REISE
10. September 2010

Reise durch Franken

Winzerstädtchen und alte Klöster: Gute Weine gibt es in der Region um Würzburg seit Langem - egal ob in Iphofen oder Volkach

Goethe wusste, was gut ist. Regelmäßig ließ er sich Wein vom Würzburger Stein ins thüringische Weimar schicken. Noch heute schmückt sich das Juliusspital, Deutschlands zweitgrößtes Weingut, gern mit den Lobeshymnen, die sein einstmals prominentester Kunde auf die edlen Reben sang. Die wachsen längst nicht mehr nur innerhalb der Würzburger Stadtgrenzen. Zur Domäne des Juliusspitals gehört auch der Julius-Echter-Berg an den Steilhängen des 474 Meter hohen Schwanbergs, 30 Kilometer östlich von Unterfrankens Metropole.

Zu dessen Füßen liegt Iphofen. Das romantische Winzerstädtchen unweit der Bocksbeutelstraße hat gerade 2800 Einwohner. Man sieht ihm nicht an, dass hier zuweilen der Duft der großen weiten Welt durch die engen Gassen zieht. Mit Lieferungen an illustre Persönlichkeiten wie die englische Königin Elizabeth II., Kubas Staatschef Fidel Castro und Papst Benedikt XVI. können die Iphöfer Weinbauern jederzeit mit ihren Würzburger Kollegen konkurrieren.    

Der Weintourismus hat den Ort reich gemacht. Fast wie ein Symbol erstarkten Selbstbewusstseins wirkt da die Vinothek in der Stadtmitte. Der Gebäudekomplex besteht aus einem Traufhaus aus dem 17. Jahrhundert, dessen Stuckdecken, Fachwerkgebälk und unverputzte Sandsteinmauern mit den Stahlstreben und Glaswänden des modernen Pavillonanbaus harmonieren. Vorbei sind die Zeiten, als Weinliebhaber noch umständlich Winzer für Winzer abklappern mussten. «Wir bieten 70 Weiß- und Rotweine von 20 Weingütern zur Verkostung an», sagt Pächterin Heidrun Kaufmann.    

Trotz des Einzugs der Moderne pflegt man in Iphofen auch die Erinnerung an weniger komfortable Zeitalter. Mit Gästeführerin Claudia Bellanti wird die mittelalterliche Vergangenheit des Städtchens wieder lebendig. Vor der unscheinbaren Michaelskapelle, die direkt neben der spätgotischen Stadtkirche St. Veit liegt, bleibt sie stehen: «Drücken Sie mal auf den Knopf neben der Pforte!» Statt des erwarteten Klingeltons geht hinter der kleinen Sichtluke ein Licht an - und beleuchtet eine gruselige Szenerie: Hunderte von Menschenknochen und Totenschädel sind in einer Gruft übereinander geschichtet. «Wir haben hier das einzige noch existierende Beinhaus Unterfrankens. Die Gebeine stammen alle aus dem späten Mittelalter.»    

Auf dem Rundweg um Iphofens Stadtmauer gibt Frau Bellanti weitere Schauergeschichten zum besten: «Der schlanke runde Eulenturm wird auch Faulturm genannt, weil man im Turmverlies die lebenslänglich Eingekerkerten nach ihrem Tod dort verfaulen ließ.» Und es kommt noch ärger: Mancher wundert sich über das zugemauerte Tor eines wuchtigen Wehrturms. «Wenn Sie in die entgegengesetzte Richtung blicken, sehen Sie den Friedhof, der außerhalb der Stadtmauern liegt», erklärt Claudia Bellanti.

Der Turm ist der Pestturm: Durch sein Tor hat man die Pestleichen nach drüben auf den Totenacker gebracht. «Die Erinnerung an diese schreckliche Zeit wollten die Menschen damals für immer symbolisch wegschließen.» Deshalb wurde das Pesttor 1596 zugemauert - und seitdem nie wieder geöffnet.    

Nach dieser Führung ist man beinahe geneigt, ein Dankgebet zu sprechen, dass man in zivilisierteren Zeiten lebt. Kein Ort wäre dafür geeigneter als das zehn Kilometer nördlich von Iphofen gelegene Benediktinerkloster Münsterschwarzach, dessen Ursprünge bis ins Jahr 780 zurückreichen. Die Anlage mit ihren vier trutzigen Türmen thront in einer weiten, fruchtbaren Senke an den Ufern des Mains. Im 18. Jahrhundert stand an ihrer Stelle noch die vom fränkischen Baumeister Balthasar Neumann entworfene Barockbasilika, die 1803 - nur 60 Jahre nach ihrer Einweihung - im Zuge der Säkularisation dem Verfall preisgegeben wurde.    

Die jetzige Abteikirche wurde in den Jahren 1935 bis 1938 errichtet und ist der einzige Sakralbau dieser Größenordnung, der im «Dritten Reich» entstand. Nur drei Jahre konnten die Mönche dort unbehelligt den Gottesdienst ausüben, dann lösten die Nazis das Kloster auf. Die damalige Empörung der gläubigen Landbevölkerung gegen die Vertreibung der Benediktiner gehört zu den wenigen Massenprotesten gegen das NS-Regime.    

Von der Religiosität der Menschen zeugen auch die vielen, oft mehrere hundert Jahre alten Sandstein-Bildstöcke in den nahen Weinbergen flussaufwärts. Das Landschaftsschutzgebiet Volkacher Mainschleife ist nicht weit entfernt. Die landschaftlich reizvolle Strecke zu den Winzerorten Sommerach und Nordheim mit ihren elegant gestylten Vinotheken verläuft kilometerlang vorbei an Rebhängen. Die beiden Dörfer liegen seit dem Bau des Mainkanals wie auf einer Insel.    

Der westlich verlaufende naturbelassene Altmain mit seinen Sandbänken und begrünten Uferstreifen ist ein Paradies für die Tier- und Pflanzenwelt. Er gibt einen Eindruck von der einstigen Urwüchsigkeit des Flusses, bevor man ihn mit Staustufen und Betoneinbettung zur hochfrequentierten Wasserstraße ausbaute. In Volkach, wo sich der Kanal wieder mit dem Main vereinigt, trifft Mittelalter auf Moderne: Vom Ortsteil Astheim soll ab 2011 eine kühne, nicht unumstrittene Stahlkonstruktion über den Fluss in die schmucke Stadt führen. Von Radtouristen wird sie wegen der vielen guten Wirtshäuser und des schönen Stadtbilds gern als Zwischenstop angesteuert und ist ebenfalls für ihre erlesenen Weine berühmt.    

Der Volkacher Kirchberg ist nicht nur ein Begriff wegen der Trauben, die dort sonnenbeschienen in idealer Hanglage reifen. Inmitten der Weinberge liegt die Wallfahrtskirche Maria im Weingarten. 1962 sorgte ein dreister Kunstdiebstahl für Schlagzeilen, als Räuber die fast 500 Jahre alte Tilman-Riemenschneider-Madonna im Rosenkranz aus dem Gotteshaus entwendeten.

Erst durch die Intervention des Verlegers Henri Nannen und eine Zahlung von 100 000 Mark gelangte das wertvolle Schnitzwerk wieder in den Besitz der Gemeinde. Die kleine unterfränkische Stadt ernannte den norddeutschen Publizisten daraufhin zu ihrem Ehrenbürger und behält ihn bis heute in dankbarer Erinnerung. (Jens Golombek, dpa)

Weingut-Tipps in Franken:

Weingut am Stein, Ludwig Knoll in Würzburg

Weingut Rudolf Fürst in Bürgstadt

Tourist Info Iphofen (Tel.: 09323/87 03 06, www.iphofen.de