REISE
14. April 2009

Schlamm und grüne Gärten an der Costa Cálida

Thalasso, Heilmassage und Fango: Reise zu den Wellness-Hotels an Spaniens heißer Küste

Leuchtend weiß hebt sich der Bikini vom dunklen Hintergrund ab. Arme, Beine, Bauch und selbst das Gesicht der jungen Frau - alles ist fast schwarz. Costa Cálida, heiße Küste: Nicht umsonst trägt die Gegend diesen Namen.

 Unbarmherzig brennt die Sonne vom Himmel, Temperaturen bis 40 Grad sind im Sommer keine Seltenheit. Doch die Spanierin hat sich nicht verbrannt. Mit ihren Freundinnen ist sie nach Lo Pagan ans Mar Menor gekommen, um sich dort mit dem berühmten Heilschlamm einzureiben. Das Gewässer, rund 100 Kilometer von Alicante und den quirligen Stränden der Costa Blanca entfernt, ist besonders bei Sonnenanbetern und Familien mit Kindern beliebt. Auch im Winter gehört die Region zu den wärmsten Zonen Spaniens.    

Eine schmale, rund 20 Kilometer lange Landzunge trennt das Mar Menor - das kleine Meer, wie die Spanier es nennen - vom Mittelmeer. Sein Wasser ist ruhig und nirgendwo tiefer als sieben Meter. Und es ist wärmer: Die Temperatur liegt meist fünf Grad über den aktuellen Werten des Mittelmeers. Viele Hotelanlagen und Ferienkomplexe haben sich rund um das Mar Menor angesiedelt. Bislang sind es vor allem Spanier, die hier ihren Sommerurlaub verbringen.    

Dicht an dicht stehen die Gebäude auf der Halbinsel La Manga, dem Ärmel. Wer will, kann die Strecke mit dem Rad abfahren. Vom Cabo de Palos im Süden führt der Weg vorbei an zahlreichen Stränden. In Las Encanizadas ist aber Schluss: An dieser Stelle speist das Mittelmeer das Mar Menor mit frischem Wasser. Pläne für eine Brücke gab es schon viele. Aus ökologischen Gründen wurden sie aber bisher verworfen.    

Lo Pagan ist hier bereits in Sicht - doch wer dorthin will, muss zurück und einmal um das Mar Menor herumfahren. Der Ortsteil von San Pedro del Pinatar am Nordende der Lagune ist bekannt für die heilenden Eigenschaften seines Schlamms. Die Sonne und der hohe Salzgehalt des Wassers haben dafür gesorgt, dass sich viele Mineralien im Boden abgelagert haben. Der Schlamm wirkt entzündungshemmend und wird gegen Rheuma, Gicht und Arthritis, aber auch bei Hauterkrankungen wie Akne eingesetzt. "Die Fangoschicht wirkt wie ein Löschpapier und befreit die Haut von Giftstoffen", heißt es auf erklärenden Tafeln an der Strandpromenade.    

Der gepflasterte Weg führt in Lo Pagan an Holzstegen vorbei, die ins Mar Menor hineingebaut sind. Stufen führen bis ins Wasser. In kleinen Plastikeimern holen die Urlauber den dunklen Schlamm vom Meeresgrund und reiben sich damit ein. Die jungen Spanierinnen haben sichtlich Spaß dabei: Von Kopf bis Fuß verteilen sie den Schlick und reiben sich gegenseitig Rücken und Gesicht ein. Anschließend ist ein Spaziergang auf der Promenade Pflicht, damit die Sonne den Schlamm trocknen kann. Ist die schwarze Masse zu einer grauen Schicht erstarrt, wird sie wieder abgewaschen.    

Amüsiert betrachtet Carla Morer das Treiben. Die Medizinerin arbeitet in einem der großen Wellness-Hotels an der Küste, die sich auf die Thalassotherapie spezialisiert haben. Viele ihrer Patienten erhalten morgens Behandlungen in der Anlage und nehmen nachmittags selbst ein Schlammbad. "Ich liebe es, dass die Leute hierher kommen. Es ist so authentisch", freut sich die Ärztin. Schließlich wurden die therapeutischen Eigenschaften von Schlamm und Salzwasser schon von den alten Römern genutzt, erläutert sie.    

Die Römer haben ihre Spuren auch im kargen Landesinneren bei dem Ort Fortuna hinterlassen. Unwirtlich ist die Landschaft hier, Gräser und spärliches Buschwerk sprenkeln die fast wüstenähnlichen Ebenen. Von Murcia aus führt die Straße an den Abhängen weißer Kalksteinfelsen vorbei. Es waren heiße Thermalquellen, die die Römer in diese Gegend lockten. Rund drei Kilometer von Fortuna entfernt haben Archäologen bei Ausgrabungen ein römisches Balnearium entdeckt. In einem aus Stein gehauenen Becken genossen die Besucher das heilsame Wasser, das 53 Grad heiß aus dem Boden sprudelte.

   Auch das «Balneario de Leana» nutzt diese natürlichen Quellen. Die Anlage ist eines von Spaniens ältesten Thermalbädern. Auf dem Programm stehen hier Sprudel- und Dampfbäder. Atemwegserkrankungen oder Rheuma sind typische Beschwerden, bei denen das Quellwasser zum Einsatz kommt, aber es soll auch bei simplem Stress helfen. Vom Wasser im 34 Grad warmen Außenbecken schweift der Blick über Palmen, Obstgärten und Bergzüge. Nur wenig lenkt hier von der Erholung ab.    

Auch im 18 Kilometer entfernten Archena stehen Ruhe und Entspannung an oberster Stelle. Inmitten des Naturparks Valle de Ricote liegt in der grünen, vom Orangenanbau geprägten Landschaft ein zweites Thermalbad. Das Balneario de Archena, heute ein moderner Hotel- und Spakomplex, war schon im 18. Jahrhundert eine Anlaufstelle für viele Spanier. "Die wichtigste Eigenschaft des Thermalwassers ist sein hoher Gehalt an Mineralstoffen, vor allem Schwefel. Es eignet sich besonders für Behandlungen des Bewegungsapparates", erläutert Luis Ovejero, der medizinische Direktor.    

Die Archena-Massage ist eine spezielle Behandlung mit Schlamm und Wasser. Die Massageliege wird dabei unter mehreren Duschköpfen platziert, aus denen ständig warmes Quellwasser auf Arme, Beine und den Rücken plätschert. Nur die Stelle, die die Masseurin gerade mit festem Griff bearbeitet, ist für einen Moment ausgenommen. Feiner Schlamm ersetzt das Massageöl.    

Nach der Erfrischung macht sich Hunger breit. Ein Salatteller eröffnet das mehrgängige Menü. Rote Tomatenscheiben, Oliven, Artischocken und Paprika, arrangiert auf knackigen Salatherzen: La Huerta de Murcia, der Garten von Murcia, heißt dieses unkomplizierte Gericht. Auch die Gegend um die Provinzhauptstadt herum ist als "Gemüsegarten der Nation" in ganz Spanien bekannt. Weil die Region zu den wärmsten des Landes zählt, nutzten schon die Mauren ausgeklügelte Bewässerungssysteme, um die Ebenen des Flusses Segura urbar zu machen. Sie gründeten die Stadt im frühen 9. Jahrhundert.

   Heute werden die riesigen Felder und Gewächshäuser mit Wasser aus dem Fluss Tajo in Zentralspanien versorgt. Mehr als die Hälfte des hier produzierten Obst und Gemüses geht in den Export. Die frischen Zutaten finden jedoch auch Verwendung in Murcias Küche. Die Stadt ist bekannt für ihre Tapas - kleine, köstliche Appetithäppchen. Wie wäre es mit etwas Zarangollo, Rührei mit Gemüse? Oder mit Michirones, einem Bohneneintopf mit Chorizo? Und zum Nachtisch vielleicht einige Paparajote, frittierte Zitronenbaumblätter mit Zucker und Zimt?    

Der Platz vor der großen Kathedrale mit ihrer Barockfassade ist ein guter Treffpunkt für einen Feinschmecker-Rundgang durch Murcia. 1388 wurde mit ihrem Bau begonnen, aber erst vier Jahrhunderte später war sie vollendet. Ihr Turm ist 92 Meter hoch. Von der Catedral de Santa Maria aus führen schmale Gässchen in die Altstadt. Durch die lässt man sich treiben zu einem der zahlreichen Plätze, um in den Taperias ein paar der kulinarischen Kleinigkeiten zu probieren.    

Mit Cartagena, der zweitgrößten Stadt der Region, verbindet die Murcianer eine ständige Rivalität. In der quirligen Hafenstadt, mit 175 000 Einwohnern etwa halb so groß wie die Provinzhauptstadt, machen nicht nur Spaniens Militärschiffe Station. Auch unter Kreuzfahrtgästen ist Cartagena ein bekanntes Ziel. Die Schiffsurlauber strömen schubweise durch die Innenstadt und bewundern dabei das im Jugendstil erbaute Rathaus oder die aus dem 13. Jahrhundert stammende Kathedrale Vieja Santa Maria.    

Besonders voll wird es bei der einwöchigen Fiesta im September, wenn die Einwohner als Karthager und Römer verkleidet durch die Straßen ziehen, um an die Geschichte der Stadt zu erinnern. Cartagena, im Jahr 227 vor Christus von den Karthagern gegründet, ging während der Punischen Kriege an die Römer verloren. Etliche Fundstellen aus römischer Zeit zeugen von dieser Epoche. So kommen viele Touristen nur in die Caja de Ahorros, die Sparkassenfiliale in der Calle Duque, um dort ein Stück der alten Römerstraße zu sehen. Überreste öffentlicher Bäder sind an der Plaza Tres Reyes zu finden.    

Einen schönen Blick über Cartagena bietet das Castillo de la Concepción. Bis an die Küste von Mazarrón reicht die Sicht aber nicht. Wer sich nach Ruhe sehnt, findet dort - an einem Küstenstreifen zwischen Cartagena und Águilas - wenig überlaufene, raue Strände und einsame Buchten, die umrahmt werden von schroffen Felsen und nur vom Wasser aus oder über Bergpfade erreichbar sind. Und wer der ewig glühenden Sonne entkommen will, kann auch unter Wasser eine eigene Welt entdecken: Die Islas Hormigas vor der Küste des Mar Menor zählen zu den schönsten Tauchrevieren des Mittelmeers. (Nicole Jankowski/dpa)