08. April 2009

Schokolade aus Berlin

Schokolade mit Bergminze

Die Hauptstädter lieben Schokolade mit Salz, Chili, Blutorange und Bergminze

Es duftet verführerisch nach Kakao und Chili. Zartbitter, Nougat und heißen Kakao gibt es zu probieren und hinter riesigen Glasscheiben kann man den Chocolatiers bei der Arbeit zuschauen. Der wohl prominenteste Schokoladenladen Berlins, Fassbender & Rausch, lockt zum Osterfest nicht nur mit Schoko-Hasen und Ostereiern, sondern bietet in seinem Schokoladen-Restaurant auch Pralinenseminare und Dinershows. Seit das Unternehmen vor gut zehn Jahren am Gendarmenmarkt öffnete, ist in der Hauptstadt ein regelrechter Schokoladenboom ausgebrochen. Mittlerweile gibt es mehr als 40 Unternehmen mit Schokoladenangeboten in allen möglichen Variationen.

"Der Berliner war schon immer vernascht", berichtet die Verkäuferin einer Confiserie im gutbürgerlichen Zehlendorf. Schon Friedrich der Große liebte ein Tässchen heiße Schokolade, obwohl er als König von Preußen die Kakaosteuer erhöhte. So war die Schokolade in Berlin nur als teures Stärkungsmittel in Apotheken zu erstehen, während in Leipzig bereits die industrielle Schokoladenproduktion anlief. Einer Infas-Studie zufolge greift jeder Vierte Berliner heute einmal täglich zu Süßigkeiten.

Der erste Süßwaren-Handwerksbetrieb in Berlin wurde 1817 in der Spandauer Straße von Heinrich Hildebrand eröffnet. 1863 folgte Heinrich Fassbender in der Mohrenstraße und danach 1868 Hugo Hoffmann mit einem Pralinenvertrieb. Der meldete 1894 die Marke Sarotti an, die später unter Stollwerck firmierte. Noch heute erinnern die Sarotti-Höfe in Kreuzberg an die Hochzeit der Schokoladenproduktion in der Hauptstadt. Als weitere alteingesessene Berliner Firmen gelten Sawade, Erich Hamann und auch die Confiserie Melanie. Der heute zu Barry Callebaut gehörende Schokoladenproduzent Stollwerck (Köln) produziert in seinem Berliner Werk nur noch für Sarotti und Alpia.

"Wir knüpfen an eine alte Berliner Tradition an", betont denn auch Firmeninhaber Jürgen Rausch. Das Familienunternehmen, das in seinem Laden auch Schoko-Kunstwerke wie eine 2,75 Meter lange Titanic oder ein 256 Kilogramm schweres Brandenburger Tor ausstellt, versteht sich als Spezialist für besonders edle Kakaoprodukte. Längst liegen die Plantagenschokoladen mit so exotischen Namen wie Tembadoro oder El Cuador auch in den Regalen von Edeka oder Rewe und verkaufen sich in Schweden, Japan und Österreich. Die Zutaten für die edlen Tafeln kommen von Kakaobauern aus Venezuela, Madagaskar, Tobago oder Costa Rica.

Holger In't Veld meinte, als er von Hamburg nach Berlin umzog, die Hauptstadt sei "in Punkto Genuss eine Wüste". 2002 öffnete der Musikjournalist sein erstes kleines Schokoladengeschäft im Szenestadtteil Prenzlauer Berg. "Ich entstamme einer langen Linie niederländischer Seeleute, deswegen steht ein Schiff neben meinem Namen", erklärt In't Veld das Firmenlogo. Mittlerweile betreibt er auch noch einen Laden in Mitte und eine kleine Manufaktur. Seine Spezialitäten sind neben Variationen mit Chili, Bergminze und Blutorange auch Milchschokoladen aus reiner Ziegenmilch sowie Schokosalzstangen - handgezogen und mit exakt dosiertem Meersalz.

"Die Kunden, die zu uns kommen, schätzen vor allem das Handgemachte, sie wollen genau wissen was drin ist und ob die Zutaten gut sind", sagt In't Veld. Im Schnitt werde heute zwei bis drei Euro für eine gute Tafel Schokolade ausgegeben. "Vier bis fünf Euro sind schon zu viel."

Der Boom edler Schokoladen setzte im Jahr 2000 ein, als der Film "Chocolat" in die Kinos kam, heißt es beim Infozentrum Schokolade der Deutschen Süßwarenindustrie. In dem Film von Lasse Hallström verführt Juliette Binoche in einem französischen Dorf ihre Kunden mit allerfeinsten Pralinen aus eigener Herstellung. Im vergangenen Jahr aßen die Deutschen pro Kopf mehr als neun Kilogramm Schokoladenprodukte und gaben dafür fast 50 Euro aus.

Der große Boom, wo edle handgemachte Schokoladen einfach nur Kult waren, sei aber etwas vorbei, betont In't Veld. Jeder Bioladen habe heute Fair-Trade-Schokolade, jeder Supermarkt Zartbitter mit siebzig Prozent Kakaoanteil. Die Krise sei außerdem auch an den Schokoladenliebhabern nicht spurlos vorbeigegangen. Zudem belasten die steigenden Preise für Kakao die kleinen Produzenten. (dpa)

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