16. April 2009

Saisonkräfte kehren zurück

Winzer, Hotellerie und Agrarwirtschaft freuen sich: Krise lässt abgewanderte Saisonkräfte zurückkehren

Als bei dem Landwirt Hermann Reber kürzlich das Telefon klingelte, waren alte Bekannte am Apparat: Osteuropäische Saisonarbeiter, die anfragten, ob sie wieder für den Betrieb des Ludwigshafeners arbeiten können. Das Besondere: Sie hatten zwischenzeitlich in anderen westlichen EU-Staaten gearbeitet - wie viele Saisonkräfte, die Deutschland in den vergangenen Jahren wegen besserer Bezahlung und längerer Beschäftigungszeiten beispielsweise in Großbritannien den Rücken gekehrt hatten. Das hatte manchem hiesigen Bauern Probleme bereitet.

Doch nun zeichnet sich nach Angaben von Experten Besserung ab. "Ich habe gehört, dass sich viele, die früher abgewandert waren, wieder melden", sagt etwa der Sprecher der Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz in Bad Kreuznach, Frieder Zimmermann. Einer der Gründe: die Wirtschaftskrise.

Zwar gebe es noch keinen Boom der Rückkehrer, aber man könne schon sagen, dass die Situation nach den "Riesenproblemen" des vergangenen Jahres nun "wieder ein bisschen entspannter sei", ergänzt die Sprecherin des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Pfalz Süd (BWV) in Mainz, Andrea Adams. "Wir haben deutlich weniger Beschwerden von Betrieben, dass zu wenig Arbeitskräfte da sind." Verschiedene Faktoren wie etwa die Wirtschaftskrise gäben den Ausschlag.

Viele Polen, die nach wie vor die Hauptgruppe stellen, waren in den vergangenen Jahren nicht gekommen, weil sich die wirtschaftliche Lage auch in ihrer Heimat gebessert hatte - doch das sieht nun wieder anders aus. Und für jene, die zwischenzeitlich lieber in England arbeiteten, mache sich nun der sinkende Wert des britischen Pfunds bemerkbar. "Die haben unter dem Strich weniger netto", sagt Adams.

Nach Zimmermanns Informationen wird beobachtet, dass vor allem die Abwanderung von Saisonarbeitskräften nach Großbritannien "deutlich abnimmt". Auch er erklärte dies mit dem gefallenen britischen Pfund. "Das hat Auswirkungen auf die Verdienstmöglichkeiten, und die Leute aus Osteuropa sind gut im Rechnen", sagt er.

Gemüsebauer Reber ergänzt, die Unterkünfte seien in Deutschland "viel, viel billiger als in Großbritannien", und noch dazu persönlicher. Auch dies sei für viele Anlass, nach Deutschland zu kommen. Er erklärt die an ihn gerichteten Anfragen von Osteuropäern, die zuletzt in Spanien arbeiteten, mit der "weiten Anreise" nach Spanien und damit, dass die Qualität der Unterkünfte in Deutschland "wesentlich besser" sei.

Die Krise allein sei nicht der Grund für die Rückkehr, meint der südpfälzische Landwirt Hubert Gamber, der nach eigenen Angaben ebenfalls Anfragen von Kräften hat, die zuletzt in Spanien oder Großbritannien arbeiteten. "Die haben alle gemerkt, dass in den Niederlanden, in Spanien und Großbritannien auch nur mit Wasser gekocht wird." So könne einer, der im Ausland zwei Euro mehr Lohn bekommt, faktisch weniger haben, wenn die Lebenshaltungskosten dort höher als in Deutschland seien, sagt der Bauer aus Lustadt im Kreis Germersheim.

Viele hätten auch erkannt, dass die Arbeitsbedingungen "hier ganz gut sind", fügt Adams hinzu. 5,55 Euro beträgt der Stundenlohn hierzulande. Für Behauptungen von Saisonarbeitern, dass es in anderen Staaten mehr gebe, habe sie keine wirklichen Beweise, sagt die Verbandssprecherin. "So doll kann es nicht gewesen sein, sonst kämen sie jetzt nicht wieder zurück", ergänzt sie, und hofft, dass der Trend anhält.

Das rheinland-pfälzische Arbeitsministerium in Mainz hat nach Angaben einer Sprecherin ebenfalls festgestellt, dass die Zahl der stornierten Kräfteanforderungen in diesem Jahr gering ist. Im vergangenen Jahr war nach Angaben der Arbeitsagentur vom August etwa jede vierte Anforderung annulliert worden, meist weil die Saisonarbeiter nicht kamen.

Als weiterer Grund für das neu erwachte Interesse der Osteuropäer am deutschen Arbeitsmarkt gilt auch eine neue Regelung, derzufolge die Erntehelfer sechs statt wie bisher nur vier Monate beschäftigt werden können. Viele Arbeitskräfte seien daran interessiert, ein halbes Jahr zu bleiben, berichtet Reber, der auch Vorsitzender der BWV-Fachgruppe Gemüsebau ist.

Dennoch sei es nötig, den Arbeitsmarkt - wie vom Bauernverband gefordert - für Kräfte aus Drittländern zu öffnen. Denn es sei nicht davon auszugehen, dass es so bleibe wie im Moment. Gemeint sind Länder, in denen der Lebensstandard niedriger ist als in Polen oder Bulgarien. "Wir brauchen Leute, die mit uns aufs Feld gehen, die willig sind, diese Arbeit zu machen", sagt Reber. (Jasper Rothfels/dpa)

Niko meint: Ja, der ewige Wirtschaftskreislauf. Interessant vor allem, das jetzt auch viele Angestellte aus der Gastronomie und Hotellerie aus den Vereinigten Arabischen Emiraten zurückkehren. Auch dort sind die Goldenen Zeiten vorbei.