Reise
14. Januar 2010

Reise nach Whistler

Whistler als Ort der Olympischen Winterspiele 2010

Der «Whistler Mountaineer» schlängelt sich die letzten Kilometer in Richtung Ziel. Auf seiner mehr als zweistündigen Tour aus der Olympia-Gastgeberstadt Vancouver ins 120 Kilometer entfernte Whistler hat er seinen Fahrgästen schon fast alles geboten, was mit Kanada in Verbindung gebracht wird: Der Reisende taucht ein in einen Naturtraum und erlebt die scheinbare Unendlichkeit unberührter Landschaften - ein Erlebnis, das sich sicher auch viele Touristen erhoffen, die vom 12. bis 28. Februar zu den Olympischen Winterspielen in den Südwesten Kanadas reisen. Vorbei geht die Fahrt an Seen, die von Bergen und viel Wald umgeben sind - und nicht einmal die Geräusche des Zuges können die Idylle stören.    

Doch der Traum findet ein abruptes Ende, wenn der «Whistler Mountaineer» laut pfeifend seinen Zielbahnhof 675 Meter über dem Meeresspiegel erreicht. Plötzlich ist der Reisende mittendrin im seit Jahren beliebtesten Skigebiet Nordamerikas, das sich ganz im Zeichen der Olympischen Winterspiele präsentiert. Flaggen mit olympischen Symbolen wehen am Bahnhof, Werbetafeln künden von dem Großereignis. Der Großteil der Medaillen wird hier in den Bergen vergeben, nicht in Vancouver. In Whistler und in dem bis zu 3000 Meter hohen Gebirgszug ringsum geben sich die nordischen und alpinen Skisportler ebenso ein Stelldichein wie die Biathleten, Bob-, Rodel- und Skeletonpiloten.    

Der 1867 in der Provinz British Columbia gegründete Ort ist bereit, die Welt zu empfangen, das spürt und sieht man überall. Schon im November ist mit mehr als fünf Metern soviel Schnee wie noch nie zu diesem frühen Zeitpunkt gefallen. Die Straßen präsentieren sich ausgebaut oder erneuert im Top-Zustand. Vor allem aber sind es die Einwohner, die mit ihrer Freundlichkeit bereits Olympia-Atmosphäre vermitteln - und das ist nicht nur auf die Spiele beschränkt.    

Natürlich sind es die Wintersportler, die sich hier besonders wohl fühlen - nicht nur, weil es rund 280 Kilometer Pisten zu erkunden gibt. Allein die Vorstellung, an einem Tag von den beiden höchsten Bergen der Region, dem 2182 Meter hohen Whistler Mountain und dem 2440 Meter hohen Blackcomb Mountain, ins Tal schießen zu können, finden viele Urlauber faszinierend. Möglich macht das die vor zwei Jahren gebaute «Peak 2 Peak»-Gondel, die zwischen den Gipfeln eine Strecke von rund drei Kilometern ohne Stützpfeiler zurücklegt.    

Wer es ruhiger mag, dem bietet auch jeder Berg für sich viele Möglichkeiten - und das nicht nur Spezialisten. Ein besonderes Erlebnis dürfte aber für jeden die Abfahrt nach Creekside sein, auf der im Februar die besten Ski-Asse ihre Tempo-Sieger küren werden. Selbst während der Olympischen Spiele wird privater Wintersport in Whistler möglich sein: 90 Prozent der Pisten sind für nichtolympische Gäste offen, wird im Touristenbüro versichert. Nur Unterkünfte sind knapp: Die Bettenauslastung erreichte Anfang Januar fast 100 Prozent.    

Durch die Außenwirkung erhofft sich der Ort künftig noch mehr Gäste, die den Pfaden ihrer Idole folgen wollen. Alle Sportstätten von Whistler sind mit Ausnahme der Schanzen so konzipiert, dass eine Nutzung durch Touristen möglich ist. Die Verantwortlichen hoffen, dass die Region nicht nur ein alpiner Anziehungspunkt bleibt, sondern mehr denn je auch Freunde des nordischen Skisports anlockt.    

Die Infrastruktur von Whistler wurde zu den Winterspielen erweitert und verschönert. Die Bewahrung der natürlichen Umgebung stand bei allen baulichen Aktivitäten im Vordergrund, und so passt sich vieles in die Landschaft ein. Selbst das «Sliding-Zentrum», die Bob- und Rodelbahn, wirkt nicht wie ein Fremdkörper, auch wenn für ihren Bau zahlreiche Bäume abgeholzt wurden. Zwei Schwarzbären - Steven und Rob - jedenfalls fühlen sich um die Bahn herum wohl und gelten schon jetzt als Attraktion und Maskottchen. Auch die Tatsache, dass während der Spiele ausschließlich Elektrobusse die Sportler, Betreuer und Gäste befördern werden, zeigt das grüne Engagement.    

Die Schönheit der Natur und die Gastfreundschaft der Einheimischen können Urlauber auch abseits der Skisport-Angebote erleben. Attraktionen wie das Museum «Squamish Lil'wat Cultural Centre» mit seinem Blick auf Whistlers Geschichte oder eine «Zipline-Tour», bei der es an Drahtseilen hängend über tiefe Schluchten geht, begeistern auch im Winter viele Besucher. Und nicht zuletzt wartet das autofreie Zentrum mit mehr als 200 Geschäften und Boutiquen, 90 Bars und Restaurants auf Gäste in diesem durchaus etwas anderen Olympiaort. (Gerald Fritsche, dpa)

Service:

EINTRITTSKARTEN: Für deutsche Fans standen etwa 12 000 Tickets zur Verfügung - und fast alle sind verkauft. Anfang Januar hatte Dertour als Generalagent des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) noch Restkontingente von etwa 300 Karten. Das Interesse sei damit ähnlich groß wie 2006 bei den Winterspielen in Turin, erklärt Tom Rostek, der Sportreisen-Produktchef des Veranstalters. Besonders begehrt gewesen seien Zuschauerplätze beim Biathlon, Skispringen, Eisschnelllauf und Eishockey. Die meisten Gäste hätten «Ticket only» gebucht - den Flug und das Hotel organisieren sie also in Eigenregie, oder sie nutzen die Hilfe anderer Reiseveranstalter. Auch Sportreisen-Spezialisten wie Vietentours haben Tourprogramme zu den Winterspielen aufgelegt.    

Wie groß das Schwarzmarkt-Angebot in Vancouver und Whistler für Last-Minute-Reisende sein wird, lässt sich schwer abschätzen. «Wir wissen nicht, ob alle Veranstaltungen ausverkauft sind», sagt Rostek. Eine Alternative soll der Marktplatz «Von Fans für Fans» sein, den das Organisationskomitee unter vancouver2010.com einrichten will, sagt Eva Brucklacher von Tourism British Columbia. Dort sollen Wintersportfreunde die Möglichkeit bekommen, Tickets zu ersteigern.    

FLÜGE: Auch bei diesem Punkt müssen Reisende flexibel sein. Immerhin: Es gibt noch Flüge nach Vancouver. Die Lufthansa startet täglich von Frankfurt aus. Mit Air Canada können Fans zunächst nach Toronto, Calgary oder Montreal reisen und dann in einen Inlandsflug nach Vancouver umsteigen. Zum Beginn und zum Ende der Spiele sind die Maschinen aber «bereits ziemlich voll», sagt Brucklacher - und die günstigsten Buchungsklassen sind nicht mehr zu haben. Alternativ ist denkbar, von Deutschland nach Seattle im US-Staat Washington zu fliegen und per Mietwagen weiterzureisen, rät Tom Rostek. Auch beim Rückflugdatum wird von den Last-Minute-Olympiafans Flexibilität verlangt: «Nichts geht mehr», ist Rosteks Beobachtung zu Rückflügen von Vancouver nach Europa direkt nach den Spielen vom 1. bis 4. März.    

UNTERKÜNFTE: Hotels, Wohnmobilparks und Ferienhäuser - Urlauber haben mehrere Möglichkeiten. In den Bergen, wo die Ski-, Rodel- und Bobwettbewerbe stattfinden, liegt die Hotelauslastung während der Winterspiele aber schon bei nahezu 100 Prozent. Dort seien fast nur noch «Condos» und «Townhouses» zu haben, also größere Unterkünfte für vier bis acht Personen, erläutert Brucklacher. In Vancouver dürfte es dagegen auch kurzfristig Hotelzimmer geben: «Wir bekommen wieder Infos, dass dort Zimmer frei werden, auch zu annehmbaren Raten», sagt Tom Rostek. 

MIETWAGEN: Auch hier wird das Angebot in West-Kanada zunehmend knapp, wie das Preisvergleich-Portal Billiger-Mietwagen.de ermittelt hat. Zugleich steigen die Tarife: Anfang Januar waren Kompaktwagen bereits etwa zwölf Prozent teurer als zur gleichen Zeit 2009. Der Tagespreis lag bei umgerechnet 29 Euro. Zu erwarten sei, dass die Preise immer stärker anziehen, je näher die Winterspiele heranrücken. Zwischen Vancouver und Whistler sind etwa 130 Kilometer zurückzulegen. Auf der Strecke werden allerdings auch Shuttlebusse und Züge unterwegs sein.    

RAHMENPROGRAMM: In beiden Olympiaorten soll es nicht nur direkt an den Pisten, Loipen und Eisflächen gute Stimmung geben. Wie bei der Fußball-WM sind auch Partymeilen und Public Viewing geplant. In Vancouver bieten sich zum öffentlichen Sport-Schauen auf Großleinwänden vor allem zwei Orte ein: ein altes Busdepot an der Georgia Street in Downtown und der David-Lam-Park im Stadtteil Yaletown. Auch die Eislaufbahn am Robson Square soll im Mittelpunkt vieler Aktivitäten für Besucher stehen. Außerdem stellen vier Stämme der westkanadischen Ureinwohner in der Nachbildung eines historischen Langhauses vor dem Queen-Elizabeth-Theater ihre Lebensweise vor. In Whistler wird es unter dem Motto «Whistler live» ebenfalls Public Viewing geben - auf fünf Plätzen im Ortszentrum.    

Nach den Winterspielen wird sich das Interesse vieler Sportfans, die gerne Koffer packen, um live dabei zu sein, dann auf die Fußball-WM in Südafrika (11. Juni bis 11. Juli) konzentrieren. Und auch bei den nächsten Olympischen Spielen fällt die Zeitverschiebung geringer aus: Im Sommer 2012 ist es eine Stunde Unterschied nach London, im Winter 2014 sind es zwei Stunden nach Sotschi in Russland.

Informationen: Tourism British Columbia, c/o Lange Touristik Dienst, Postfach 20 02 47, 63469 Maintal, Tel: 01805/52 62 32, www.whistler2010.com