Reise
03. November 2009

Straßenküchen in Singapur

Wer an Singapur denkt, hat Wolkenkratzer und Luxushotels, Einkaufszenten und Chinatown im Sinn. Aber Singapur ist auch ein kulinarisches Ziel - zu sensationell günstigen Preisen

Über die ganze Stadt verteilt sind Markthallen mit Straßenküchen, in denen fast rund um die Uhr für eine Handvoll Dollar Spezialitäten auf Papptellern aufgetischt werden. In diesen Hawker Centres, überdachten Pavillons mit Tischen und Stühlen, gibt es Fischcurrys und traditionelle Hähnchenspieße (Satays), Bratreis und Chili-Krebse, und zwar alles frisch zubereitet und von staatlich überwachter Güte.    

Singapur ist wie das benachbarte Malaysia ein Land von Essensverrückten. Mehr noch als Aktienkurse und die Ergebnisse der englischen Fußball-Liga interessiert die Einheimischen, wo man in der Stadt das beste Nasi Lemak bekommt: Duftreis mit Kokosmilch, frittiertem Fisch und Chili. Kein Geschmackserlebnis ist dabei zu verwegen. Selbst für die melonengroße Durian-Frucht - in Südostasien berüchtigt, weil sie penetrant nach überreifem Käse stinkt und in Bussen und Bahnen zurecht verboten ist - feiert der Stadtstaat ein mehrwöchiges Jubelfest.    

«Zur 'Durian-Fiesta' können Sie alleine gehen», sagt Reiseführer Danny mit tiefer Abscheu in der Stimme. «Das ist nichts für mich.» Ein langjähriger Aufenthalt in Europa hat den geborenen Singapurer offenbar verweichlicht. Viel lieber will Danny nach Changi Village im Nordosten der Stadt. Dort wird im Hawker Centre am Eckstand Nummer 57 das seiner Meinung nach weltbeste Nasi Lemak zubereitet.    

In der Tat reicht die Schlange der wartenden Kunden schon aus dem Pavillon hinaus, als Danny und seine Begleiter am späten Vormittag zu einer Kostprobe eintreffen. Fast 2000 Portionen zu je drei Singapur-Dollar (umgerechnet 1,45 Euro) werden jeden Tag unter die Leute gebracht, erzählt die Tochter des Besitzers. Kein schlechter Umsatz, zumal es nicht so ist, als gäbe es in der Nachbarschaft nichts mehr zu essen. Drei Dutzend weitere Stände warten direkt nebenan mit asiatischen Köstlichkeiten: Garnelensuppe, Satays mit süßer Erdnusssoße und gegrillter Rochen. Dazu frischer Ananassaft oder Kokosmilch. Jedes Gericht kostet nicht mehr als ein oder zwei Euro. Mit fünf Euro lässt sich problemlos ein Drei-Gänge-Menü mit Getränk zusammenstellen - und man fühlt sich anschließend pappsatt.    

Mehr als 1000 Hawker-Stände in Singapur hat der auf Straßenküche spezialisierte Führer «Makansutra» getestet und bewertet. Das ist viel Auswahl, aber ein echter Singapurer hat seine klaren Favoriten und nimmt dafür weite Wege in Kauf. Da Taxis nicht allzu viel kosten, können sich auch Touristen mühelos auf kulinarische Entdeckungsreise durch den Stadtstaat begeben. Viel schiefgehen kann dabei nicht. Es schmeckt fast überall gut, auch wenn manche Chilipaste (Sambal) und exotische Zutat für westliche Gaumen eine Herausforderung sind. Alle Stände werden von der Gesundheitsbehörde überwacht, für radikale Sauberkeit im öffentlichen Raum ist Singapur ohnehin bekannt.    

Für die beste Laksa, eine populäre Nudelsuppe mit Fisch, schleppt Danny seine Gruppe einmal durch die halbe Stadt nach Katong, wo viele alteingesessene Singapur-Chinesen leben, «Peranakan» genannt. Sie sind Nachfahren früher chinesischer Siedler, gelten heute als eigene Volksgruppe und haben die verschiedenen Küchen der Region vielleicht am raffiniertesten verschmolzen. Bei «328 Katong Laksa» an der 216 East Coast Road gibt es für 3,50 Dollar eine säuerlich scharfe Suppe mit knackigem Gemüse und rosafarbenen Garnelen. Die Bedienung schiebt noch ein Blechdöschen Chilipaste zum Nachwürzen rüber - die Gäste hätten jetzt aber lieber einen Liter Tee zu Ablöschen.    

Der Stadtteil Katong ist für couragierte Feinschmecker ein gutes Ziel. Nur wenige Schritte weiter, an der East Coast Road 109/111, wartet das Restaurant «Kim Choo». Juniorchef Raymond Wong stellt ein «Best of» zusammen: Rindergeschnetzeltes in Zwiebelkokosnusssoße (Beef Rendang), Hühnchenschenkel mit Tamarindensoße und gegarter Schwarznuss (Ayam Buah Keluak). Letztere Zutat ist eine Baumfrucht, die andernorts als giftig gilt, gekocht aber auf interessante Weise bitternussig nach Zigarre schmeckt und ohne fatale Folgen verdaut werden kann. Dann folgen - fast schon gewöhnlich - süßsauer eingelegter Barsch mit Tomaten, Auberginen und Okraschoten (Assam Pedas Fish) und zum Nachtisch eine Art Sorbet aus Eissplittern, Kokosmilch und zerdrückten roten Bohnen (Chendol).    

Im Restaurant kostet das Menü zwar mehr als an einem Hawker-Stand, für rund 25 Euro wird aber so reichlich aufgetischt, dass drei Personen nicht alles schaffen. Für Danny ist klar: Um gut zu essen, braucht in Singapur niemand viel Geld. Das kann man dann fürs Shoppen ausgeben. Oder für die Strafe, falls man sich doch noch den letzten kulinarischen Kick gibt und eine Durian-Frucht in der U-Bahn isst. (Frank Rumpf, dpa)

Fremdenverkehrsamt Singapur, Hochstraße 35-37, 60313 Frankfurt, Tel.: 069/920 77 00, www.visitsingapore.com