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28. Juni 2015

Tourismus & Terror Tunesiens Reisebranche geschockt

Gourmetwelten-Spezial: Das Geschäft mit Urlaubern ist eine Säule der tunesischen Wirtschaft. Doch schon der Anschlag auf das Bardo-Museum traf die Branche ins Mark. Ist der neue Anschlag ein Todesstoß für den Tourismus?

Von Jan Kuhlmann und Mey Dudin

Eigentlich wollte Afif Kchouk bei einem Treffen mit Kollegen über die Zukunft des Tourismus in Tunesien sprechen. Drei Monate nach dem Anschlag auf das Nationalmuseum Bardo in Tunis blickte nicht nur der Hotelbesitzer wieder optimistischer in die Zukunft. Das Schlimmste schien überstanden. Noch in diesem Jahr, so hoffte Kchouk, werde sich die Zahl der Touristen normalisieren. Dann platzte die Nachricht vom Attentat in Sousse in das Treffen. Und Kchouk fühlte sich wie gelähmt: «Eine halbe Stunde war ich in einer anderen Welt», erzählt er am Samstag noch immer geschockt.

Der neue Terroranschlag trifft Tunesien und seine Wirtschaft mitten ins Herz. Das Land hat zwar als einziger Staat der Region nach den arabischen Aufständen vor vier Jahren den Übergang in die Demokratie geschafft; die wirtschaftliche Lage hat sich seitdem aber nur langsam verbessert. Mit dem Anschlag in Sousse erleidet sie einen neuen Rückschlag. «Das Attentat ist eine nationale Katastrophe», sagt Kchouk, der unter anderem auch ein Tourismus-Magazin herausgibt. «Langsam atmet der Tourismus nicht mehr.»

Es ist bereits das zweite Mal in diesem Jahr, dass die Branche mit voller Wucht getroffen wird. Sowohl die Attentäter, die im März das Bardo-Museum überfielen und mehr als 20 Menschen töteten, als auch der Angreifer in Sousse dürften sich gezielt den Tourismus-Sektor ausgesucht haben. Ihnen geht es darum, das demokratische System zu zerstören. Deswegen wollen sie Chaos stiften. Schon mit dem Anschlag auf das Bardo-Museum in der Hauptstadt gelang ihnen das. Die Zahl der Besucher in Tunesien brach danach ein.

In den ersten Monaten dieses Jahres sank die Zahl der Übernachtungen im Vergleich zum Vorjahr um rund 14 Prozent. Der Umsatz in seinem Hotel «Bizerta Resort» sei um 15 Prozent zurückgegangen, sagt Afif Khouk. Dabei ist er noch in einer besseren Lage als viele seiner Kollegen, weil er vor allem von Geschäftsreisenden lebt. «Für die Strandhotels ist die Lage katastrophal», sagt Kchouk. «Sie haben kein Geld mehr, um Löhne, Strom oder Wasser zu bezahlen.»

Aus Sousse fliehen schon am Samstag die Urlauber in Scharen. Reise- und Minibusse sammeln Touristen ein, um sie zum Flughafen zu bringen. Viele sitzen mit ihren Koffern in der Lobby und warten auf die Abfahrt. «Das ist sehr schlimm», sagt Salah, Kellner in einem Hotel. «Dabei hat die Tourismussaison gerade erst begonnen.»

Salwa al-Kadri, Mitarbeiterin der Tourismusbehörde, erzählt, seit dem Angriff hätten rund 2300 Menschen allein aus Großbritannien und Belgien ihren Urlaub abgebrochen. Im Hotel «Imperial Marhaba», dem Tatort, seien von den 500 Gästen nur noch etwa 80 geblieben.

Dabei gehört der Tourismus zu den Säulen der tunesischen Wirtschaft. Rund sieben Prozent des Bruttoinlandsproduktes erwirtschaftet das Land in diesem Sektor. Die meisten Gäste kommen aus Frankreich, Deutschland und Großbritannien. Rund 400 000 Menschen verdienen ihr Geld mit Urlaubern, Jobs, die das Land dringend braucht. Kchouk schätzt sogar, dass rund 40 Prozent der rund zehn Millionen Tunesier direkt oder indirekt vom Tourismus leben. Schon jetzt liegt die Arbeitslosenquote bei rund 15 Prozent. Davon besonders betroffen ist die jüngere Generation, insbesondere Uni-Absolventen.

Tunesiens Regierung will jetzt mit aller Härte gegen den Terrorismus vorgehen. Zumindest kurzfristig dürfte das der Reisebranche wenig bringen, denn das Problem ist groß. Schon seit Jahren liefert sich Tunesien einen Kampf mit radikalen Kräften. Zu schaffen macht dem Land besonders die chaotische Lage im benachbarten Libyen. Dort hat sich im Bürgerkriegschaos auch die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ausgebreitet. Für Extremisten ist es einfach, über die Grenze nach Tunesien zu gelangen. Afif Kchouk ist überzeugt: «So lange die Lage in Libyen nicht klar ist, bleibt eine Gefahr für Tunesien.»

Auch verschärfte Sicherheitsmaßnahmen sind nicht die Lösung des Problems: Strände und Hotels, die von Schwerbewaffneten bewacht werden, dürften kaum eine große Zahl von Touristen anlocken. dpa

Schüsse auf Urlauber - Anschlag in Tunesien trifft Tourismus hart

Eigentlich wollte sich Tunesien als Reiseland gerade neu erfinden. Doch nach dem Terrorangriff auf ein Strandhotel in Sousse mit mindestens 39 Toten, darunter nach tunesischen Angaben neben Briten, Belgiern und Franzosen auch Deutsche, trifft das Land hart. Noch im März hatte Tourismusministerin Selma Elloumi Rekik sich für Urlaubsangebote abseits der klassischen Pauschalreise stark gemacht. «All inclusive ist eigentlich nicht sehr gut für den Tourismus», sagte sie auf der Reisemesse ITB in Berlin. Man wolle alternative Konzepte entwickeln, zum Beispiel zum Sahara- und Kulturtourismus.

Dahinter stand die Hoffnung, dem Tourismus im Land einen neuen Schub zu geben. Denn Tunesien hat anders als Ägypten eine kurze Saison. Urlauber kommen vor allem zum Baden im Sommer. Im Frühjahr galt Tunesien noch als eines der wenigen sicheren Reiseländer in der arabischen Welt. Doch damit ist es nun möglicherweise vorbei. Erst Ende März hatten Terroristen in der Hauptstadt Tunis bei einem Angriff auf das berühmte Bardo-Museum mehr als 20 Menschen getötet, darunter viele Kreuzfahrtgäste. Als Reaktion sagten die Reedereien Aida Cruises, MSC und Costa Crociere ihre geplanten Hafenanläufe in Tunesien ab.

Doch Tunis ist eine Stadt vor allem für Kulturreisende, kein Touristenziel aus der ersten Reihe - der neue Anschlag in Sousse trifft den klassischen Badeurlaub und damit den Kern des tunesischen Tourismus. Bei dem angegriffenen Hotel handelt es sich um das «Imperial Marhaba» der Riu-Kette. Es liegt in der kleinen Hafenstadt Port El Kantaoui im Norden von Sousse direkt am Meer - ein Ort der Erholung: Das Fünf-Sterne-Plus-Haus bietet einen 400-Quadratmeter-Pool, Hallenbad und Fitnesscenter sowie ein Thalassotherapiezentrum.

Nach Angaben des tunesisischen Regierungschefs Habib Essid ist für den Anschlag ein tunesischer Student verantwortlich, der am Freitag von der Strandseite aus auf das Hotelgelände vorgedrungen war. Nach Augenzeugenberichten erschoss er zunächst Urlauber am Strand und am Pool und anschließend in der Hotelhalle.

Der Reiseveranstalter Tui rechnet damit, dass auch eigene Gäste unter den Opfern sind, konnte das aber bisher nicht definitiv bestätigen. «Wir müssen davon ausgehen», hieß es in einer Erklärung des Unternehmens. Riu Hotel & Resorts ist eine internationale Hotelkette. Tui betreibt die Kette zusammen mit einer spanischen Familie. «Auch Deutsche unter den Opfern» - diese Botschaft schadet dem Tourismus in einem Reiseland nachhaltig.

Und so reagierten die deutschen Veranstalter prompt: Bei der Tui können alle Gäste, die bereits gebucht haben, bis einschließlich 15. September 2015 gebührenfrei umbuchen oder stornieren, teilte das Unternehmen mit. Für Urlauber, die sich derzeit vor Ort befinden, organisiert die Tui die Abreise. Thomas Cook bietet für alle Tunesien-Reisen mit Abflug bis einschließlich 24. Juli kostenlose Stornierungen und Umbuchungen an. Die DER Touristik bietet die gleichen Bedingungen für Reisen bis einschließlich 10. Juli.

Auch vor dem jüngsten Anschlag mieden deutsche Urlauber Tunesien bereits spürbar: Für das laufende Jahr verzeichnete das Land zwischen dem 1. Januar und 20. Juni einen Rückgang um 20,9 Prozent im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum. Im Jahr 2014 kamen noch 425 648 deutsche Besucher. Dieser Wert dürfte in diesem Jahr nicht erreicht werden. Womöglich nähern sich die Besucherzahlen aus Deutschland eher wieder dem Revolutionsjahr 2011 an, als nur 270 632 Deutsche kamen.

Unruhen, Kriege und islamistische Terrorgruppen lassen die Optionen für Urlauber in der arabischen Welt deutlich schrumpfen. Mit zwei Anschlägen binnen weniger Monate dürfte es nun auch Tunesien als Ferienziel nun deutlich schwerer haben. In Marokko gab es bisher noch keine tödlichen Anschläge auf Touristen. Der Karnak-Tempel in Luxor in Ägypten war dagegen erst kürzlich ein Ziel eines Angriffs. Aber in den Badeorten des Landes am Roten Meer ist es bislang friedlich geblieben.

Das Riu-Hotel «Imperial Marhaba» in Sousse

Das «Hotel Riu Imperial Marhaba» liegt in der kleinen Hafenstadt Port El-Kanmtaoui im Norden von Sousse direkt am Meer. Das Fünf-Sterne-Plus-Hotel mit All-Inclusive-Verpflegung bietet einen 400-Quadratmeter-Pool, Hallenbad und Fitnesscenter sowie eine Thalassotherapiezentrum. Es gibt 366 Zimmer. Riu Hotel & Resorts ist eine internationale Hotelkette. Tui betreibt die Kette zusammen mit einer spanischen Familie.