Wein
06. Juli 2009

Ökologischer Weinbau der Augustinusschwestern

Die stille Arbeiterin im Öko-Weinberg: die Augustinusschwestern auf der Vogelsburg bei Volkach in Franken

Zwei Handgriffe und Hedwig Mayer hat ein paar hoch wachsende Reben zwischen die Drähte gesteckt, die dem Weinstock seine Form weisen. Ihre Arme sind wettergegerbt, in die Hände der 67-Jährigen hat die Arbeit im Weinberg tiefe Linien gefräst. Das Mitglied der säkularen Glaubensgemeinschaft der Augustinusschwestern auf der Vogelsburg bei Volkach (Landkreis Kitzingen) steht mit festem Tritt im Steilhang.

Ihre Statur verrät: Sie ist die körperliche Anstrengung gewöhnt. Doch über ihren Ertrag - jährlich 75 Hektoliter Wein - würden Berufswinzer normalerweise lachen. Wäre da nicht ihr Ruf, Wegbereiterin des ökologischen Weinbaus zu sein. Jahre bevor das Wort «Öko» in den deutschen Sprachgebrauch kam, verzichtete Mayer bereits auf den Einsatz von Spritzmitteln.    

«Öko» - nur widerwillig kommt der Augustinusschwester das Wort über die Lippen, das seltsam fremd klingt aus ihrem Mund. Lieber sagt sie «Schöpfung bewahren», wenn sie ihre Art des Weinbaus beschreiben will. Mayer ist dieser Punkt wichtig, sie hat ein halbes Leben für diese Unterscheidung gekämpft. 1975 zum Beispiel, als sie die gängige Lehrmeinung einer Winzerschule in Würzburg anzweifelte und damit ihre Meisterprüfung in den Sand setzte. Oder bei einer Podiumsdiskussion im Jahre 1982, als sie ihre Weinbau-Philosophie trotz Anfeindungen zäh verteidigte: keine Herbizide, keine Insektizide und keine Fungizide. Auch auf den Einsatz schwerer Maschinen verzichtet die 67-Jährige im Weinberg - dem Boden zuliebe.    

Eine Sache des Glaubens? Mayer schüttelt energisch den Kopf. Ganz profane Gründe ließen die Glaubensgemeinschaft bereits Anfang der 60er Jahre auf die Chemiekeule verzichten. Mayers Vorgängerin im Weinberg, Schwester Christa Schleser, wurde von den Spritzmitteln krank. Giftstoffe zu meiden, ist bei den Augustinusschwestern seitdem Konsens: die Geburtsstunde des alternativen Weinbaus auf der Vogelsburg nahe des berühmten Weinortes an der Mainschleife.    

Mittlerweile, so zeigt eine Erhebung der Zentralen Markt- und Preisberichtsstelle in Bonn, haben auch andere Winzer die Vorteile des Öko-Weinbaus erkannt. Mehr als 4400 Hektar Land wurden dem Institut zufolge 2008 in Deutschland mit Öko-Wein bebaut. Drei Jahre zuvor war es gerade einmal die Hälfte. Schwester Mayer kümmert sich oft 40 Stunden in der Woche um die Reben, lockert mit der Hacke statt mit Maschinen den Boden. Am Ende deckt der Ertrag gerade einmal den Bedarf der hauseigenen Gaststätte.

Während Öko-Weinbau beliebter wird, meidet Mayer öffentliche Auftritte und Diskussionsrunden zu diesem Thema, obwohl sie eigentlich ihr Wissen weitergeben könnte. Als 1991 die europäische Öko-Verordnung verabschiedet wurde, lehnte die Schwester gar Kontrollen ab. «Wir werben nicht mit Öko, wir bauen einfach unseren Wein an», sagte sie damals wie heute. Inzwischen lässt sie ihren Betrieb nach den Öko-Richtlinien zwar kontrollieren. Um den Hinweis später auf dem Bocksbeutel zu finden, braucht man jedoch fast eine Lupe. Vermarktung ist nicht die Sache von Hedwig Mayer.    

Überhaupt ist die 67-Jährige alles andere als eine typische Winzerin. Um ihren Hals baumelt ein Kreuz, Sicherheitsschuhe sieht man an ihr selten, auch nach der Winzertracht sucht man vergebens. «Der Weinberg», sagt sie, «war für mich von Anfang an etwas anderes.» Die Augustinusschwester nennt es «ganzheitliches Denken», was sie auf den zwei Hektar mit malerischem Blick auf den Weinort Escherndorf und den Main findet. Jeden Handgriff, den sie am Weinstock ausführt, jede Reaktion der Natur auf ihre Arbeit überträgt sie auf das Leben. «Seit ich im Weinberg arbeite, lebe ich einfach intensiver.» (Hannes Vollmuth/dpa)