BEER & BRAU
15. September 2010

Tradition des Ozapft is auf dem Münchner Oktoberfest

Münchens Oberbürgermeister Christian Ude ist Profi beim rituellen Anzapfen des ersten Fasses zur Eröffnung des Oktoberfests, am Samstag, den 18. September 2010. Aber er hat einen Helfer

«Ozapft is» - wenn der Münchner Oberbürgermeister mit diesem Ruf das Oktoberfest eröffnet, steht Helmut Huber stets ganz nah bei ihm. Nur Insider wissen, welche herausragende Rolle der 69-jährige Brauer bei dem alljährlichen Zeremoniell spielt. Er bereitet das Stadtoberhaupt auf diesen wohl wichtigsten Termin des Jahres vor. Im entscheidenden Moment steht er neben dem OB und gibt Tipps. «No oan» oder «passt» - so gibt Huber Christian Ude (SPD) diskret einen Wink, ob der zweite Schlag zum Anzapfen des ersten Fasses gereicht hat oder ein dritter nötig ist.

Die magische Zahl der Schläge ist in München bei der live im Fernsehen übertragenen Veranstaltung ein wichtiges Kriterium für das Ansehen des Oberbürgermeisters. Ude ist Rekordhalter: 2005 schaffte er es als erster OB, den Zapfhahn mit nur zwei Schlägen in das Fass zu bringen.

Diesen Samstag (18. September) um Punkt zwölf Uhr eröffnet Ude die Jubiläums-Wiesn. Zum 200-jährigen Bestehen des größten Volksfestes der Welt ruhen die Augen mehr denn je auf ihm, wenn er zum 16. Mal den grünen Schaber - eine Art Schürze - über die Lederhose bindet und den drei Kilo schweren Schlegel zur Hand nimmt. Natürlich geht er auch heuer nicht ohne Training in die Anzapfbox: Gleich nach seinem Urlaub am vergangenen Donnerstag sei Ude zur Generalprobe gekommen, berichtet Huber.

«Ich fange an mit einem leeren Fass, dann kommt als Steigerung das Wasserfass, dann das Bierfass», erläutert der gelernte Brauer und Mälzer sein Spezialtraining, mit dem er auch Starkoch Alfons Schuhbeck, Ex-Fußballer Paul Breitner und eine ganze Reihe von Bürgermeistern das Anzapfen lehrte. «Wir haben ungefähr zwölf Mal ein Fass angezapft, mit zwei, drei Schlägen waren wir auf der richtigen Spur», fasst er das jüngste Training mit Ude zusammen.

Ude selbst hat für die Zahl der Schläge keine Prognose abgegeben. «Ich werde mich nicht mit Ankündigungen unter Leistungsdruck setzen.» Sicher ist: Die Steigerung seines bisherigen Rekords zu einem Schlag wird es auch zum Jubiläum nicht geben. Denn das, sagt der Experte Huber, sei nicht fachgerecht. «Ein Bierfass muss man behandeln wie eine Frau. Schonend.»

Eine zu starke Erschütterung des Fasses bei nur einem Schlag brächte die Kohlensäure im Bier zum Sprudeln. «Wenn man dann ausschenken will, kann es ganz schön scharf werden.» Außerdem könnte allzuleicht der Zapfhahn, Wechsel genannt, wieder herausgedrückt werden. Eine Bierfontäne und der Spott des Publikums wären die Folge.

Bestimmt 1000 Fässer hat Schankkellner Huber in seinem Leben angezapft, 34 Jahre allein auf der Wiesn. Seit fast 40 Jahren geht beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg ohne ihn nichts. Im weißen Hemd, roter Krawatte und schwarzsamtener Trachtenweste zapft Huber dort den ersten Humpen Bier für den bayerischen Ministerpräsidenten, bevor das traditionelle Verspotten - «Derblecken» - der Politiker beginnt.

Sechs Ministerpräsidenten hat Huber dabei erlebt: Von Alfons Goppel über Franz Josef Strauß, Max Streibl, Edmund Stoiber bis hin zu Günther Beckstein und Horst Seehofer. Hubers nächster großer Termin nach dem Anstich am Samstag auf der Theresienwiese ist wieder eine Oktoberfesteröffnung - ebenfalls in München: In dem kleinen Ort bei Leipzig feiern die sächsischen Münchner wie ihre bayerischen Vorbilder traditionell in Dirndl und Lederhose - und eben mit dem Anzapfritual.

Die Anzapftradition hatte nach dem Zweiten Weltkrieg OB Thomas Wimmer begründet. Kurzerhand übernahm er 1950 die Tätigkeit eines Schankkellners und bewies damit bei der nach dem Krieg neu erstandenen Wiesn Volksnähe. Wimmer, obwohl gelernter Schreiner, brauchte einmal allerdings 19 Schläge.

Auch Ude musste anfangs Lehrgeld zahlen: In seinem ersten Amtsjahr 1993 ertönten nach dem sechsten Schlag «Aufhören-Aufhören»-Rufe - dennoch musste der Linkshänder noch einmal nachsetzen, bis er mit dem erlösenden Ruf «Ozapft is» die Wiesn eröffnen konnte. OB Erich Kiesl wiederum verdrehte 1981 den Schlachtruf «Ozapft is» und schmetterte nach gekonnten drei Schlägen ins Publikum: «Obatzt is!». (Sabine Dobel, dpa)

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