REISE
31. Juli 2010

Rom und sein Kolosseum

Ein Kolosseum-Rundgang gehört in Rom oft ebenso zum Besuchsprogramm wie ein Blick in den Petersdom. Die Ruine des Amphitheaters zählt zu den größten antiken Denkmälern der Stadt. Doch die alten Mauern machen Probleme

Es war das größte Amphitheater der römischen Welt, jahrhundertelang die Stätte grausamer Gladiatorenkämpfe und anderer Volksvergnügen ganz nach dem Geschmack der Antike. Mit 100-tägigen blutigen Spielen der verschiedensten Art weihte Kaiser Titus im Jahr 80 nach Christus das massige Monumentalwerk für weit mehr als 50 000 Zuschauer ein - nach achtjähriger Bauzeit.

Zwei Jahrtausende später ist das Kolosseum mehr denn je Besuchermagnet und Wahrzeichen Roms. Im Jahr zieht es fast sechs Millionen Besucher an, die jenen Schauder von Tierhatzen und Gladiatorenblut suchen. Doch das Kolosseum hat «Krebs»: Mehr noch als der Zahn der Zeit nagt die Luftverschmutzung an den Steinen. Also bereitet die Tiber-Metropole eine Rettung vor.

Einst das Zentrum derber römischer Spaßindustrie, diente es später vor allem als Steinbruch unter anderem für den Bau des Petersdoms. Es gab in Rom eben eine sehr lange Zeit, in der die Antike nichts mehr galt. Nur das Neue zählte. Also brach man aus dem Kolosseum heraus, was nicht niet- und nagelfest war, von den Marmorverkleidungen der wohl geordneten Ränge bis zum Travertinstein. Nach und nach wurde aus dem stolzen Amphitheater - großer Ellipsendurchmesser: 188 Meter - noch mehr eine gigantische Ruine, für deren Steinklammern einst 300 Tonnen Eisen verarbeitet worden waren. Zeitweise diente es als Festung, spätere Stiche zeigen es von Unkraut nahezu überwuchert.    

Und heute? Das Kolosseum ist «krank», es braucht viel Geld für die Rettung. Es stehen aber auch ziemlich attraktive Neuerungen ins Haus, die noch mehr Touristen in das «Anfiteatro Flavio» locken sollen, wie das Monumentalwerk auf Italienisch auch heißt. Das bringt Geld in die Kassen. Derweil suchen Hauptstadt und Kulturbehörden dringend nach internationalen Sponsoren. «Wir brauchen 23 Millionen Euro, um das Bauwerk völlig zu säubern, die Anlagen- und Überwachungstechnik zu modernisieren, die Einfriedung zu erneuern und die Wandelgänge im ersten und zweiten Stock zu restaurieren» - diesen ehrgeizigen Plan erläutert die Direktorin des Kulturdenkmals, Rossella Rea.    

«Der angekündigte Zusammenbruch» - so und ähnlich titelten die besorgten römischen Zeitungen im Mai, als an einem Sonntagmorgen am Bauwerk plötzlich einige Putzplatten bröckelten und herunterkrachten. Umweltverschmutzung, Vibrationen durch jede Art Verkehr und Einflüsse starker Wetterveränderungen machen das Kolosseum mürbe. «Das Abfallen dieser Platten hat chemische Veränderungen in den Mauern freigelegt», erläutert die Direktorin. Diese Veränderungen verwandeln das Calciumkarbonat des Amphitheaters in Calciumsulfat. Die Archäologen nennen das «Gesteins-Krebs», weil sich dieser Prozess metastasenartig fortsetzt. «Es gibt aber kein Problem der Stabilität», versichert Rea, «das wird ständig kontrolliert.» Was abfällt, fangen Netze auf. 

Was es aber gibt, ist ein andere Problem, und zwar das der leeren Kassen der Tiber-Metropole. Auch wenn japanische Sponsoren schon ihre Hilfe zugesagt haben, «brauchen wir mehr davon.» Denn es geht nicht nur zum Beispiel um eine bessere Beleuchtung. Es geht vor allem um die von Experten seit Jahren geforderte gründliche Instandsetzung, die nach Möglichkeit auch den «Gesteins-Krebs» behandeln sollte.    

Die Jahreseinnahmen von 32 Millionen Euro können nicht in die große Operation fließen, sie finanzieren nur den Alltagsbetrieb. Und sie gehen zudem an sonstige «notleidende» antike Schätze der damit übersäten Stadt. Also muss eine andere Abhilfe her. Und die Zeit drängt - 2011 wird die Nation Italien 150 Jahre alt und soll sich dafür hübsch machen.    

«Visit by night», also der Besuch des in der Dunkelheit besonders anziehenden Kolosseums, soll bis zum September jeweils dienstags und samstags immer bis Mitternacht eine Begegnung der vielleicht auch gruseligen Art mit dem früheren Schauplatz von Gemetzeln ermöglichen. Zudem können noch im Spätsommer - genaue Daten zu nennen verbietet jede Erfahrung mit italienischer Alltagspraxis - zwei jahrzehntelang verschlossene Teile endlich wieder Touristen und damit Geld anlocken.    

Dies betrifft einen Verbindungsgang zum dritten Stockwerk und diese hohe Ebene selbst, die einen Blick über das ganze Amphitheater und seine antike Umgebung mit dem eleganten Konstantinsbogen und dem Forum Romanum freigibt. Zum anderen werden beeindruckenden Gänge im Untergrund geöffnet - einst «Service-Raum» für Gladiatoren und wilde Tiere. Sie werden zu einem Viertel für Besucher freigegeben.    

«Retten wir das Kolosseum!» Mit diesem Aufschrei wandte sich die Zeitung «La Repubblica» unlängst an die Römer. Denn das meistbesuchte Monument Italiens ist von lärmigem Autoverkehr umzingelt, in der Nähe sorgt die Metrostation «Colosseo» für einen vibrierenden Boden. Auf jene Millionen, die das einst größte Amphitheater bestaunen wollen, wartet zudem ein Spießrutenlauf und ein Beine-in-den-Bauch-Stehen.    

Denn jede Menge Römer drängen sich in billiger Legionärsmontur vor allem asiatischen Touristen für Fotos auf. Sie werden auch manchmal ziemlich handgreiflich untereinander im zeitgenössischen Kampf um die Kunden. Dutzende Händler bieten marktschreierisch Waren feil. Eine kleine Flasche Wasser gegen die sengende Hitze gefällig? Zwei Euro! Beileibe nicht jeder Führer hat die geforderte Lizenz in der Tasche, und wie bei «wilden Taxis» läuft man Gefahr draufzuzahlen. Es wuseln auch jene herum, die die Touristen für die Nacht abschleppen wollen.    

Und noch ein paar eher unangenehme Überraschungen schließen sich an. Nur zwei Metalldetektoren stehen bereit, um die Touristen aus aller Welt zu durchleuchten. Kein Wunder, dass sich in Stoßzeiten, wenn die Reisebusse Tausende von Insassen ausspucken, lange Schlangen bilden, im Sommer in der Regel in brütender Hitze bis an die 40 Grad. Zwölf Euro kostet der Eintritt, und manchen entgeht, dass sie damit auch das Forum Romanum durchwandern und den in der Nachbarschaft gelegenen, äußerst sehenswerten Palatinshügel besteigen dürfen.    

Hat man das Objekt der Begierde betreten, heißt es aufgepasst - und zwar wegen der derzeit noch so vielen Baustellen im Inneren. Seltener sind dagegen didaktische Informationen. Doch auch das soll jetzt anders werden. Der riesige antike Komplex vom Circus Maximus bis zum Forum Romanum mit dem Kolosseum als Bindeglied dazwischen werde als Einheit gesehen und mit einem ehrgeizigen Projekt gesichert, beteuert Kultur-Staatssekretär Francesco Giro.

Keine Dezibel-geschwängerten Konzerte auf der Bühne im Inneren mehr, das soll dem Kolosseum helfen, nicht noch mehr zu leiden. Und für die Besucher, von denen man ja nicht weniger, sondern noch mehr haben will, ist auch einiges geplant: Aufzüge im Kolosseum, automatisierte Kassen, eine verbesserte Infrastruktur. Bleibt nur abzuwarten, ob und wann all das bezahlt, ausgeführt und eröffnet ist. (Hanns-Jochen Kaffsack, dpa)

Reise nach Denver

Reise nach Rom    

REISEZIEL: Rom ist die Hauptstadt Italiens und liegt 30 Kilometer östlich der Mündung des Tiber ins Mittelmeer in der Region Latium.    

ANREISE UND FORMALITÄTEN: Lufthansa, Alitalia, Air Berlin, Easyjet, Tuifly und Germanwings fliegen von mehreren deutschen Städten aus täglich nach Rom. Züge aus Mitteleuropa treffen am Hauptbahnhof Termini ein. Mit dem Auto geht es über den Brenner und Florenz auf der Autobahn A1 nach Rom. Autofahren sollte man in Rom besser nicht - das Kolosseum liegt nicht sehr weit von Zentrum und Hauptbahnhof entfernt. Einen Personalausweis sollte man mitnehmen.    

KLIMA UND REISEZEIT: Im Sommer ist es sehr heiß, im Winter regnet es häufig. Die besten Reisezeiten sind deshalb Frühling und Herbst.    

UNTERKUNFT: Das Angebot reicht von der Jugendherberge bis hin zum Fünf-Sterne-Hotel. Viele günstige Hotels liegen in Termini-Nähe. Das Frühstück ist meistens inbegriffen, fällt aber auch sehr einfach aus.    

INFORMATIONEN: Italienische Zentrale für Tourismus ENIT, Barckhausstraße 10, 60325 Frankfurt, Tel: +49 69 237434, www.enit-italia.de