REISE
28. Februar 2009

Porzellan: Das Weiße Gold aus Sachsen

Feature: Eine Reise auf den Spuren des Porzellans nach Meissen

In der Porzellan-Manufaktur Meissen können Besucher dabei zusehen, was sich aus dem kostbaren Material alles machen lässt. Erst ist es nur ein grauer Klumpen. Nils Hoffmann beugt sich konzentriert darüber und formt mit angefeuchteten Händen eine kleine, runde Schüssel. Er streicht die Oberfläche glatt und stellt das Stück auf die Arbeitsplatte. Hoffmann ist Industriekeramiker in der Staatlichen Porzellan-Manufaktur - und das schon seit 25 Jahren. Eigentlich wollte der 41-Jährige als Dreher arbeiten. Doch seine Großmutter beschied ihm vor vielen Jahren ein anderes Talent. "Ich bin ihr sehr dankbar, dass sie mir geraten hat, diese Ausbildung hier zu machen - es ist wunderbar, mit Porzellan zu arbeiten", sagt er.    

"Wenn man einmal in Meißen gelernt hat, möchte man nie wieder woanders arbeiten - und im Grunde genommen ist man für die Arbeit in einer anderen Manufaktur auch überqualifiziert", sagt Hoffmann. Ähnlich sieht das Karmen Friedrich. Seit 1970 arbeitet die 54-Jährige als Bossiererin in der Manufaktur, die zu den wichtigsten Touristenattraktionen in Meißen zählt. Karmen Friedrich modelliert aus dem Rohstoff Einzelteile wie Engelsflügel, Nasen und Hände sowie allerhand Getier und Pflanzen und fügt diese an die Grundform an, sodass daraus am Ende beispielsweise eine reich verzierte Vase entsteht.

"Hier zu arbeiten, ist schon etwas Besonderes", sagt sie. Ob man nicht ab zu und zu in die Versuchung kommt, einer kleinen Figur aus Spaß eine krumme Nase anzubasteln oder einen Finger wegzulassen - nur um dem Stück dadurch die eigene, persönliche Note zu verleihen? "Niemals! Nein, Fehler erlaubt man sich hier einfach nicht, und dafür sind unsere Stücke auch viel zu kostbar", lautet die entschiedene Antwort.    

Wertvoll und erlesen ist das Material, mit dem Nils Hoffmann und Karmen Friedrich und mit ihnen etwa 400 weitere Porzellanmaler und -gestalter sowie 15 Auszubildende in der weltberühmten Manufaktur in Sachsen arbeiten. Gewonnen wird der Stoff, aus dem nach dem Brennvorgang bei 1450 Grad Celsius das berühmte Porzellan wird, aus Kaolin. Seit fast 250 Jahren wird es im firmeneigenen und rund zwölf Kilometer von Meißen entfernten Bergwerk in Seilitz abgebaut. Zu den 65 Prozent Kaolin-Anteil kommen Quarz und Feldspat. Die Zusammenstellung sowie etwa 10.000 Rezepte zur Farbenherstellung werden im hauseigenen Labor aufbewahrt und unterliegen strengster Geheimhaltung.    

Wirtschaftsspione haben davor heute wenig Respekt. Zigtausendfach wurden sowohl Designs der Meissener Manufaktur als auch die Herstellung des Porzellans kopiert. Ganz oben auf der Hitliste stehen dabei die berühmten Meissener Dekors "Zwiebelmuster" und "Voller grüner Weinkranz", besser bekannt unter Weinlaub, das sich seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dunkelgrün rankend auf strahlend weißen Weinkrügen, Tellern und Schüsseln präsentiert.    

Doch obgleich die Herstellung des Weißen Goldes schon lange nicht mehr der Manufaktur in Meißen oder der im benachbarten Potschappel liegenden Sächsischen Porzellan-Manufaktur Dresden vorbehalten ist, gilt die Gegend um Dresden als die Wiege des europäischen Porzellans, das gut 300 Jahre alt ist: Es war im Jahr 1708, als hier unter der Führung des Alchimisten Johann Friedrich Böttger das erste Stück Porzellan gebrannt wurde. 1709 berichtete Böttger dem sächsischen Kurfürsten August dem Starken über die Erfindung "des weißen und des roten Porzellans". Im Januar 1710 gab die sächsische Hofkanzlei die Erfindung des Porzellans und Gründung einer Manufaktur bekannt.    

Diese wurde sechs Monate später auf der Albrechtsburg in Meißen eingerichtet. Noch im selben Jahr wurde das weiße Porzellan auf der Leipziger Messe vertrieben. Und weil August den Umbau des heutigen Dresdner Japanischen Palais in ein Porzellanschloss plante, verkaufte er außerdem 600 seiner Soldaten an den Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. Im Gegenzug erhielt er 151 ostasiatische Porzellane, von denen die größten Stücke noch heute die Dresdner Porzellansammlung als Dragonervasen zieren.    

Augusts Pläne für ein Porzellanschloss blieben zwar unvollendet, und der Kurfürst hinterließ der Meissner Porzellanmanufaktur nach seinem Tod 1733 rund 48.000 Taler Schulden. Dennoch hat die Stadt Dresden dem umtriebigen Herrscher zwei ihrer bekanntesten Touristenmagnete zu verdanken: das Japanische Palais mit seiner geschwungenen Dachform und dem Giebelrelief "Die porzellanerzeugenden Länder bringen Saxonia ihre Schätze dar" sowie eine Sammlung von rund 20.000 Porzellanstücken, die im Dresdner Zwinger gezeigt werden.    

Damit ist diese Sammlung heute das weltweit größte Museum seiner Art, denn hier ist auch das ab dem Jahr 1738 entstandene und aus 1400 Einzelteilen bestehende Schwanenservice zu sehen - das größte und prunkvollste Service, das je eine Porzellanmanufaktur schuf. (Claudia Bell/dpa)