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13. Januar 2016

Tourismus Terror trifft angeschlagene Türkei

Der Terroranschlag von Istanbul sollte gezielt Touristen treffen. Das Geschäft mit den Reisenden spielt in der aufstrebenden Türkei eine große Rolle. Bleiben nach den Russen nun auch die Deutschen weg?

Von Christian Ebner

Der Selbstmordanschlag in Istanbul trifft die ohnehin kriselnde türkische Tourismuswirtschaft in einer denkbar ungünstigen Situation. Seit dem Abschuss eines russischen Kampfjets im November ist schon die zahlungskräftige Kundschaft aus Russland ausgeblieben, nun könnte mit den Deutschen die größte Gästegruppe aus Terrorfurcht zumindest eine Zeit lang zaudern. Bei dem Attentat wurden mindestens zehn deutsche Touristen getötet. Vor allem an der türkischen Riviera mit ihrem Zentrum Antalya herrschen bei Hoteliers, Wirten und Shopbetreibern große Sorgen.

«Natürlich wird die politische Situation dem Tourismus in der Region schaden», hatte dort der Yacht-Vermieter Mehmet Ali Gütekin schon nach der harschen Reaktion Moskaus mit Boykott-Aufrufen auf den Jet-Zwischenfall befürchtet. Der endlose Bürgerkrieg im Nachbarland Syrien, der offene Konflikt mit der kurdischen Minderheit, die in der Vergangenheit auch vor Terrorangriffen in Touristenzielen nicht zurückschreckte - die Buchungsvoraussetzungen für die Türkei sind miserabel.

Dabei hatte sich die auch industriell aufstrebende Nation in den vergangenen Jahren mit viel Sonne, kulturellem Erbe und stark ausgebauten Hotels zum drittliebsten Auslandsziel der Deutschen nach Spanien und Italien gemausert, Österreich, Frankreich und Griechenland hinter sich gelassen. Laut Deutschem Reise-Verband (DRV) reisten 2015 rund 5,5 Millionen Deutsche in das Land. Zusammen mit mehr als vier Millionen Russen stellten sie deutlich mehr als ein Drittel aller ausländischen Gäste in der Türkei. 2014 brachte der Tourismus Einnahmen von rund 34,3 Milliarden US-Dollar.

Allerdings ist das Geschäft mit den Reisenden für die Regionalmacht Türkei mit ihren rund 77 Millionen Einwohnern nicht ganz so wichtig wie für andere Länder. Nach Untersuchungen im Auftrag des Welttourismusverbands WTTC hängen zwar rund 12 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und mehr als 2 Millionen Jobs direkt oder indirekt am Tourismus mit jeweils jährlichen Wachstumsaussichten zwischen 3 und 4 Prozent. Aber die relative Bedeutung der Sparte ist geringer als anderswo, denn in immerhin 66 Ländern dieser Erde ist der Tourismusanteil an der Volkswirtschaft höher.

Auch bei den Wachstumsperspektiven liegt der Türkei-Tourismus laut WTTC im globalen Vergleich eher auf den hinteren Rängen. Gleichwohl haben die Türken zum Beispiel im Luftverkehr ambitionierte Pläne, wenn sie Istanbul mit einem dritten Flughafen zu einem gigantischen internationalen Drehkreuz ausbauen, das es mit den Konkurrenten am Persischen Golf durchaus aufnehmen kann. Die günstige geografische Lage und die erfolgreiche Fluglinie Turkish Airlines sollen hier voraussichtlich ab 2018 Milliardenumsätze generieren, bei denen man Terrorfurcht nicht gebrauchen kann.

Für verlässliche Aussagen zum Buchungsverhalten der Urlauber ist es noch sehr früh, zuletzt hatten die Türken ihrerseits von Terror-Krisen in Ägypten oder Tunesien profitiert. Dass sich Urlauber im kommenden Sommer in westlicheren Mittelmeerzielen sicherer fühlen, scheint auf der Hand zu liegen.

Der Veranstalter Tui erwartet zunächst ein deutliches abwartendes Verhalten der Kunden, Konkurrent Thomas Cook empfiehlt kostenpflichtige Absicherungen für Umbuchungen. Allerdings währte der Terrorschock in der Vergangenheit häufig nicht lange. Branchenexperte Martin Lohmann, Geschäftsführer des Instituts für Tourismus und Bäderforschung, formuliert es so: «Terror, Naturkatastrophen oder Kriege hindern die Menschen nicht grundsätzlich am Reisen.» dpa