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17. Juli 2013

Oktoberfest geklaut

Es ist längst nicht alles bayerisch, was für bayerisch gehalten wird, denn Leberkäse und Oktoberfest sind Importe aus der Pfalz

Alexander Schubert, wissenschaftlicher Direktor der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, räumt mit dem einen oder anderen Missverständnis auf.

Frage: Im Mittelalter wurden die Kurpfalz und Bayern von den Wittelsbachern regiert, doch die Pfalz war mit Abstand das wichtigere der beiden Fürstentümer. Erst im 19. Jahrhundert drehten die Bayern den Spieß um und machten die linksrheinische Pfalz zu ihrer Provinz. Sind Bayern und Pfälzer dadurch zu Feinden geworden?

Antwort: Nein, das kann man definitiv nicht so sagen. Noch heute gibt es in der bayerischen Staatskanzlei einen Beauftragten für die Pfalz. Es gab selbst nach Gründung des Bundeslandes Rheinland-Pfalz noch Bestrebungen, die Pfalz mit Bayern zu vereinen. In München unterhält der Bund der Pfälzer in Bayern die Pfälzische Weinstube, ein ganz beliebtes Ausflugsziel. Dort wird bewusst pfälzisches Brauchtum hochgehalten, vom Pfälzer Leberknödel bis zu Pfälzer Weinen.

Frage: Was ist denn auf Pfälzer Seite von der bayerischen Herrschaft übriggeblieben?

Antwort: Die Lebensart. Heutzutage werden beispielsweise auch in der Pfalz immer mehr Oktoberfeste gefeiert  - wobei man das Oktoberfest mit einem Augenzwinkern durchaus als Import aus der Pfalz bezeichnen kann. Max IV.
Joseph, der letzte Kurfürst aus der Pfalz, richtete das erste Oktoberfest anlässlich der Hochzeit seines Sohnes Ludwig I. in München aus.

Frage: Das Oktoberfest ist also eine pfälzische Idee - gibt's da noch mehr?

Antwort: Wenn man die alte Kurpfalz nimmt, die auch die Region um Mannheim und Heidelberg umfasste, dann ist auch der berühmte Englische Garten in München definitiv ein Import aus der Pfalz.
Kurfürst Carl Theodor ließ sich für diesen Park vom Schlosspark Schwetzingen südlich von Mannheim inspirieren. Er holte extra den Landschaftsgärtner von Schwetzingen, Friedrich Ludwig von Sckell, nach München, um den ersten Volkspark Europas anzulegen.

Frage: Was ist denn noch pfälzisch, obwohl man es für typisch bayerisch hält?

Antwort: Ein weiterer Exportschlager ist natürlich der Leberkäse, den ein Mannheimer Metzger in München erfunden hat. Dieser Metzger kam auch im Gefolge von Carl Theodor nach Bayern. Bei vielen Dingen kann man heute auch nicht mehr so genau zuordnen, wo sie entstanden sind.
So entwickelte sich die Dampfnudel parallel in Bayern und der Pfalz, wenn auch mit unterschiedlicher Rezeptur. Im Pfälzischen kann die Dampfnudel durchaus ein herzhaftes Gericht mit Salzkruste sein, während sie in München immer in der süßen Variante mit Vanillesoße aufgetischt wird. Oder der Leberknödel, der in Bayern immer eine Suppeneinlage ist und in der Pfalz als herzhaftes Hauptgericht mit Kraut und Kartoffelbrei gereicht wird.

Frage: Gibt es noch mehr Parallelen?

Antwort: Auch die Leidenschaft für Bier und Wein ist beiden Landstrichen gemeinsam, wobei sich die Pfalz viel stärker als Weinregion herausgebildet hat, während der bayerische Raum vor allem mit dem Bier punktet. Aber: Auch Mannheim war im 18. Jahrhundert eine Biermetropole. Dort gab es 50 Braustätten für 9000 Einwohner.
Interessant ist auch, dass die Wittelsbacher auf beiden Seiten relativ zeitgleich Reinheitsgebote entwickelt haben. Während die bayerischen Wittelsbacher anordneten, dass nur Hopfen, Malz und Wasser zum Bierbrauen verwendet werden darf, verkündeten die pfälzischen Wittelsbacher eine Art Reinheitsgebot für Wein. Sie sorgten dafür, dass die Weinberge sortenrein blieben.

Frage: Und dann sind da noch die berühmten weiß-blauen Rauten - sind die etwa auch nicht bayerisch?

Antwort: Die Rauten sind ursprünglich das Zeichen der Wittelsbacher und nicht das Zeichen Bayerns - ebenso wie der Löwe, der später zum Pfälzer Löwen wurde. Das sehen wir auf dem Gebiet der ehemaligen Kurpfalz überall.
Egal ob es in Mannheim am Alten Rathaus ist oder in Bacharach, links und rechts des Rheins sind überall die weiß-blauen Rauten zu finden. Und die verweisen eben nicht auf die bayerische Herrschaft, sondern auf die jahrhundertelange Geschichte der Wittelsbacher als Kurfürsten und Pfalzgrafen bei Rhein.

Frage: In diesem Jahr feiert der Südwesten das "Wittelsbacherjahr".
Der Dirndl-Weltrekordversuch in Speyer am Wochenende gehört zwar nicht zum offiziellen Programm, bezieht sich aber auch darauf. Was halten Sie davon?

Antwort: Ich finde das großartig. Wir haben vor knapp drei Jahren den Stein ins Rollen gebracht, 2013 ein Wittelsbacherjahr zu feiern, und wir wollten von Anfang an ein breites Rahmenprogramm, um möglichst auch in die Lebensart, in das Alltägliche hineinzuwirken. Gerade die bayerisch-pfälzischen Gemeinsamkeiten bieten viele Möglichkeiten, mit einem Augenzwinkern an das Thema heranzugehen.

Frage: Aber was hat denn ein Dirndl mit den Wittelsbachern zu tun?

Antwort: Die Tracht ist eine ureigene Erfindung der Wittelsbacher. Schon beim ersten Oktoberfest ließ Max IV. Josef Kinder und Jugendliche in Trachten aufmarschieren - als Vertreter der verschiedenen Landschaften, die zu Bayern gehört haben. Das war eigentlich Phantasiekleidung und nicht historisch bedingt. Denn die Tracht ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, die gab es vorher gar nicht.

Frage: Aber das Dirndl ist bayerisch, oder etwa nicht?

Antwort: Das Dirndl gehört nach Bayern, aber nachdem der linksrheinische Teil der Pfalz ja mal bayerisch war, ist es auch in Speyer durchaus gut aufgehoben.

dpa