Reise
17. Oktober 2009

Oasis of the Seas

Größtes Kreuzfahrtschiff der Welt nimmt im Dezember seinen Dienst in der Karibik auf

Ein Hauch Eis liegt auf dem Teakdeck der «Oasis of the Seas». Aber das ist nicht alles, was derzeit noch hinderlich ist: Der Besucher klettert über Farbtöpfe, Fußbodenleisten und Rohre, oder duckt sich unter Abdeckplanen und baumelnden Kabeln hindurch. Anfang November soll das neue Flaggschiff der Reederei Royal Caribbean International (RCI) fertig sein - und die Welt um eine Superlative reicher: Noch nie wurde ein so großes Kreuzfahrtschiff gebaut, noch nie war eines so teuer. Rund 1,4 Milliarden US-Dollar (940 Millionen Euro) kostet der schneeweiße Neubau, der gerade auf der Aker Werft in Turku in Finnland den Feinschliff erhält.    

Mehr als 2000 Mann sind auf dem 360 Meter langen und 71 Meter breiten Kreuzfahrer in diesen Tagen unterwegs - von Handwerkern bis zu Hafenarbeitern, die die ersten Waren an Bord bringen. Alle tragen blaue Overalls und Helme, gelaufen wird mitunter im Trab. «Es ist hier derzeit Betrieb wie auf einem vollen Freeway in Miami», sagt RCI-Sprecherin Elisabetta Raffo. «Aber wir sind gut im Zeitplan.» Am 30. November soll in Fort Lauderdale im US-Bundesstaat Florida die Taufe sein. Danach wird das Schiff ausschließlich in der Karibik kreuzen - wohin am 1. Dezember auch die Jungfernfahrt führt.    

In der Karibik sind die Inseln mitunter klein - und damit als Ziel für ein Schiff mit 5400 bis maximal 6296 Passagieren bei ausgereizten Zustellbetten sowie 2160 Mann Besatzung nicht ganz passend. So macht das Schiff nur drei Inselstopps auf einer Sieben-Tage-Tour: Charlotte Amalie auf St. Thomas, Philipsburg auf St. Maarten und Nassau auf den Bahamas. Im Plan sind auch Reisen nach Cozumel und Yucatán in Mexiko. Ein Vier-Tage-Trip führt zur reedereieigenen Insel Labadee bei Haiti, die seit 1986 von den RCI-Schiffen angefahren wird. Dort gibt es nun einen neuen großen Pier. «Tendern werden wir mit der 'Oasis' nirgends», sagt Raffo. Denn viel Zeit soll der Ein- und Ausstieg der Gäste in den Häfen trotz der Größe des Schiffes nicht kosten.    

«In den Häfen wurden neue Abfertigungsgebäude für uns gebaut, damit wir die Sicherheitskontrollen nicht mehr auf dem Schiff machen müssen», erzählt Hoteldirektor Raimund H. Gschaider. Schon der Einstieg am ersten Tag soll schnell gehen: In Ford Lauderdale wurde eigens ein kleiner Pier für die «Oasis» ausgebaut. 90 Schalter sollen dort die Zeit zwischen Ausstieg aus dem Taxi am Hafen und Eintritt in die Kabine auf 15 Minuten schrumpfen lassen. Das schaffen bisher nur Schiffe mit wenigen hundert Passagieren.    

Ein Landgang muss auch nicht unbedingt sein. Die «Oasis of the Seas» bietet so viel, dass die einwöchigen Reisen zu kurz geraten könnten. Nun will aber wohl nicht jeder Gast die beiden Kletterwände hoch, an der Zipline über den - einer englischen Strandpromenade nachempfunden - Boardwalk schweben oder zum Eislaufen. Aber die teilweise glasüberdachte Pool- und Barlandschaft mit Teakholz und Sandstein wirkt einladend, und der größte Frischwasserpool auf See im «AquaTheater» lockt mit der Möglichkeit erster Tauchversuche. Auch ein langer Spaziergang durch Grün wird möglich sein: Im zwei Fußballfelder großen «Central Park» in der Schiffsmitte werden bis zu acht Meter hohe Bäumen stehen, neben rund 2000 weiteren Pflanzen.    

Angst vor einem Hochhaus auf See muss keiner haben: Die «Oasis of the Seas» wirkt weniger groß, als sie ist. Die Architekten haben es geschafft, das Schiff trotz seiner 18 Decks elegant und im Innenbereich fast transparent aussehen zu lassen. Was auch dem großzügigen Einsatz von Glas zu verdanken ist. So haben sie das Hauptrestaurant - in dem mehr als 2000 Menschen auf einmal speisen können - so geschickt mit Ecken, Nischen und Trennwänden aufgeteilt, dass immer nur Teilbereiche einzusehen sind. Die zentrale Einkaufspassage, die «Royal Promenade», ist nicht mehr wie bei der RCI-Vorgänger-Schiffsklasse Freedom eine gerade Einkaufsmeile, sondern hat vorspringende Fronten, was gemütlicher aussieht.    

Das Schiff ist in sieben «Erlebniswelten» aufgeteilt - das erklärt ebenfalls die Abwesenheit eines Gefühl von Größe. Trotzdem: Es gibt immerhin 24 Restaurants. Davon wird abends sicher die «Rising Tide»-Bar ein Anziehungspunkt sein, auf der 50 Gäste mit Hilfe eines langsames Liftes beim Cocktail von der fünften Etage zum «Central Park» in die Höhe schweben können. Oder das Restaurant «150 Central Park», wo die preisgekrönte Nachwuchsköchin Keriaa von Raesfeld auftischt. Die 23-jährige Amerikanerin hat 2008 als erste Frau den Titel «Best Young Cook in the World» erhalten. Es gibt aber auch Steaks und Sushi an Bord.    

Die Farbgebung ist auf dem ganzen Kreuzfahrtschiff zurückhaltend, es dominieren Creme, Beige, Seegrün und -blau und ein wenig Rost und Terrakotta. Nur die Kinder- und Jugendbereiche sind farbiger: Bei den Kleinen geht es vom nostalgischen Karrussel bis zur Wasserrutsche kunterbunt zu, bei den Teens sind die Räume und Bars in Pink, Violett und Silbergrau gehalten. Die geräumigen 2706 Kabinen haben überwiegend Balkone - nach innen zu den Arkaden oder zum Meer.    

Vom Wellengang aber werden die Gäste auf der «Oasis of the Seas» kaum etwas merken. «Rund 12 oder 13 Prozent kann ein Schiff bei Sturm krängen», sagt Kapitän Tor Olsen und grinst über die erschrockenen Gesichter seiner Zuhörer. «Die 'Oasis' schafft aber auch bei starker See nur 4, höchstens 6 Prozent», beruhigt der 47-jährige Norweger. «Sie liegt wirklich sehr stabil im Wasser.» Leicht zu manövrieren sei das Schiff auch. Sogar ein Stopp ist schnell gemacht: «Der Bremsweg beträgt 2000 Meter, für so ein langes Schiff extrem wenig.» Wenn es doch einmal brenzlig werden sollte, können die 18 Rettungsboote für je 370 Passagiere innerhalb von 12 Minuten bestiegen werden.    

Anfang November wird die «Oasis of the Seas» Turku verlassen und über die Azoren in Richtung ihres Heimathafens Port Everglades fahren. Während der zwölftägigen Reise soll laut Hoteldirektor Gschaider die Crew eingewiesen werden. Und in Florida folgen fünf Tage Restarbeiten - unter anderem kommen die Pflanzen an Bord, die seit 1,5 Jahren in ihren Töpfen auf diesen Tag vorbereitet werden. (Hilke Segbers, dpa)