Reise
18. August 2010

Sylt nach dem Feuer: Sansibar oder Selters?

Gespräche mit Sansibar-Chef Herbert Seckler und Dirk Ipsen, Bürgervorsteher der Gemeinde Sylt, über die Zukunft der Insel

«Darüber redet hier keiner», gibt sich Prominentenwirt Herbert Seckler am Mittwoch gelassen. «Das ist bei meinen Gästen nicht Tischgespräch.» Der Chef des Restaurants «Sansibar» in den Sylter Dünen meint die Brandserie auf der Nordseeinsel - und das in der Hochsaison.

In den beiden Nächten zuvor brannten gleich mehrere Feuer - der Schaden geht in die Millionen. Betroffen waren auch eine Hotelanlage und eine Volkshochschule. Hunderte Menschen mussten in Sicherheit gebracht werden. Vieles spricht für Brandstiftung, die Polizei hat noch keine Gewissheit.

Was könnte hinter der Serie stecken? Dirk Ipsen, Bürgervorsteher der Gemeinde Sylt, vermutet einen pyromanisch veranlagten Feuerteufel: «Das ist doch krankhaft, ein Altenheim oder ein Hotel anstecken zu wollen.» Dass die Taten möglicherweise politisch motiviert sein könnten, kann sich Bürgermeisterin Petra Reiber nicht vorstellen. Einen Zusammenhang mit dem Ruf Sylts als Insel der Reichen und Schönen sieht sie nicht.

Für die einheimischen Sylter scheinen die unbeschwerten Zeiten aber schon länger vorbei zu sein. Erst vor einer Woche zeichnete «Der Spiegel» eine düstere Perspektive von einer «Insel ohne Insulaner». «Die Sylter sterben aus, weil sich die Einheimischen ihre eigene Insel nicht mehr leisten können», schrieb das Nachrichtenmagazin.

Dabei steigt seit Jahren die Zahl der Übernachtungen: 2009 waren es fast sieben Millionen, 57 000 registrierte Gästebetten gibt es. Ob in der Hochsaison maximal 100 000 oder sogar bis zu 200 000 zur selben Zeit das schmale Eiland bevölkern, darüber streiten Fachleute.

Ipsen bestätigt, dass der Tourismus-Boom für die einheimische Bevölkerung auch negative Auswirkungen hat - nicht nur wegen neuer Hotelbauten und zunehmenden Flugverkehrs. «Wir bluten aus, weil die Grundstücke so teuer sind und viele auf der Insel sie sich nicht selbst leisten können.» Ipsen schätzt, dass es nur noch etwa 12 000 bis 14 000 echte Sylter gibt. Es waren mal fast doppelt so viele.

«Sansibar»-Wirt Seckler empfindet die Gefahr der Überfremdung durch reiche Touristen oder Zugezogene als «Luxusproblem». Alle seine 160 Mitarbeiter lebten auf der Insel, versichert er. Und was wäre Sylt ohne Tourismus, fragt er. «Außer Militär und Landwirtschaft wäre da sonst doch gar nichts.»

Mit «Grips» will die Gemeinde Sylt «intelligente Lösungen finden», um vermehrt auch wieder jungen Leuten Wohnraum und Grundstücke zu bieten, wie Ipsen sagt. In bestem Behördendeutsch steht «Grips» für «Geografisches Informations- und Planungssystem Sylt». Die Gemeinde, ein Zusammenschluss von sieben Gemeinden mit rund 15 000 Einwohnern, will erst einmal genaue Fakten zusammentragen, bevor es konkrete Vorschläge geben soll, wie Ipsen erläutert.

Eine Idee: Grundsätzlich sollten einheimische Familien an bezahlbare Grundstücke kommen können, die dann aber auch über Generationen nur an Inselbewohner veräußert werden dürften. Aber wie sich das juristisch umsetzen lässt, weiß auch Ipsen noch nicht.

Mancher Einheimische sieht einen gewissen Ausverkauf - auch manchmal zulasten des Naturschutzes. So entstehe in direkter Nachbarschaft zu Dünen, die zum Nationalpark Wattenmeer gehören und die niemand betreten darf, eine Golfanlage.

Auch Gastronom Seckler sieht die Bautätigkeit auf der Insel kritisch: «Sylt braucht irgendwann einen Stopp, wir können nicht alles zubetonieren. Nur wo die Grenze liegt, das maße ich mir nicht an zu sagen.» (Matthias Hoenig und Nicola Kabel, dpa)