REISE
30. Oktober 2017

Party-Hochburg Willingen Schnaps auf der Hütte

Helene Fischer war auch schon da: Willingen ist Hessens Partyhochburg. Doch trotz seines Rufs hat Willingen die Balance zwischen Partyexzess und Erholungstourismus gefunden.

Von Göran Gehlen

«Wer nach Willingen kommt, muss in die Kirche», heißt eine Regel im nordwestlichsten Zipfel Hessens. Die «Kirche» in dem 6000-Einwohner-Dorf war wirklich ein Gotteshaus - heute heißt sie aber Don Camillo, ist ein Restaurant und wirbt mit dem Slogan «Verdammt gut». Wer will, kann dort essen, ein Bier unter der Kirchenkanzel trinken oder im Discolicht tanzen. Don Camillo ist ein guter Einstieg in die verrückte Party-Parallelwelt von Willingen.

Die Gemeinde im Sauerland hat einen Ruf, der bis ins Ausland reicht: Sie ist berühmt als Wintersportort, beliebt bei Wanderern und Mountainbikern. Berüchtigt ist Willingen für das Nachtleben und als Reiseziel für Junggesellenabschiede und Clubs. Denn in Willingen gibt es wenig, das es nicht gibt: Gastronomien, die sich in Minuten in Großraumdiscos verwandeln, Automaten, an denen man mitten in der Nacht Bier bekommt, brennender Schnaps auf Berghütten. Und ab und zu rauscht ein gelber, einstiger US-Schulbus mit Partyvolk durch den Ort.

Gefeiert wird schon am Morgen: Mit der Seilbahn geht es auf Siggis Hütte auf dem Ettelsberg. In 838 Metern gibt es das berühmte brennende Feuerwasser und Erbsensuppe im Glas. Am Nachmittag verlagert sich die Party ins Tal. Es ist lustig, laut und kann auch mal peinlich sein. Touristengruppen mit T-Shirt-Aufschriften wie «Immer voll, der Klügere kippt nach» haben dem Ort Bezeichnungen wie «Ballermann im Sauerland» eingebracht.

Den Vergleich mit Mallorca lehnen die Willinger ab. Der Party-Tourismus ist aber akzeptiert: «Wenn sich viele Menschen an einem Platz treffen, passieren schöne Dinge - und nicht so schöne», sagt Karl Leyhe von der Werbegemeinschaft «Meine Gastronomie Willingen». Partytourimus sei eines der Standbeine, «die wir gut bedienen und bedienen müssen».

Dass Willingen gelegentlich darauf reduziert wird, sei logisch: «Es wird nichts so in die Welt getragen wie eine gute Party», sagt Arndt Brüne, Betreiber der Graf Stolberg Hütte. Facebook, Instagram - die sozialen Netzwerke befeuern die Legende von Wilingen.

Gegen 21.00 Uhr ist samstags Betriebstemperatur erreicht: Im Bistro Vis á Vis tanzen die Jüngeren zu Culture Beat, im Leo älteres Publikum zu Deutschpop. Schlager gibt es überall. Wer zur Toilette will, steckt auch mal ein paar Minuten in der feiernden Masse fest - Mitwippen ist angesagt, Widerstand zwecklos.

Saison ist in Willingen quasi immer. Der Samstag gilt als Party-Tag. Und wenn in den Niederlanden im Frühjahr Krokus-Ferien sind, dann sei durchaus drei Wochen lang jeden Tag Samstag, sagt Brüne. Die Niederländer machen neben den Deutschen und Belgiern eine große Zahl der Gäste aus. Der Ort mit seinen 10 000 Betten stoße dann an Kapazitätsgrenzen. In diesem Jahr wird ein neuer Rekord erwartet: Man rechne mit 1,1 Millionen Übernachtungen, erklärt die Werbegemeinschaft. Inklusive kleinerer Herbergen sollen es sogar 1,3 Millionen werden.

«Vor 100 Jahren war Waldeck das Armenhaus Hessens - und Willingen das Armenhaus Waldecks», sagt Leyhe. Heute ist das anders. Der Mini-Ort hat eine Infrastruktur, die Städte im Umland vor Neid erblassen lässt. Es gibt 3-D-Kino, Erlebnisbad, Sommerrodelbahn, Eishalle, Kartbahn, Ärzte, Shopping-Möglichkeiten. Eine Hängebrücke über den Diemelsee ist in Planung, eine neue Sportanlage wird gebaut.

Das trage zur Akzeptanz in der Bevölkerung bei, sagt Bürgermeister Thomas Trachte (parteilos): «Der Wochenendtourismus ist eines der vielen Angebote unseres Ortes, und wir wissen, dass wir davon leben.» Ganz ohne Probleme laufe das natürlich nicht ab. Aber für die Lösung zögen Gastronomen, Gemeinde und Bevölkerung an einem Strang.

Daher sucht man manche Dinge in Willingen vergebens: Go-go-Girls zum Beispiel gebe es nicht, so der Gewerbeverein. Vom kommenden Jahr an sind Fußballtrikots in Discos und Restaurants verboten. Junggesellenabschiede mit bunten Kostümen sind schon länger tabu.

Die Kombination aus Party mit einem gewissen Grundniveau funktioniert offenbar: Selbst Neulinge im Willinger Nachtleben fühlen sich wohl. «Ich war schon als Kind in Willingen«, sagt Steffi Menne aus Nordrhein-Westfalen. Die 47-Jährige ist an diesem Abend aber zum ersten Mal im Nachtleben unterwegs - und begeistert.

Dass Willingen seiner Legende gerecht wird, bestätigt Rüdiger Konz von Partyreisen Deutschland. Der Reiseveranstalter hat sich auf diese Art des Tourismus spezialisiert. «Willingen ist heftig», sagt er bewundernd über das Partyleben dort. Trotz der Menschenmassen gebe es aber kaum Probleme. Die Nachfrage nach Willingen sei riesengroß. Der Ort sei sicher kein «Ballermann im Sauerland». In einem Punkt sei der Vergleich aber korrekt: «Von der Musik her, läuft da das Gleiche.» dpa

Reise nach Willingen: Helene Fischer war auch schon da

Über Willingen im Sauerland gibt es viele verrückte Geschichten. Manches ist übertrieben, einiges aber wahr.

SCHALLSCHUTZ: Wer laut feiert, braucht guten Schallschutz. Deshalb kommt in einigen Discos Isolationsglas wie an Flughäfen zum Einsatz. Das ist auch nötig, denn die Partymeile liegt mitten im Ort. HARLEYDAYS: Lauter als an den Partysamstagen wird es bei den Harleydays. Dann kommen Zehntausende Motorradfahrer und Fans der Marke Harley-Davidson in die Willinger Berge. Die nächste Bikerwoche ist für den Juli 2018 angekündigt.

KURORT: Auch wenn manche Gäste gar keine Ruhe wollen - Willingen ist ein «Heilklimatischer Kurort» und ein Kneippheilbad.

PROMINENTE: Jürgen Drews, Karel Gott, DJ Ötzi, Semino Rossi und Helene Fischer waren schon in Willingen und traten dort auf. Momentan ist Viva Willingen das Vorzeigefestival der Gemeinde. Es fand zuletzt im Juni statt.

SPEZIALITÄT IM UNTERGRUND: Das stillgelegte Schieferbergwerk «Grube Christine» kann nicht nur besichtigt werden, sondern dort reift auch eine Spezialität. Der «Stollen im Stollen» schmeckt dank einer Temperatur von 8 Grad und gleichbleibender Luftfeuchtigkeit angeblich besonders würzig.

MULTIFUNKTION: Platz ist wertvoll im kleinen Willingen. Früher hätten deshalb die Kinder ihre Zimmer räumen müssen, wenn die Gäste kamen, erzählen Einheimische. Das ist lange vorbei. Doch auch heute spielt Platz eine wichtige Rolle: Gastronomien sind multifunktional und lassen sich in kurzer Zeit vom Restaurant zur Disco umbauen. In der größten Disco, dem Brauhaus, können so 300 Leute Buffet essen und wenig später 2000 tanzen.

KURZ UND HEFTIG: In den vergangenen zehn Jahren ist die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in Willingen von 3,07 auf 2,8 Tage gesunken. Willingen ist laut den Gastronomen 3. oder 4. Urlaubsziel. Das bedeutet: Die Gäste machen zwei Mal im Jahr länger Urlaub und dann einen Kurztrip nach Willingen.