Reise
09. Juni 2009

New York wird 400!

Reise nach New York: Big Apple bereitet sich auf sein Jubiläum vor. Auch Deutsche feiern das Holland am Hudson

Der schönste Weg nach Manhattan ist immer noch der, auf dem einst Henry Hudson auf die Insel zusteuerte. 400 Jahre ist es her, dass der wagemutige englische Kapitän mit dem holländischen Dreimaster «Halve Maen» (Halbmond) vor der Südspitze Manhattans aufkreuzte. Das Jubiläum wird nun im «Big Apple» mit zahlreichen Partys, Paraden, Konzerten und Ausstellungen gefeiert. Selbst routinierten New-York-Reisenden bietet es Möglichkeiten, die Weltstadt am Hudson River neu zu entdecken - und zwar nicht nur durch die holländische Brille. Auch Deutsche haben Grund zu feiern.    

«Schließlich stammt New Yorks DNA dank Captain Henry und seiner Amsterdamer Auftraggeber zwar vor allem aus Holland. Aber auch das Rheinland war hier früh vertreten», sagt der Historiker Seth Kamil. Mit seinen «Big Onion Tours» bietet er zum Thema «400 Jahre Holland am Hudson» kenntnisreich geführte Spaziergänge an. Sie beginnen im Süden des Broadway. Der schlängelte sich damals noch als Indianerpfad durch dichte Wälder. Holländer nannten ihn «de breede weg». Als Heren Straat war er eine der Hauptstraßen des Städtchens Nieuw Amsterdam.    

Zum Auftakt der Spurensuche empfiehlt Kamil die Fähre, die im Halbstundentakt zwischen der Südspitze von Manhattan und Staten Island verkehrt: «Die Fähre bietet den besten Blick auf Süd-Manhattan, wo alles begann, und sie ist kostenlos.» Kaum hat sie genügend Abstand vom Wolkenkratzer-Dschungel, klicken die Kameras. Manche New Yorker, die den Wasserweg zur Arbeit in Manhattan nehmen, schauen dagegen bis heute nicht gern hinaus. Einst waren die alles überragenden Zwillingstürme des World Trade Center (WTC) die Glanzlichter der Skyline. Wer am 11. September 2001 auf der Fähre war, konnte sehen, wie die Passagierflugzeuge in die Türme rasten.    

Die Terroristen wollten eine Lebensweise treffen, für die New York ein Symbol ist: Weltoffenheit und Toleranz. Das hat durchaus auch mit der «holländischen DNA» zu tun. «Die Niederlande waren im 17. Jahrhundert die kulturell vielfältigste und liberalste Gesellschaft der Welt. Das wurde auch New York in die Wiege gelegt», sagt der Autor Russell Shorto. Sein Buch «New York - Insel in der Mitte der Welt» erzählt davon. Es ist eine gute Lektüre für diese Reise.

    Begonnen hat New Yorks Geschichte, wenn man so will, mitten in Amsterdam: Vor dem Schreierturm am Grachtenviertel brach Hudson am 4. April 1609 mit der 26 Meter langen «Halve Maen» und 16 Mann Besatzung auf. Es waren jeweils zur Hälfte Holländer und Engländer. Doch ohne den Eigensinn des Kapitäns wäre alles anders gekommen: Die Amsterdamer Kaufleute, die den Seemann angeheuert hatten, wollten, dass er mit Kurs Nordost, vorbei an Norwegen und Russland, einen Seeweg zu ihren Besitzungen in Südostasien findet. Hudson glaubte hingegen, er werde in Amerika eine Durchfahrt nach Asien entdecken.    

400 Jahre nachdem Hudson am 11. September 1609 vor jener Insel ankam, die von den Lenape-Indianern «Mannahata» genannt wurde, sind dort «All Things Dutch»: Das Metropolitan Museum of Art zeigt «Dutch Masterworks», das Museum of the City of New York beleuchtet «The Worlds of Henry Hudson». Höhepunkt des Festjahres soll vom 8. bis 13. September die «NYC 400 Week» mit einer Hafenparty werden.    

Schulkinder lernen, dass die Bronx ihren Namen von Jonas Bronck hat, einem niederländischen Kapitän, der sich dort 1639 als erster Europäer niederließ. Die orange-weiß-blaue Flagge des US-Staates New York ist eine Kopie der Flagge der alten Republik der Niederlande. Brooklyn hieß Breukelen, die «Pancakes» kommen von Pannenkoeken, «Boss» von Baas. Und die Yankees? «Das waren wir auch», lacht Jan Rozenveld. Der Hotelier aus Holland managt eine Trendherberge an der Ecke von Broadway und 29. Straße und sagt augenzwinkernd: «Yankees soll aus den Namen Jan und Kees zusammengesetzt worden sein.»    

Rozenveld ist einer der vielen Holländer, die im «Big Apple» ihr Glück gefunden haben. Ein anderer hat ein Imbisslokal mit Fleischkroketten und Poffertjes unweit der Carnegie Hall aufgemacht. Und die Dessous-Designerin Marlies Dekkers macht mit ihren Kreationen aus Sinnlichkeit und Haute Couture von sich reden. Ihre neue Kollektion hat sie Hollands Entdeckern des 17. Jahrhunderts gewidmet. «New Yorks Dynamik erinnert mich immer wieder an die Energie der ersten niederländischen Händler in Amerika», sagt Dekkers.    

Am Times Square sieht Henry Hudson wie Donald Duck aus: Als Werbefigur «Captain Henry» winkt er Besuchern in der Uniform des Seemanns zu. Die «Duck Tours» bieten eine humorvolle Stunde in Amphibienfahrzeugen an, die am Times Square beginnt und neben dem am Hudson-Ufer vertäuten Museums-Flugzeugträger «USS Intrepid» aufs Wasser führt. Auch andere Veranstalter offerieren «Holland am Hudson»-Ausflüge: Es gibt Hafenrundfahrten, Kajak- und Segel-Touren bis hoch nach Albany, der Hauptstadt des Bundesstaates New York. Dort bauten Holländer 1624 das Fort Oranje, um den Pelzhandel mit den Indianern zu sichern und koloniale Konkurrenten abzuschrecken.    

«Wir sind stolz auf unser holländisches Erbgut, und das zeigen wir in diesem Jahr besonders», sagt George Fertitta, Chef der offiziellen Tourismusagentur NYC & Company. «Wir feiern Toleranz, kulturelle Vielfalt, Liberalität und Optimismus.» Und die Deutschen sollten da ruhig kräftig mitfeiern, findet Fertitta: «Denken Sie nur an Ihren Peter Minuit, ein gutes Beispiel für Internationalität.»    

Im Battery Park an der Südspitze Manhattans erinnert ein Denkmal an Minuit als Gründungsvater von New York. Ein anderes steht in Wesel am Rhein, wo er 1584 als Sohn wallonischer Flüchtlinge geboren wurde. Minuit wuchs deutschsprachig auf, heiratete eine Bürgermeistertochter aus Kleve, ließ sich in Utrecht zum Diamantenschneider ausbilden und reiste im Auftrag der Amsterdamer Kapitalgesellschaft West-Indische Compagnie mit einem der ersten Siedlerschiffe nach Manhattan. Als erster Gouverneur von Nieuw Nederland vollzog Minuit den legendären Tauschhandel, bei dem die Lenape-Indianer Waren im Wert von gerade mal 60 Gulden als Gegenleistung dafür bekamen, dass sie die Nutzungsrechte für ganz Manhattan an die Holländer übertrugen.    

«So wurde die Grundlage für die Stadt New York gelegt», heißt es auf dem Gedenkstein, auf dem Minuit und der Häuptling der Lenape zu sehen sind. Der «sogenannte Kauf von Manhattan», sagt Autor Russell Shorto, «ist das Symbol für die Eroberung des ganzen Kontinents».    

So freizügig und liberal die Gründer New Yorks auch gewesen sein mögen - vor allem waren sie echte Kapitalisten. «New Yorker wie Amsterdamer», heißt es augenzwinkernd in der Jubiläumsausgabe des Magazins «TimeOut», «verbeugen sich vor dem Altar des Geldes. Wir alle lieben einen guten Deal und sind bereit, dafür jemanden über den Tisch zu ziehen.» Kein Wunder, dass auch die Börse an der Wall Street - nicht weit weg vom Minuit-Denkmal - auf jene zurückgeht, die 1611 in Amsterdam entstand und die älteste Wertpapierbörse der Welt ist.    

Knapp vier Jahrhunderte nach dem «Indianer-Deal» macht ein anderer Rheinländer in New York gute, wenn auch vergleichsweise bescheidene Geschäfte mit der wachsenden amerikanischen Begeisterung für deutsches Bier. Michael Momms «Loreley» ist von der Wall Street aus mit einem Spaziergang durch China Town in weniger als einer Stunde erreichbar. An der Rivington Street in der Lower Eastside gibt es 80 deutsche Biere und rheinische Hausmacherkost - in einem Kölner Ambiente ohne Deutschtümelei. «Ein deutsches Restaurant, das kein kitschiger Sauerbraten-Tempel ist», lobte die «New York Times».    

Rheinisch gestärkt, geht es von der Lower Eastside zu einer kleinen Kirche im nahen East Village, die sich als Schlusspunkt der New Yorker Holland-Spurensuche anbietet: Im Hof der St. Mark's Church-in-the-Bowery erinnern eine Grabplatte und ein Denkmal an den wohl berühmtesten Einwohner der holländischen Amerika-Kolonie: Peter Stuyvesant. Er hatte einst den Wald in dieser Gegend gerodet und die «Bouwerie» Nummer eins aufgebaut, die größte Farm der Insel.    

Zu seinen Verdiensten gehört, dass er 1664 bei der Kapitulation vor einer britischen Flottenübermacht den neuen Herren etliche Bestandsgarantien für Holländer und andere Bewohner der Kolonie abrang. So wurden die niederländischen Wurzeln entlang des Hudson River allmählich überlagert, aber nie ausgerissen.

Im Gegensatz zu Vorgängern wie Peter Minuit wollte der Calvinist Stuyvesant aber von Toleranz gegenüber Juden und anderen Andersgläubigen nichts hören - er versuchte gar, ihre Ansiedlung zu verhindern. Vielleicht lag es auch daran, dass die Leute in New York, wie Russell Shorto erzählt, lange Zeit glaubten, «in der Kirche spuke der Geist Stuyvesants, und nachts könne man das Tock-Tock seines Holzbeins hören». (Thomas Burmeister, dpa) www.nycgo.com/german, www.ny400.