BERLIN
02. Oktober 2009

Spuren der Berliner Mauer

20 Jahre Mauerfall: Vom Potsdamer Platz zur East Side Gallery - eine Tour durch Berlin zum 3. Oktober

Vor 20 Jahren bestimmte die Mauer das Stadtbild Berlins: Auf einer Länge von mehr als 40 Kilometern ragte der «antifaschistische Schutzwall» meterhoch in die Höhe und trennte die Menschen im Westen von denen in Ost-Berlin. Heute ist davon kaum noch etwas zu merken, denn nach der Wende wurden fast alle der etwa 45 000 Betonklötze entweder von Mauerjägern in kleine Teile zerlegt oder gleich komplett abtransportiert. Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls gehen nun aber immer mehr Menschen auf Suche nach den Resten der Mauer. Mit Erfolg: Wer genau hinschaut, findet zahlreiche Spuren.    

Das Brandenburger Tor ist ein guter Ausgangspunkt für einen solchen Rundgang. Während heute täglich hunderte Touristen frei unter dem Berliner Wahrzeichen durchlaufen, wirkte die Gegend zu Zeiten der Teilung gespenstisch leer. Denn auch direkt vor dem Brandenburger Tor waren in den frühen Morgenstunden des 13. August 1961 Barrikaden errichtet worden, die später zu einer festen Mauer ausgebaut wurden. Besucher im Westteil der Stadt sahen die Quadriga fortan nur hinter der Mauer versteckt, Bewohner des Ostteils kamen unter anderem wegen des breiten Kontrollstreifens nicht einmal mehr in ihre Nähe.    

Eine Reihe Pflastersteine, die den einstigen Verlauf der Mauer markiert, führt zum Potsdamer Platz. An der Ecke vor dem modernen Bahn-Hochhaus stehen sieben einzelne Mauersegmente. Ein Mann in Volkspolizei-Uniform bietet «Original DDR-Visum mit Stempel» an, auf einigen Mauerteilen kleben Kaugummis, Touristen haben ihre Initialen auf den Beton gekritzelt. Tatsächlich aber verdeutlichen die massigen Blöcke, wie markant die Mauer die Stadt teilte, wie sie mitten über Straßen lief und wie sie Berlin an einem der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte in zwei Teile riss.    

Das ist auch am nahen Martin-Gropius-Bau zu sehen: «Die Straße vor dem Gropiusbau gab es während der Teilung nicht», erklärt Klaus Kowatsch, der schon seit 1990 Bewohner und Besucher durch die Stadt führt. «Schließlich verlief die Grenze so, dass der Bürgersteig direkt am Gebäude zwar vor der Mauer lag, dennoch zum Ostteil der Stadt gehörte und von den Menschen im Westen daher nicht benutzt werden durfte.» Deswegen wurde der Eingang zu den Ausstellungsräumen zwangsweise zur Südseite verlegt. Erst seit dem Mauerfall kann der Bau, eines von Berlins wichtigsten Ausstellungsgebäuden, wieder über seinen eigentlichen Haupteingang betreten werden.    

Gleich nebenan verdeutlicht eines der drei größten Original-Mauerstücke eindrucksvoll diesen Verlauf: Auf rund 200 Meter Länge sind zahlreiche hellgraue Betonklötze zu sehen, die zwar unter Denkmalschutz stehen, zuvor aber noch von allzu euphorischen Mauerspechten arg in Mitleidenschaft gezogen wurden. «Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet an diesem Ort die Mauerreste erhalten wurden», erklärt Kowatsch.    

Denn auch wenn sich dieser Teil der Niederkirchner Straße auf den ersten Blick nicht gerade positiv vom übrigen Stadtbild abhebt, so spiegeln sich dort doch zentrale historische Ereignisse wieder: Hinter der Mauer befindet sich das Gelände, auf dem während der NS-Zeit die Hauptquartiere von Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt lagen. Gegenüber, im heutigen Bundesfinanzministerium, befand sich nach 1936 das Reichsluftfahrtministerium. «Von hier aus wurde der Zweite Weltkrieg geplant, ohne den es nicht zur Teilung des Landes gekommen wäre», sagt Stadtführer Kowatsch.    

Auch der legendäre Checkpoint Charlie, den zu DDR-Zeiten nur Ausländer und Diplomaten passieren durften, ist ein Besuchermagnet. Das Grenzkontrollhäuschen der amerikanischen Streitkräfte wurde 1990 abgebaut, später jedoch durch einen Nachbau ersetzt. Heute schießen Touristen beinahe im Minutentakt Fotos von der Straßenecke, die von den Porträts eines russischen und eines amerikanischen Soldaten überragt wird. Außerdem nutzen viele die Gelegenheit, um einen Abstecher ins Museum «Haus am Checkpoint Charlie» zu machen.    

Vor der benachbarten Zimmerstraße 26 erinnert ein Mahnmal an einen der ersten Mauertoten: Der 18-jährige Bauarbeiter Peter Fechter versuchte am 17. August 1962 zusammen mit einem Freund über die Mauer zu klettern. Doch während der Freund den Sprung in den Westen schaffte, wurde Fechter angeschossen und rund eine Stunde schwer verletzt an der Ostseite der Mauer liegen gelassen, wo er verblutete. Sein tragischer Tod erschütterte damals zahlreiche Menschen und führte zu massiven Protesten im Westen.    

Mit der S-Bahn geht es in den Norden, in die Bernauer Straße, wo der zweite große Mauerrest der Stadt steht. Eine etwa 200 Meter lange Betonfront erinnert daran, dass in dieser Straße nach dem Mauerbau zahlreiche Menschen aus Häuserfenstern in den Westen sprangen und einige dabei den Tod fanden. Auch der DDR-Grenzpolizist Conrad Schumann hechtete in der Straße über eine Stacheldrahtrolle in den Westen - ein Bild, das Geschichte machte.    

Deutlich weiter im Osten finden Besucher schließlich das wohl bekannteste Mauerstück: die 1,3 Kilometer lange East Side Gallery. 1990 bemalten Künstler aus aller Welt dieses längste erhaltene Stück Mauer mit riesigen Wandbildern. Zu den bekanntesten Motiven gehört sicherlich Dmitrji Vrubels «Bruderkuss» zwischen Honecker und Breschnew.    

Wer mag, kann hier den Rundgang beenden und den Tag im nahe gelegenen Biergarten ausklingen lassen. Wer noch nicht genug hat, kann sich im «Tränenpalast» am Bahnhof Friedrichstraße an die oft tränenreichen Abschiede in der ehemaligen Abfertigungshalle erinnern, in der Gedenkstätte Hohenschönhausen das ehemalige Stasi-Gefängnis besichtigen oder außerhalb der Stadt den rund 160 Kilometer langen Mauerweg entlang radeln - auch wenn die Mauer weitestgehend aus dem Stadtbild beseitigt wurde, versteckte Spuren finden sich noch immer. (Aliki Nassoufis, dpa)