Reise
18. August 2009

Städtereisen bleiben im Trend

Die Sommerbilanz der meisten Reiseveranstalter wie FTI, Neckermann, Ameropa oder TUI ist gerade für die Städtereisen positiv. In der Wintersaison wird das Angebot in diesem Bereich sogar noch umfangreicher: London vor Paris, beliebt sind auch Trier und Eisenach

Das ist eigentlich verwunderlich. Vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise läge es nahe, dass sich viele Deutsche gerade den Zweit- oder Dritturlaub verkneifen. Genau das haben viele Tourismusexperten vorhergesagt. Aber nichts da: Städtereiseziele sind beliebt wie eh und je oder sogar noch mehr.

«Wir sehen seit zehn Jahren ein kontinuierlich wachsendes Interesse an Städtereisen», sagt der Tourismusforscher Prof. Martin Lohmann aus Kiel, der die Daten für die jährliche «Reiseanalyse» erhebt. Das tatsächliche Buchungsverhalten der deutschen Urlauber entspreche dem auch. Allerdings gehört Lohmann zu denjenigen, die schon seit Jahresanfang darauf hinweisen, dass im Tourismus die Nachfrage nach Kurz- und Städtereisen durch die Wirtschaftskrise gefährdet ist.    

«Natürlich hat niemand schon zu Jahresanfang beschlossen, diesmal lassen wir die Städtereisen sein», schränkt Lohmann ein. «Die Konsumfreude ist ja auch in anderen Bereichen nicht gesunken. Solange das eigene Portemonnaie nicht betroffen ist, hält das an.» Etliche Veranstalter sehen gerade bei den Städtereisen deutliche Zuwächse. Sie profitieren von einer Entwicklung, die insgesamt eher unschön ist: «Die Städte haben zwei große Probleme», sagt Martin Katz, Ameropa-Geschäftsführer in Bad Homburg. «Zum einen gibt es viel weniger Geschäftsreisende, zum anderen bleiben die ausländischen Gäste weg.» Und deswegen purzeln die Hotelpreise.    

Die Veranstalter können ihre Städtereisen nun oft günstiger anbieten und machen damit einen guten Schnitt: Ameropa, der vor allem Hotels in Kombination mit Bahnanreisen vermarktet, verzeichnet Katz zufolge einen «Zuwachs im deutlich zweistelligen Bereich». «Pluszahlen für den Sommer im unteren zweistelligen Bereich» gibt es zum Beispiel für die Städtereisen bei FTI. «Für eine Städtereise kann man sich auch kurzfristig entscheiden», sagt Ulrike Schäfer von FTI in München. Wer noch am Grübeln war, ob er sich das leisten kann, schlägt zu, wenn er merkt, dass das Angebot stimmt.    

Auch Marktführer TUI legt nach: Nicht ganz 1000 Hotels in 114 Städten sind im neuen Winterkatalog zu buchen. Allein in Hamburg stehen 50 Hotels davon, immerhin jedes 20. - bei der TUI ist die Hansestadt das Städtereisenziel Nummer eins, noch vor Berlin, Rom oder Paris. Das war einer der Gründe, warum TUI nun mit Hamburg Tourismus kooperiert und dessen Pauschalpakete bundesweit in 9000 Reisebüros buchbar macht. Das soll erst der Anfang sein, kündigt Frank Stoll an, der bei TUI in Hannover die Städtereisen verantwortet.

Künftig will der Veranstalter auch mit anderen Städten auf diese Weise zusammenarbeiten und die Produkte mitvermarkten, die dort entwickelt wurden. Bei der TUI legen die Städtereisen in jeder Hinsicht zu: Die Gäste bleiben länger - 1996 waren es noch 2,6 Nächte im Schnitt, im vergangenen Jahr schon 3,7. Und sie lassen sich das mehr kosten: Von 180 Euro stiegt der Umsatz pro Person auf 340.    

Und sie buchen mehr Zusatzleistungen, für das Abendprogramm zum Beispiel. «Die einen wollen etwas anschauen, andere Wellness, wieder andere schön essen gehen», sagt Stoll. Seit zwei Jahren können TUI-Kunden im Reisebüro auch Tickets buchen - für Musicals etwa, die bei Städtereisen immer gefragt sind.    

Nun hat TUI die Städtereise nicht erfunden. Andere wie Dertour - mit mehr als 1100 Hotels in über 200 Städten - machen es ganz ähnlich. Der Veranstalter hat ebenfalls einige neue Ziele von Duisburg und Trier bis Istanbul oder Pec in Ungarn für den neuen Städtereisekatalog im Winter angekündigt. Bei Dertour finden sich darin auch mehr als 20 Musicals in Städten von Essen bis London. Und für die europaweit mehr als 400 Veranstaltungen gibt es auf der Webseite des Veranstalters einen eigenen «Eventscout».    

Städtereisen zwischen Kiel und Konstanz werden auch bei anderen Veranstaltern wichtiger: «Deutschland ist absolut im Trend», sagt Ulrike Schäfer. «Das gilt auch für Ziele, die früher als C-Städte eingestuft worden wären.» Längst sind Trier, Braunschweig oder Oberhausen im FTI-Katalog zu finden. «Eisenach zum Beispiel hat extrem zugelegt.» Zum Winter hat der Veranstalter das Deutschlandprogramm ausgebaut und um neue Ziele wie Marburg und Dessau erweitert.    

Den Trend sieht auch Daniela Lennartz, bei Neckermann und Thomas Cook in Oberursel für die Städtereisen verantwortlich: «Wir haben immer mehr kleinere Städte wie Erfurt im Katalog. Die vermarkten sich einfach gut.» Ameropa-Chef Katz bestätigen das: «Bonn, Bremen, Weimar, Leipzig, Eisenach oder Halle im Händeljahr - Städte, in denen kulturell viel los ist, sind attraktiv.» Bei Ameropa legen die deutschen Städte überdurchschnittlich zu. «Paris dagegen ist bei uns zweistellig im Minus», sagt Katz.    

Im Ausland sind einerseits die Klassiker wie Rom nach wie vor gefragt. «London boomt», sagt Ulrike Schäfer - und Reykjavik. Da seien die Flugpreise sehr attraktiv geworden. «London hat bei uns sogar Paris als Nummer eins der Städtereisenziele abgelöst», ergänzt Daniela Lennartz. «Das ist ein klarer Währungsgewinner. Man kann London sogar wieder als Shopping-Metropole vermarkten.»    

Auch Madrid sei in diesem Jahr beliebt - unter den spanischen Städtereisezielen sonst immer hinter Barcelona auf Platz zwei. Auffallend sei der Wunsch, die Stadt der Wahl auf möglichst originelle Art zu entdecken. Die klassische Stadtführung, bei der Kirchen und Architekturdenkmäler abgeklappert werden, verliert an Reiz. «Stattdessen geht es mit dem Fahrrad durch die Altstadt von Valencia oder mit dem Hightech-Roller Segway durch die City.»    

Martin Katz ist für 2010 optimistisch: «Der klassische Badeurlaub und die Fernreise werden Probleme haben», glaubt er. «Die Gruppe, die lieber nur einen Kurz- statt des Haupturlaubs macht, wird größer, gerade in diesen Zeiten.» Statt zwei Wochen Malediven entscheide sich mancher eher für drei Tage Wellness in Baden-Württemberg. Dass die Hotelpreise weiter fallen, sei aber unrealistisch. «Viele Hoteliers sind schon an der Schmerzgrenze.» (Andreas Heimann, dpa)