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21. Juni 2010

Slow Food geht in die Offensive nach Berlin

Slow Food Deutschland fördert verstärkt Zivilcourage in der Nahrungsmittelindustrie, das Genießer-Image tritt in den Hintergrund. Hauptversammlung beschließt Umzug der Geschäftsstelle nach Berlin

Nach den Querelen der vergangenen Monate hat der Verein Slow Food Deutschland die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft gestellt. Die Hauptversammlung der knapp 10.000 Mitglieder zählenden Vereinigung billigte am Wochenende in Kassel alle vom neuen Vorstand vorgelegten Anträge zu Satzungsänderungen mit überwältigender Mehrheit. "Jetzt ist ein handlungsfähiger Vorstand etabliert. Slow Food Deutschland hat jetzt eine Zukunft", kommentierte Schatzmeister Rupert Ebner die Ergebnisse der Tagung.

Der Tierarzt, der auch als Leiter der Versammlung mit 155 Mitgliedern amtierte, war erst im Februar in Würzburg zusammen mit dem Vorsitzenden Andreas Eichler, seiner Stellvertreterin Ursula Hudson sowie den Beisitzern Sebastian von Kloch-Kornitz und Hanns E. Kniepkamp an die Spitze des Vereins gewählt worden.

Die harmonisch verlaufene Versammlung billigte in Kassel auch den geplanten Umzug der Slow Food-Geschäftsstelle von Ludwigsburg nach Berlin. In der Hauptstadt sieht der Verein bessere Chancen, politisch aktiv zu werden und damit seine Ziele durchzusetzen. Zum Interview mit Andreas Eichler

Genehmigt wurde auch die Ausgliederung des gewerblichen Bereichs, damit der ideelle Bereich von Slow Food als gemeinnützig anerkannt werden kann. Slow Food hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Kultur des Essens und Trinkens zu pflegen und lebendig zu halten, eine verantwortliche Landwirtschaft und Fischerei, eine artgerechte Viehzucht, das traditionelles Lebensmittelhandwerk und die Bewahrung der regionalen Geschmacksvielfalt zu fördern sowie Wissen über die Qualität von Nahrungsmitteln zu vermitteln.

"Nach Kassel steht das Genießer-Image nicht mehr im Vordergrund", erklärte Rupert Ebner. Im Fokus seien jetzt Konsumenten, wertvolle Produkte sowie deren natürliche und artgerechte Herstellung.

Erstmals vergab Slow Food Deutschland die mit 2000 Euro dotierte Auszeichnung für Zivilcourage. Die Züchter Kerstin Wessels und Steffen Pohl wurden für ihren Mut und ihr Engagement bei der Aufdeckung der Praktiken des Geflügelproduzenten Wiesenhof geehrt.

Beide hatten im Jahr 2009 in Niedersachsen eine von zahlreichen Farmen von Wiesenhof als Pächter übernommen. Schon bald mussten sie feststellen, dass auf der Farm massiv gegen den Tierschutz verstoßen wurde und dass es keine Möglichkeiten gab, die Grundsätze von artgerechter Tierhaltung bei Wiesenhof, dem deutschen Marktführer in der Geflügelproduktion, umzusetzen.

Anstatt sich wegzuducken, beschlossen beide, sich einzumischen. Sie machten die Missstände bei Wiesenhof öffentlich, obwohl sie mit rechtlichen Schritten von Wiesenhof rechnen mussten und sie selbst ihre eigene Existenz damit aufs Spiel setzten. Dadurch geriet Wiesenhof in das Visier der Überwachungsbehörden und der Staatsanwaltschaft.

Kerstin Wessels und Steffen Pohl hätten mit ihrem couragierten Einsatz und ihren Kampf für artgerechte Tierhaltung in Deutschland das Bewusstsein der Konsumenten über den Verzehr von Geflügel aus Massentierhaltung geschärft, lobten Slow Food und seine Partner Neuland und ProVieh.

Der Vorstand von Slow Food Deutschland folgte mit dieser Auszeichnung den Vorschlägen aus den Reihen seiner Mitglieder, die angeregt hatten, besonders engagiertes Eintreten für Slow Food relevante Themen öffentlich anzuerkennen. So wie Carlo Petrini selbst, der zur Welturaufführung des Films Food Inc. über die Verhältnisse in der US-amerikanischen Lebensmittelproduktion auf der Berlinale 2009 kam und an der anschließenden Podiumsdiskussion teilgenommen hat und der in seinem neuesten Buch Terra Madre davor warnt, dass die Lebensmittelproduktion drohe, zu einer Industrie ohne ethische Werte zu verkommen.

Niko meint: Es sieht so aus, das Slow Food den Weg weg von kleinkrämerischer Genussphilosophie hin zur dringend notwendigen Politisierung gefunden hat. Mit der neuen Auszeichnung und dem Umzug nach Berlin verstärkt Slow Food Deutschland seine Präsenz in der öffentlichen Debatte und unterstützt die Aufklärung über die Schattenseiten der industriellen Lebensmittelproduktion. Slow Food ist erwachsen geworden!