REISE
06. Mai 2009

Tourismus und Klimaforschung auf Spitzbergen

Forscherleben in Ny-Ålesund, der nördlichsten Siedlung der Welt. Die einzige Abwechslung: Reisende von Kreuzfahrtschiffen

Um Mitternacht ist der Himmel über Spitzbergen hell und rötlich, als seien es nur noch Sekunden bis zum Sonnenaufgang. Rund um die Uhr herrscht in der Arktis Tageslicht, seit sich die Sonne am 8. März wieder am Horizont erhoben hat und von den Forschern von Ny-Ålesund mit einer rauschenden Party begrüßt worden ist. Mitten unter den Wissenschaftlern aus aller Welt lebt Dorothea Schulze. Die 26 Jahre alte Hannoveranerin hat sich an den ewigen Tag ebenso wie an die winterliche Dauerfinsternis der zweimonatigen Polarnacht und das Gefrierfach-Klima gewöhnt. Jetzt im Frühling, wenn die Temperaturen mit tagsüber minus 10 Grad milder werden, sich der Schnee aber noch meterhoch türmt, herrscht für die Meteorologin und begeisterte Skifahrerin die schönste Jahreszeit.

Seit vergangenem Juli lebt Dorothea Schulze im norwegischen Forscherdorf Ny-Ålesund, der nördlichsten Siedlung der Welt. Kein Kino, kein Shoppen, kein Schwatz im Café - derlei «Zivilisation» ist weit weg. Wegen der empfindlichen Messstationen gibt es keinen Handyempfang, Kontakt halten die Bewohner untereinander mit Walkie- Talkies. Gut fünf Stunden sind es mit dem Schneemobil nach Longyearbyen, dem Verwaltungszentrum Spitzbergens. Eine alte, propellergetriebene Dornier fliegt ab und an die Strecke - aber viel Freizeit haben die Wissenschaftler ohnehin nicht.

Arktis-, Klima- und Meeresforschung stehen im Zentrum der Arbeiten von Ny-Ålesund im nordwestlichen Spitzbergen, der Hauptinsel des Svalbard-Archipels. Hier ist die Luft kristallklar und sauber - ideale Voraussetzungen für die Klimaforscher. Und: Nirgendwo sonst auf dem Planeten ist die Erderwärmung deutlicher als in der Arktis. Das «ewige Eis» schmilzt. In fünf Jahren, warnen die Auguren, könnte der Nordpol im Sommer komplett eisfrei sein.

Eindringlich warnen Umweltschützer vor den Folgen, sollte der Meeresspiegel rasant steigen und einer der beiden «Kühlschränke» für unseren Planeten ausfallen. Doch noch aus einem anderen Grund wächst das internationale Interesse an der Arktis: Das Polarmeer bietet neue Schifffahrtsrouten und birgt reiche Rohstoffvorkommen. Längst hat der Wettlauf um die Öl- und Gasvorkommen begonnen. Für die Ruhe und Sauberkeit von Ny-Ålesund dürfte das Folgen haben.

Wie belastet ist die Erdatmosphäre? Wie schnell schmelzen die Gletscher - und lässt sich das ganze aufhalten, und wenn ja, wie? Diesen Fragen gehen die Forscher in Ny-Ålesund nach. Das Dorf ist am 78. Breitengrad gelegen, auf der Höhe des nördlichen Grönlands, gut 1200 Kilometer vom Nordpol entfernt. Auf Minus 40 Grad können im Winter die Temperaturen sinken. Ureinwohner gibt es nicht auf Svalbard, dafür geschätzte 3000 Eisbären. 1610 wurde auf Spitzbergen Kohle entdeckt, seitdem waren die Minen die Lebensader der Insel.

 Bis heute wird hier Kohle abgebaut. Mag Oslo Spitzbergen als Musterbeispiel für High-Tech-Klimaforschung bewerben, mögen sich auch deutsche Spitzenpolitiker wie Außenminister Frank-Walter Steinmeier gerne vor der beeindruckenden weißen Kulisse fotografieren lassen: Fliegt man vom nordnorwegischen Tromsø nach Longyearbyen, erblickt man die schwarzen Rauchsäulen der russischen Minen.

Auch Ny-Ålesund war einst Standort eines Kohlebergwerks. Nach einem Grubenunglück 1962, bei dem 21 Menschen ihr Leben verloren, wurden die Minen geschlossen. 1967 begann hier dann die Arktisforschung, Pionier war das Norwegische Polarinstitut (NPI). Elf Institute sind heute dauerhaft angesiedelt, aus Norwegen, China, Indien, Japan oder den Niederlanden. Auch das deutsche Alfred- Wegener-Institut ist darunter, seit 2003 hier mit dem französischen Polar-Institut Paul Emile Victor zum AWIPEV zusammengeschlossen. 60 Forscher logieren derzeit in Ny-Ålesund.

Die junge Wetterexpertin Schulze ist als eine von vier Angestellten des NPI verantwortlich für eine Vielzahl von Aufgaben, etwa dem Wechseln der Filter auf der Wetterstation Zeppelin oben am Berg - erreichbar mit einer schaukelnden Gondel oder dem Hubschrauber - oder dem Verschicken von Luftproben in die USA oder nach Japan. «Hier hat man Kontakt mit Wissenschaftlern aus aller Welt, das ist echt spannend», schwärmt die fröhliche, blond gelockte Wissenschaftlerin.

Insgesamt drei Deutsche gehören zur gut 35 Menschen zählenden, festen «Belegschaft» des kleinen Forscherdorfs. Die jüngste ist 22 Jahre alt, der älteste - der Direktor der Kings Bay AS - 61. Das Unternehmen Kings Bay ist an das norwegische Handelsministerium angeschlossen und verwaltet Ny-Ålesund, von der Infrastruktur - Telekommunikation, Strom, Wasser, Lebensmittel, das nur zehn Kilometer lange Straßennetz - bis hin zur Verpachtung der typisch- skandinavischen, rot oder gelb bemalten Häuser. Einige der Gebäude sind denkmalgeschützt und müssen aufwendig instand gehalten werden.

Gut eine Million Liter Diesel braucht das dorfeigene Kraftwerk im Jahr für Strom und Warmwasser. Selbst ein Postamt gibt hier - das nördlichste der Welt. Das Breitband-Internet via Satellit sei schneller als in London, berichtet Bendik Eithun Halgunset von Kings Bay stolz.

Etwa vier Millionen Euro setzt Kings Bay im Jahr um, unter dem Strich steht eine schwarze Null. Zu den Förderern zählt nicht nur der Steuerzahler. Dass ausgerechnet die Energiekonzerne ConocoPhillips und Statoil ein paar Labore gesponsert haben, daraus macht Kings Bay keinen Hehl. Derzeit arbeitet die Korporation an einer Strategie, das Forscherdorf ganzjährig besser auszulasten. Denn in der langen Polarnacht stehen die meisten der 179 Betten leer. Vergangenes Weihnachten haben sie hier zu gut Zwanzigst gefeiert. «Dass hier im Winter so wenig passiert, ist ein Problem», räumt Halgunset ein.

 Die Lösung mit dem Tourismus ist aber auch nicht ganz in seinem Sinne. 27 000 Reisende strömen von Kreuzfahrtschiffen jährlich durch das Dorf. Touristen dürfen in Ny-Ålesund nicht übernachten - das kleine Hotel «Nordpol Hotellet» dient ausschließlich Forschern oder Angehörigen. Doch wenn im Sommer das Eis taut und der Fjord schiffbar wird, legen auch Kreuzfahrtschiffe am Kai an.

Einerseits dienen die Touristen als Einnahmequelle; gut 8 Euro zahlt ein Besucher, um an Land zu gelangen. Andererseits sind sie in einer Umgebung, wo alle paar Meter wertvolle High-Tech-Geräte aufgebaut sind, echte Risiken. Ganz zu schweigen von den Abgasen - und der Zerstörung des empfindlichen Ökosystems, sollte einmal eines der Schiffe auf einen Eisberg auflaufen.

Bis zu 3000 Touristen kommen pro Schiff, die meisten aus Deutschland, England oder den Niederlanden. Einige wüssten nicht einmal, dass sie auf Spitzbergen seien und nicht etwa Grönland, kritisiert Halgunset. «Sie füttern die Polarfüchse oder berühren Instrumente im Wert von Millionen.» Andere spazierten ohne Vorankündigung in die Zimmer der Ny-Ålesunder.

Lautet doch eine der unausgesprochenen Regeln, keine Türen abzusperren. Grund sind die Eisbären, die jederzeit in der nach allen Seiten offenen Kolonie auftauchen können. Dann soll sich draußen ein Jeder ins nächste Haus retten können. Ein Gewehr besitzt ohnehin jeder Spitzbergener, die Menschen dürfen sogar nur bewaffnet ihre Siedlungen verlassen. «Üblicherweise meiden uns die Eisbären aber ohnehin», erklärt Halgunset. «Vor Jahren musste mal einer geschossen werden.»

Seit zwei Jahren lebt Halgunset in Ny-Ålesund - fünf Jahre darf er maximal bleiben, das ist die Höchstgrenze für jeden der Bewohner. Dazwischen seien Pausen vorgeschrieben, «unten in Europa», sagt Halgunset. «Man muss den urbanen Lebensstil eben aufgeben.» Seine Hauptantriebskraft sei die gewaltige Natur. «Wir sind hier verwöhnt.»

Ganz ohne Annehmlichkeiten müssen die Forscher tatsächlich nicht auskommen. In der «nördlichsten Turnhalle der Welt» halten Stepper, Laufbänder oder Cross-Trainer fit. In einem Nebenraum ist eine Videothek eingerichtet. Vor der Türe steht ein dampfender Whirlpool. Dreimal täglich gibt es im «Service-Gebäude» Frühstück, Büffet und eine warme Mahlzeit, hier kann man sich auch Bücher ausleihen oder Billard spielen. Samstagabend öffnet die Bar. Das Essen sei gut, meint Dorothea Schulze, auch wenn man natürlich gelegentlich auch gerne mal selbst entscheiden würde, was man isst. Nur die Chinesen, die hätten sich ihren eigenen Koch mitgebracht.

Dorothea Schulzes kleines Appartement - im ersten Stock der italienischen Forschungsstation - ist mit hellem Holz eingerichtet, es gibt Fernsehen, Internet, Festnetztelefon und eine kleine Einbauküche, in der Schulze auch regelmäßig befreundete Kollegen bekocht. Ein ehemaliger Kommilitone arbeitet in Ny-Ålesund, und zwei «Mädels in meinem Alter», mit denen sie sich gut verstehe. «Aber aussuchen kann man sich seine Freunde hier natürlich nicht.» In der Ecke steht ein Sechserpack Erdinger Weißbier. Den hat sich einer der Wissenschaftler im kleinen Laden bestellt, der wöchentlich zwei Stunden aufmacht.

Mit 19 Jahren kam sie als Au-Pair-Mädchen nach Norwegen - und blieb, studierte Meteorologie in Oslo und Longyearbyen und bekam im Anschluss einen Zwei-Jahres-Vertrag für den Einsatz in Ny-Ålesund. Zweimal war sie seit ihrer Ankunft mit ihrer Schwester in Longyearbyen zum Shoppen. Die Heimatstadt Hannover hat sie im Februar zuletzt gesehen. Von Heimweh werde sie aber ohnehin nicht geplagt und auch ihre Eltern hätten sich mittlerweile an den ungewöhnlichen Einsatzort gewöhnt.

Ihre beiden Grönlandhunde Mitzka und Tara bringt sie einmal täglich zum Auslauf, ausgerüstet mit Skiern und Flinte. «Nur wenn es stürmisch ist, wird es manchmal langweilig», erzählt Schulze - nach der langen Zeit im Norden mit leicht norwegischem Akzent.

Einen Partner hat sie nicht, dafür umso mehr Freunde unter den Forscherkollegen. «Wir schauen zusammen Filme an oder spielen Poker.» Gelegentlich funkt es auch zwischen zwei Menschen hier in der arktischen Kälte. Die Ladenbesitzerin mit dem Mechaniker, der Koch mit der Köchin - es gebe mehrere Paare, heißt es im Dorf - gegen den normalen menschlichen Klatsch muss ein Jeder immun sein. «Man kann hier nichts für sich behalten», bemerkt Schulze.

Doch auch zwischenmenschliche Spannungen kommen in dem pittoresken Forscherdörfchen vor, die aber möglichst rasch gelöst werden wollen. Gerade hier in der Abgeschiedenheit ist einer auf den anderen angewiesen, muss das Miteinander funktionieren. «Wenn man Konflikte bei der Arbeit hat und sich dann immer auch noch abends sieht, kann es anstrengend werden», sagt Schulze. Dennoch: Einen Ombudsmann auf die skandinavische Art, der schlichten könnte, gibt es nicht.  www.kingsbay.no; www.awi.de/de/go/koldewey) Dorothée Junkers/dpa