikirche von Mont-Saint-Michel zu folgen. Trotz des kalten Regens trägt er Sandalen ohne Strümpfe, sein Habit flattert im Wind. In der Krypta haben sich bereits mehrere Ordensleute versammelt. Mit einem mehrstimmig gesungenem Psalm beginnen sie ihr Abendgebet.    

Der Felsen im Meer zählte im Mittelalter zu den wichtigsten Pilgerorten. Heute besuchen jährlich drei Millionen Touristen Mont- Saint-Michel. Doch das Inselchen, auf dem gerade mal die Kirche und ein winziges Dorf Platz haben, ist nur noch etwa 50 Tage im Jahr ganz vom Meer umspült. Während anderswo Gefahr besteht, dass in Folge des Klimawandels Inseln im Wasser verschwinden könnten, sorgt man sich in Frankreich, dass Mont-Saint-Michel bald dauerhaft im Schlamm statt im Wasser stehen könnte. Ein 200-Millionen-Euro-Projekt soll helfen, die versandete Bucht wieder freizuspülen.    

«Mont-Saint-Michel sähe sicher auch hübsch aus, wenn er von Wiesen und Weiden umgeben wäre», meint Projektleiter François-Xavier Beaulaincourt. «Aber dann ließe er sich nicht mehr in seiner Bedeutung erfassen», fügt er hinzu. Der Pilgerfelsen vor der Küste erschließe sich am besten, indem man ihn zu Fuß übers Watt erreiche. Heute kommen die meisten Besucher jedoch im Auto über den Deich und parken auf einem aufgeschütteten Parkplatz direkt am Fuß des Felsens. «Bislang hat der Ort sich den Besuchern angepasst, künftig sollen sich die Besucher dem Ort anpassen», meint Beaulaincourt.    

Die Eingriffe des Menschen haben dazu beigetragen, dass die Bucht immer weiter versandet ist: Der Deich aus dem 19. Jahrhundert, der den Felsen mit dem Festland verbindet, hat die Strömung rund um die Insel unterbrochen. Zudem wurden große Gebiete trockengelegt, um sie für die Landwirtschaft zu nutzen. Die Polder sind besonders fruchtbar, die Bauern ernten dort etwa viermal so viel. Sie dienen außerdem als nahrhafte Weiden: Das Salzwiesenlamm, das dort gezüchtet wird, gilt als Spezialität der Region. Als sie angelegt wurden, ahnte niemand, welche Auswirkung dies auf die Bucht haben würde.    

«In den vergangenen Jahren haben sich insgesamt eine Million Kubikmeter Schlamm angesammelt», sagt der Ingenieur. «Das kann man natürlich nicht einfach wieder ausbaggern.» Um die Bucht wieder vom Sand zu befreien, gibt es zwei große Projekte: Zum einen soll der Deich durch einen Steg ersetzt werden, unter dem das Wasser ungehindert durchfließen kann. Die Parkplätze werden aufs Festland verlegt, Besucher können künftig einen Pendelbus benutzen oder etwa eine Dreiviertelstunde lang zu Fuß über den Steg gehen.

Zum anderen spielt das Flüsschen Couesnon eine wichtige Rolle, vor dessen Mündung der Mont-Saint-Michel liegt. «Die Flut läuft zweimal täglich bei Flut in den Fluss hinein und bei Ebbe wieder hinaus», erklärt Beaulaincourt. In der Bucht von Mont-Saint-Michel gibt es den größten Tidenhub Europas, das heißt bis zu 15 Meter Unterschied zwischen Ebbe und Flut. «Wir wollen die Kraft des Wassers nutzen, um den Sand wieder ins Meer zu spülen», sagt er.    

Dazu gibt es nun einen Staudamm im Couesnon, der das Wasser bei Flut zurückhält und erst sechs Stunden später wieder abfließen lässt. «Es funktioniert wie eine Klospülung, allerdings läuft das Wasser nicht mit höherem Druck ab, sondern es dauert bloß länger», erläutert er. Seit Mai funktioniert der Gezeitendamm im Testbetrieb, demnächst soll er für Besucher geöffnet werden. Innerhalb der kommenden zehn Jahre soll der Wasserspiegel in der Bucht um 70 Zentimeter ansteigen - und Mont-Saint-Michel wieder eine echte Insel werden.    

Wer mit einer mächtigen Staumauer rechnet, täuscht sich. Der Couesnon, der die mentale Grenze zwischen der Bretagne und der Normandie bildet, ist überraschend klein. Das Flüsschen sieht gar nicht danach aus, als könne es eine riesige Bucht von Unmengen Sand freispülen. «Das wird ganz allmählich vor sich gehen», sagt Beaulaincourt. Wenn alles gut geht, trägt die Strömung den Sand einen guten Kilometer hinter den Felsen von Mont-Saint-Michel ins Meer hinaus. Wie viel Sand tatsächlich weggespült wird, messen Experten mit Laserstrahlen vom Kirchturm auf der Insel oder vom Flugzeug aus.    

Von der Technik ist nicht viel zu sehen. Über den Damm führt ein breiter Holzsteg, der einen wunderbaren Blick auf den Inselberg mit der Kirche bietet. Im Geländer sind vier Alphabete eingraviert - lateinisch, griechisch, hebräisch und arabisch - eine Hommage an die Mönche von Mont-Saint-Michel, die im Mittelalter Texte aus diesen Sprachen übersetzt haben. Wenn die Bauarbeiten fertig sind und wärmere Tage kommen, wird der Damm ein hübscher Ort sein, um die Aussicht auf den Berg und das Meer zu genießen.    

Lohnt sich der ganze Aufwand, nur damit der Felsen wieder vom Meer überspült wird? Beaulaincourt lächelt. «Es ist ein ästhetisches und ein intellektuelles Projekt», sagt er. «Mitten in der Krise hätten wir das Geld dafür vermutlich nicht bewilligt bekommen.» Aber die 200 Millionen Euro seien eine sinnvolle Investition. «Das ist nicht teurer als ein Fußballstadion oder 40 Kilometer Autobahn», sagt er. Es sei wichtig, dass das Projekt nicht gegen die Natur vorgehe. «Im Gegenteil, wir stellen wieder her, was sich durch den menschlichen Eingriff verändert hat.»    

Mont-Saint-Michel war das erste Denkmal Frankreichs, das 1979 auf die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen wurde. Später bekam es zusätzlich den Titel des Weltnaturerbes. Aber der von der Kirche gekrönte Felsen und die Natur drumherum reichten allein nicht aus, um die Bedeutung der Insel zu beschreiben, meint Beaulaincourt. «Mont-Saint-Michel hat vor allem auch eine spirituelle Bedeutung», sagt der praktizierende Katholik, der in einem Haus mit Blick auf den Inselfelsen geboren wurde. «Manche kommen als Touristen her und kehren als Pilger zurück.»    

Schon früh zog der Hügel im Meer christliche Einsiedler an, die sich von der Welt zurückziehen wollten. Der Legende nach erschien Erzengel Michael einem Bischof im Schlaf und beauftragte ihn, dort eine Kirche zu bauen. Um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, soll er ihm mit dem Finger ein Loch in den Schädel gebohrt haben. Hintergrund dieser Geschichte ist vermutlich die Tatsache, dass ein durchbohrter Schädel als Reliquie jenes Bischofs verehrt wurde.    

Im 10. Jahrhundert ließen sich schließlich Benediktinermönche auf Mont-Saint-Michel nieder und bauten eine mächtige Kirche im romanischen Stil. Da die Baufläche sehr klein war, mussten die Klostergebäude samt Kreuzgang dreigeschossig aufeinandergestapelt werden. Bis zu 60 Mönche lebten in dem Kloster, sie kümmerten sich vor allem um die zahlreichen Pilger, die zum dem Felsen zogen.    

Mit der Französischen Revolution endete vorerst das geistliche Leben auf Mont-Saint-Michel. Anstelle der Mönche kamen Häftlinge: Aus dem Felsen wurde eine Gefängnisinsel. Immerhin wurden so die Gebäude vor dem Abriss bewahrt. «Eine Kröte in einem Reliquienschrein! Wann wird man in Frankreich je begreifen, dass es heilige Baudenkmäler gibt?» erboste sich der Schriftsteller Victor Hugo, als er das Gefängnis Mitte des 19. Jahrhunderts besuchte. «Mont-Saint-Michel ist für Frankreich, was die Große Pyramide für Ägypten ist», schrieb er in einem Appell für die Rettung des Denkmals.    

Seine Bitten hatten Erfolg, der französische Staat nahm sich der Abteikirche und des Klosters an und ließ sie aufwendig restaurieren. Obwohl in Frankreich Staat und Kirche streng getrennt sind, kreuzen sich in Mont-Saint-Michel immer wieder ihre Wege. So war es der frühere Kulturminister André Malraux, der sich Mitte der 60er Jahre dafür einsetzte, dass sich erneut Benediktiner in dem Kloster niederließen.    

Als Nicolas Sarkozy 2007 Präsidentschaftskandidat wurde, wählte er - ebenso wie sein Vorgänger Jacques Chirac - den Felsen im Meer für seinen ersten Auftritt. «Es ist ein symbolischer Ort, an dem eine laizistische Republik und eine Spiritualität aufeinandertreffen», bemerkte er und ließ sich im schwarzen Rolli vor der Kulisse des weiten Meeres fotografieren. Kritiker meinten, er habe dort vor allem die Stimmen der Katholiken fischen wollen. Einen zweiten Besuch zur Eröffnung des Gezeitenkraftwerks im Sommer 2009 musste er absagen, weil er zuvor beim Joggen zusammengebrochen war.    

Von den zahlreichen Besuchern der Insel geht nur etwa jeder fünfte den kurzen, aber steilen Weg zur Kirche hinauf. Viele bleiben gleich in einem der vielen Restaurants hängen, etwa dem traditionellen «Mère Poulard», das für seine dick aufgeschäumten Omeletts bekannt ist. Die Eier werden von einem «Omelettier» mindestens zehn Minuten lang mit einem Schneebesen in einer großen Kupferschüssel geschlagen, mit Butter verfeinert und auf dem Holzfeuer gebacken.    

Wer es bis zur Kirche schafft, tritt in andere Welt ein. Das romanische Langhaus mit seinen Rundbögen geht in einen gotischen Chorraum über, in dem alles nach oben zu streben scheint. Die Steinwände sind unverputzt, bis auf einige Halbsäulen und schlichte Kapitelle gibt es kaum Dekor. Die Mönche und Schwestern, die dort mehrmals täglich zum Gebet zusammenkommen, gehören zu der relativ jungen Ordensgemeinschaft von Jerusalem. Sie haben die Benediktiner abgelöst, denen der touristische Rummel zu viel geworden war.

«Wir wollen für alle da sein, die zum Mont-Saint-Michel kommen, seien es Touristen oder Pilger», sagt einer der Ordensbrüder, «wir beten mit ihnen oder für sie.» Manche finden ihre innere Ruhe, wenn sie den mehrstimmigen Psalmgesängen zuhören. Der eine oder andere kommt wieder, um sich für eine Zeit im Kloster zurückzuziehen - in der Tradition der ersten Einsiedler auf dem Mont Saint Michel. (Ulrike Koltermann, dpa)