Reise
16. August 2009

Original Heckenwirtschaften in Franken

Schnitzel sind verboten, Pasta und Pizza ebenso. Es gibt Wurstsalat und blaue Zipfel, eben einfache Gerichte. Bier ist tabu, dafür gibt es Wein: Heckenwirtschaften können jetzt zertifiziert werden

Frankens Heckenwirtschaften haben im Vergleich mit Biergärten, Kneipen und Restaurants so manche Einschränkung hinzunehmen. Mehr als 40 Plätze dürfen es nicht sein. Auch darf der Winzer seine «Hecke» nur maximal zweimal im Jahr öffnen, insgesamt nicht länger als 16 Wochen. In dieser Zeit tummeln sich Einheimische und Touristen scharenweise in den Privathäusern der Weinbauern und genießen das Ursprüngliche. Der Bayerische Hotel- und Gaststättenverband (BHG) nimmt es hin, schließlich gibt es die Tradition seit Jahrhunderten in Weinfranken.

Renate Merkel aus Veitshöchheim bei Würzburg hat schon als Kind in der Heckenwirtschaft ihrer Eltern tatkräftig zugepackt. «Bei der Eröffnung sind die Nachbarn mit Kehrschaufel und Besen angerückt und haben gekehrt», erzählt die mittlerweile 71-Jährige. «Das ist eine heilige Handlung auf dem Dorf», schließlich müsse die Straße für die Gäste sauber sein. Eine Musikkapelle spielte sogleich zum Auftakt. Dazu habe die Familie einen Fichtenbusch aufgehängt, um zu zeigen, es sei wieder Zeit für Heckenwirtschaft.

Die Hecken erinnern nach Worten der stellvertretenden Bezirksheimatpflegerin in Unterfranken, Birgit Speckle, oft an kleine Wohnzimmer und sind mit Fotos oder Erinnerungsstücken liebevoll geschmückt. «Heckenwirtschaften machen unsere Dörfer lebendig, tragen zur Festigung der Dorfgemeinschaft bei und geben den Ortschaften ein individuelles Gepräge.» Wie viele Winzer ein- bis zweimal im Jahr Wohn- und Schlafzimmer ausräumen, um ihren Wein zu verkaufen, ist nicht gesichert. Der Fränkische Weinbauverband zählt etwa 130 Heckenwirtschaften, die meisten in Unterfranken.

«Das Wort kommt nicht von Häcker - dem Winzer, sondern von Hecke, hinter der Hecke, im Verborgenen», erklärt Volkskundler und Winzer Hermann Neubert aus Miltenberg. Die Weinbauern hätten ihre Erzeugnisse früher heimlich verkauft, um die Steuer zu umgehen. Mitte des 18. Jahrhundert seien die Machenschaften per Bischofsverordnung aber unterbunden worden. Wer dann etwas verkaufen wollte, musste das mit einem grünen Busch an der Haustür anzeigen.

Heckenwirtschaften gibt es überall dort, wo auch Wein angebaut wird. In anderen Bundesländern kennt man sie unter Besen-, Stroh- oder Straußenwirtschaft. Wie viel Umsatz damit in Franken generiert wird, ist unklar. Dass sie ein Renner sind, steht dagegen fest.

Matthias Schwägerl, Bezirksgeschäftsführer vom Hotel- und Gaststättenverband in Würzburg, weiß um die Beliebtheit der gemütlichen Weinkneipen. «Die Heckenwirtschaften sind kein Problem, wenn sie sich an die Regeln halten.» Etliche hätten aber weit mehr als die in der Gaststättenverordnung festgelegten 40 Sitzplätze. Zudem hielten sich einige nicht an das Gebot der einfachen Speisen. Die Landratsämter dürften nicht zu viel durchgehen lassen.

Als Konkurrenz zur herkömmlichen Gastronomie sieht Schwägerl die Hecken nicht. Die Touristen im Weinland spülen jährlich bis zu 1,8 Milliarden Euro in die Kassen der fränkischen Hotels, Restaurants und Winzer. Damit die Gäste auch wissen, dass sich in einer echten Heckenwirtschaft sitzen, können diese sich neuerdings zertifizieren lassen. Die Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) in Veitshöchheim hat extra Prüfer ausgebildet, die sich auf Wunsch in einer Heckenwirtschaft umschauen. «Wer bei dieser Bewertung 225 von 300 Punkten schafft, bekommt die Zertifizierung», erläutert LWG-Sachgebietsleiter Georg Bätz.

Das Konzept wurde zusammen mit dem BHG entwickelt. Neben Grundvoraussetzungen wie einer Weinkarte oder fränkischem Käse aus der Region achten die Prüfer auf die Weintemperatur, stilgerechte Räume mit Naturmaterialien oder regionaltypische Bauweisen. Auch dürfen echte Heckenwirtschaften keine Bierzeltgarnituren im Haus haben. Seit es die Zertifizierung gibt - eingeführt 2008 - hätten 30 Winzer mit ihrer Wirtschaft den Test bestanden, sagt Bätz. (Angelika Röpcke, dpa)

Woran erkenne ich eine echte Heckenwirtschaft?

Heckenwirtschaften sind keine Häcker- oder Winzerstuben. Straußen-, Busch- oder Strohwirtschaften werden wiederum synonym für Heckenwirtschaft verwendet. Im Unterschied zur Häckerwirtschaft haben Heckenwirtschaften keine Ausschankerlaubnis für das ganze Jahr und dürfen auch nur einfache kalte und warme Speisen verkaufen. Zudem darf kein Bier ausgeschenkt werden. Die Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) aus Veitshöchheim zertifiziert seit 2008 auf Wunsch Heckenwirtschaften.

So kann sich der Gast sicher sein, dass er in einer ursprünglichen Heckenwirtschaft sitzt - so, wie es bereits im Mittelalter war.

Auf der LWG-Checkliste stehen unter anderem Kriterien wie:

- Kein Angebot internationaler Kaffeespezialitäten und Torten

- Abhofverkauf der Weine möglich

- Im Ausschank befinden sich eigene Weine des aktuellen Jahrgangs (Müller-Thurgau, Silvaner, Bacchus, Rotwein)

- Es sollen vorzugsweise regionale alkoholfreie Getränke (Traubensaft, Obstsäfte) angeboten werden

- Es gibt kein Knabber-Angebot, Ausnahme Laugengebäck

- Typische Brotzeit- bzw. Vesperkarte, mit mindestens zehn Gerichten wie Käsebrot, geräucherte Bratwürste mit Meerrettich, eingelegter Käse, Blaue Zipfel oder Sülze mit Bratkartoffeln

- Die Zutaten werden überwiegend von örtlichen Bäckereien, Metzgereien und bäuerlichen Direktvermarktern bezogen

- Die Winzerfamilie ist persönlich in der Gästebetreuung anwesend

Quelle: Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau