REISE
16. Juli 2014

Schottland Edinburghs große Festivals

Foto Pitopia/Franz

Von Art bis Tattoo: Eigentlich ist die schottische Hauptstadt eine eher verschlafene Stadt, doch im August dreht Edinburgh mit sechs Festivals auf

Von Verena Wolff

Der ältere Herr schaut verwundert auf die lange Schlange vor ihm. «Diese Leute haben wohl noch keine Tickets», sagt der distinguiert aussehende Schotte im sandfarbenen Tweedjackett. Seine Begleitung müht sich indes einen der vielen Hügel hinauf, die Edinburgh prägen. Angekommen an der Assembly Hall erwartet die beiden Kunstfreunde ein Bild, mit dem sie offenbar nicht gerechnet haben: Hunderte Menschen warten vor der Tür, sie schlängeln sich an der Straße entlang und warten auf Einlass. Der ältere Herr allerdings irrt: Alle Wartenden haben eine Eintrittskarte und sind sogar schon kontrolliert worden. Das teilt ihm eine der Helferinnen im roten T-Shirt mit, als sich das betagte Paar ganz vorne einreihen will. Ob Krawatte oder Jeans - gewartet wird hinten.

So wie bei dieser Veranstaltung in der alten Versammlungshalle, unterhalb der Royal Mile und der Burg, sieht es im August an vielen Orten in der schottischen Hauptstadt aus: Es ist Festivalzeit. Die Stadt ist in dieser Zeit im Ausnahmezustand: «Zwölf Festivals richten die verschiedenen Veranstalter das ganze Jahr über aus - allein die Hälfte davon Anfang August», sagt die schottische Kunstministerin Fiona Hyslop. Ein Bücherfestival gehört ebenso dazu, wie ein Kunst- und ein Weltmusik-Festival. Die größten Events im August heißen jedoch: The Fringe und Royal Edinburgh Military Tattoo. Die Vielzahl der Veranstaltungen lockt zahllose Besucher in die eher verschlafene Stadt: «Die Festivalzeit bringt mehr Gäste ins Land als der gesamte Golf-Tourismus.» Und der ist immerhin eine der wichtigsten Einnahmequellen Schottlands.

Im August gibt es unzählige Veranstaltungen im Stadtgebiet. Bekannte Schauspieler, Kabarettisten, Theater- und Musikgruppen finden ihren Weg nach Edinburgh - und Nachwuchskünstler, die ihre Programme vor kundigem und experimentierfreudigem Publikum zum Besten geben. Das hat Tradition: Denn das größte der Festivals, The Fringe, entstand am Rand eines anderen Ereignisses: Die Kulturschaffenden hatten sich nach dem Zweiten Weltkrieg ein «International Festival» einfallen lassen, um die schlechte Lage der Menschen in Europa vergessen zu machen. Doch sie luden nur einige Gruppen ein. «Die anderen aber kamen trotzdem, denn sie dachten sich: Wo viele Zuschauer sind, spielen wir auch», sagt die heutige Festival-Sprecherin Kate Bouchier-Hayes. Und so entstand am Rand, englisch «in the fringes», das heute größte Festival der Stadt.

«Wir verkaufen für die dreieinhalb Wochen fast zwei Millionen Tickets», sagt Neil MacKinnon, einer der Sprecher der Veranstaltung. Das Fringe ist überall: in Pubs, in Theatern, auf Dachböden, in Kellern. Oder einfach auf der Straße. Vor allem auf der Royal Mile, der zentralen Straße, die vom früheren Quartier der Königin bis zur Burg hinauf führt und die von Geschäften und Kneipen gesäumt wird. In diesem Jahr wird es 49 497 Vorstellungen von 3193 Shows an 299 verschiedenen Spielorten in der Stadt geben.

Damit jeder Besucher weiß, wo er hin muss, weisen große Schilder an den Mauern auf die Orte hin: Im Programm und auf der Eintrittskarte ist jeder Veranstaltungsort mit einer Nummer versehen. So findet man auch die kleinste Location in der entlegensten Gasse.

Ein Ort ist nicht zu übersehen während der Festivalzeit in Edinburgh: Die Esplanade, der Platz vor der Burg, verwandelt sich schon lange vor dem Startschuss der Festivals in eine Art Amphitheater. Denn beim Edinburgh Military Tattoo geben sich drei Wochen lang Dudelsack-Formationen aus Schottland und den Commonwealth-Staaten sowie Gäste aus der ganzen Welt ein Stelldichein. Mit den Massed Pipes and Drums beginnt das Spektakel jeden Abend um 21.00 Uhr, nur am Sonntag ist Ruhetag für die Musiker auf dem Castle Rock.

Militärmusik? Dudelsackformationen? Klingt schneidig, laut und anstrengend. Ist aber vor allem immer witzig und überraschend. «Wir laden jedes Jahr Formationen aus der ganzen Welt ein», sagt Brigadier David Allfrey, der das Tattoo seit Jahren organisiert. Und diese Gruppen spielen Gassenhauer auf ihren Steeldrums, legen in Uniform eine kesse Sohle auf den betonierten Boden oder geben Landestypisches zum Besten. «Sie haben nur eine Vorgabe: Jede Darbietung darf sechs Minuten dauern - mehr nicht», sagt Allfrey. Dass er auf die Einhaltung sehr genau achtet, glaubt man dem einstigen Soldaten mit der durchdringenden Stimme sofort.

Wie alle Festivals in der Stadt hat auch das Tattoo seinen Ursprung direkt nach dem Krieg. «Es gab ja nichts - aber das Militär hatte Musikinstrumente und Männer, die sie spielen konnten.» Und so entstand das Tattoo, das nichts mit Tätowierungen zu tun hat. «Während des 17. und 18. Jahrhunderts rief man in den Inns 'Doe den tap toe' und meinte damit, dass kein Bier mehr ausgeschenkt wurde», erläutert Allfrey. Mehr als 13 Millionen Menschen haben das Tattoo seit der ersten Ausgabe 1950 auf der Esplanade gesehen - mitgemacht haben Formationen aus 46 Ländern auf sechs Kontinenten. «Und trotz des auch im August mitunter wechselhaften Wetters ist noch keine einzige Vorstellung ausgefallen.»

Modernisiert wird hingegen immer, vor allem beim Drumherum. So endet inzwischen jede Vorstellung mit einem Feuerwerk, die Mauern der altehrwürdigen Burg sind nun Projektionsfläche für Lichtspiele. Doch an einem darf Brigadier Allfrey nicht rütteln: dem Ende der Veranstaltung. Drei Dinge beschließen jedes Tattoo: die Nationalhymne, das alte schottische Freundschaftslied «Auld Lang Syne», das alle gemeinsam singen und das Solo des Lone Pipers, der mit seinem Dudelsack auf einer Mauer der Burg steht und in blaues Licht gehüllt ein «Lamento» spielt. «Das muss so sein, das will jeder hören, da fließen viele Tränen», sagt Allfrey. Und darum gibt es an dieser Stelle keine Diskussionen.

Wer nach Abschluss des Tattoos noch einen Whisky oder ein Bier in einer der zahlreichen Bars und Pubs der Stadt trinkt, wird hingegen in so manche Diskussion verwickelt. Denn das Gros der Besucher kommt dann aus einer Vorstellung - in einem Theater, einem Kino, an der frischen Luft, in einem Zelt oder in einem der anderen Orte, die vielleicht sonst mit Theater gar nicht so viel zu tun haben. Sie alle haben etwas zu erzählen - denn egal, ob sie genau das gesehen haben - sie haben auf jeden Fall ein Erlebnis hinter sich.

Und viele von ihnen werden tags darauf wieder durch die Stadt schlendern und den Musikanten auf der Royal Mile zuhören, die Darbietungen der Straßenkünstler bestaunen oder sich von einer Theater-Kompanie zu deren Vorstellung einladen lassen. Denn all die Plakate, die an den Litfaßsäulen und den Telefonhäuschen, den Wänden und Venues hängen, sind ohnehin kaum noch lesbar. Und spannender ist es allemal, sich von einem Studenten im Pyjama oder einer eben noch tot am Boden liegenden jungen Frau mit Schmink-Stichwunde zu einer Vorstellung einladen zu lassen.

Und dann gibt es noch drei Empfehlungen für alle Festival-Besucher, sagt Sprecherin Kate Bouchier-Hayes: «Genau auf den Anfangstermin achten, denn die Vorstellungen fangen oft nicht zur vollen Stunde an.» Schauen, an welchem Ort die Vorstellung ist und wo der Einlass ist. Und: «Rechtzeitig da sein, denn bei vielen Veranstaltungen gibt es freie Platzwahl.» Da sei es von Vorteil, schon früh in der Schlange gestanden zu haben. «Denn wer zuletzt kommt, muss sich eben hinten anstellen.» dpa

Reise nach Edinburgh

Anreise: Es gibt verschiedene Flugverbindungen aus Deutschland nach Edinburgh. Lufthansa fliegt ab Frankfurt, Easy Jet ab München und Ryanair ab Frankfurt-Hahn in die schottische Hauptstadt. Zugverbindungen gibt es von London, Glasgow und Aberdeen.

Reisezeit: Auch im Hochsommer kann es in Edinburgh kühle und regnerische Tage geben, doch meist ist das Wetter wechselhaft schön. Die beste Reisezeit ist vom Frühjahr bis in den Herbst hinein.

Unterkunft: In Edinburgh gibt es vom Luxushotel bis zur Jugendherberge Unterkünfte in allen Preisklassen. Außerhalb der Stadt kann man in Schlössern und Burgen schlafen, in der Stadt gibt es charmante «Bed and breakfast»-Angebote.

Veranstaltungen: Eine Übersicht der Festivals sowie aktuelle Programme finden sich auf der gemeinsamen Webseite der zwölf großen Veranstaltungen (edinburghfestivals.co.uk).

Information: VisitScotland, Ocean Point One, 94 Ocean Drive, Edinburgh EH6 6JH, Großbritannien (Tel.: 0044 845/ 859 10 06, visitscotland.com/de