Reise
10. Februar 2015

Spanien Formentera in der Vorsaison

Foto: Pitopia/Christine Müller

Seegras, das sich in den Wellen wiegt, und menschenleere Sandstrände: In der Vorsaison zeigt sich die unverstellte Schönheit Formenteras

Von Stefan Weißenborn

«Heute kommen wir hier nicht rum», sagt Asier Fernández. Die Flagge an der Spitze der sandigen Landzunge von Es Trucador zeigt Rot. Die Wellen gegenläufiger Strömungen prallen oberhalb der Nordspitze der Insel laut aufeinander. Dort, wo sich das Wasser kräuselt, entstehen Schaumkronen. Die Stelle ist für das kleine Schlauchboot im Moment nicht schiffbar.

Fernández zeigt Touristen regelmäßig die Inselwelt. Der Plan des Skippers: gegen den Uhrzeigersinn den Ableger Formenteras, die kleine Privatinsel Espalmador, umrunden. An diesem Tag aber verbieten die Turbulenzen in der rund 150 Meter schmalen Meerenge die Passage. Dabei kann bei ruhiger See sogar zu Fuß durch das flache Wasser von Insel zu Insel gewatet werden, auch wenn die Behörden immer wieder vor den unberechenbaren Strömungen warnen.

In der Vorsaison, die auf Formentera bis Ende Mai geht, kommt niemand auf diese Idee. Und noch muss auch kein Tourist auf die ausgelagerten Strände Espalmadors flüchten, die Formenteras bekannten Sandabschnitten im Norden - Platja de ses Illetes oder Platja de Llevant - in ihrer Schönheit in nichts nachstehen. Sobald die Temperaturen auf hochsommerliche Werte klettern, sieht das anders aus: Jährlich fallen nach Angaben der Tourismusbehörde rund 800 000 Touristen über die kleinste Baleareninsel her, die gerade einmal so groß wie eine deutsche Kleinstadt ist.

Bis auf zwei Stand-up-Paddler, die der Gruppe im Schlauchboot begegnen, ist heute weit und breit kein Mensch zu sehen. Im Sommer dagegen ankern die Jachten Seite an Seite, sagt Touristenführer Miguel Tur: «Arabische Ölscheichs stoppen hier oder russische Oligarchen.» Im «Es Molí de Sal», einem Fischrestaurant der Spitzenklasse, soll sogar schon häufiger der ehemalige spanische König Juan Carlos I. getafelt haben.

Doch von Formenteras elitärer Seite ist im Moment nichts zu spüren. Einfache Touristen haben die Insel fast für sich. Die Ausflügler im motorisierten Schlauchboot steuern die erste Bucht von Formenteras kleiner Schwester an. Fernández lässt den Anker ins seichte Türkis rasseln. Obwohl Espalmador ein Privateiland ist, darf es wie jede Küste von jedermann besucht werden. «Im Abstand von 200 Metern zum Strand bleibt das Land öffentlich nutzbar, das schreibt ein Gesetz vor», erläutert der Skipper.

Die Füße gleiten in das noch nordseekalte, knietiefe Wasser. Das von kurzärmeligen Neoprenanzügen gewärmte Grüppchen watet zum verwaisten Strand, auf dem tausende tennisballgroße Gebilde herumliegen. «Das sind Seebälle. Sie entstehen aus den Fasern des Neptungrases», sagt Fernández. Die abgestorbenen Blätter verfilzen in der Brandung langsam zu Bällen. Die großen Seegraswiesen zwischen Formentera und Ibiza haben das Gebiet zum Unesco-Welterbe gemacht.

«Neptungras bindet doppelt so viel CO2 wie eine gleich große Fläche Amazonas-Regenwald», erklärt der Skipper. Die Unterwasserwiesen sind für Formenteras fast karibisch anmutende Strände verantwortlich. Sie filtern das Wasser und schützen die Küsten vor Erosion. Welchen Effekt das hat, darüber staunen all die Touristen, die eine solche Sandlandschaft im Mittelmeer nicht für möglich gehalten hätten.

Formentera ist ein bisschen in Vergessenheit geraten, nachdem die Insel noch in den 70er-Jahren fest in der Hand deutscher Touristen war, die aus der heutigen Touristenhochburg Es Pujols fast ein deutsches Dorf machten. Dass Formentera längst kein Geheimtipp mehr ist, belegt der Run, der einsetzt, sobald die Lufttemperatur ab Mitte Juni auf sommerliche Werte steigen. Dann sind die Buchten der Halbinsel Es Trucador überfüllt von meist italienischen Urlaubern.

Wer im bereits recht warmen April oder Mai kommt und sich vom noch frischen Wasser nicht abschrecken lässt, der findet Formentera in einem ursprünglich wirkenden Zustand vor. Deutlich wird das auch bei einer Paddeltour entlang der Steilküste des Cap de Barbaria, wo die Boote fast im Nichts zu schweben scheinen, so klar ist das Wasser.

Auch die ohnehin beschaulichere, da weitläufigere Südküste erwacht im April gerade erst aus dem Winterschlaf. Nur ab und an begegnet man auf Wanderungen entlang des über sechs Kilometer langen Platja de Migjorn anderen Urlaubern. Der Strand erstreckt sich sichelförmig zwischen Cap de Barbaria im Westen und der Hochebene La Mola im Osten. Holzbohlenwege, die zum Schutz der Landschaft angelegt wurden, führen durch die Dünen. Stundenlang kann man sich so spazierend die Küste erschließen, es geht durch Schilf und wilden Fenchel, auch Agaven und Kakteen gedeihen, wilde Malven blühen in zartem Lila.

Alle paar hundert Meter kommt der Besucher an einem der bekannten Kioscos vorbei. So heißen die Strandbars, von denen manche einen legendären Ruf genießen, weil hier Größen wie Bob Dylan abgehangen haben sollen. Serviert wird viel frischer Fisch, aber auch Trockenfischsalat mit frittiertem Brot, Tomaten und Paprika.

Etwas für Hartgesottene ist dagegen das neoprenfreie Bad im Meer. Im April und Mai liegen die Wassertemperaturen noch zwischen 15 und 17 Grad, erst im Juni wird die magische 20-Grad-Marke geknackt. Doch damit fängt auf Formentera der große Rummel an. dpa

Reise nach Formentera

Anreise: Mit dem Flugzeug über Ibiza, einen Flughafen hat Formentera nicht. Außerhalb der Saison muss eine Zwischenlandung in Mallorca eingeplant werden. Zwischen Ibiza-Stadt und La Savina, dem Hafen Formenteras, verkehren täglich Fähren verschiedener Gesellschaften. Tickets können bereits am Flughafen Ibiza erworben werden.

Klima und Reisezeit: Regelmäßig über 20 Grad Celsius steigen die Temperaturen erst ab Ende April. Die Wassertemperatur von 20 Grad wird meist erst im Juni erreicht.

Unterkunft: Auf Formentera gibt es zahlreiche Ferienhäuser oder Apartments und auch einige Hotels, aber keinen Campingplatz.

Informationen: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Lietzenburger Straße 99, 10707 Berlin (Tel.: 030/882 65 43, tourspain.es)