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16. September 2009

Traumfabrik Mairdumont

Der Verlag MairDumont macht die Reiseführer Marco Polo, Baedeker, Lonely Planet, die Karten von Falk und ADAC und den Shell-Atlas

Ein Industriegebiet am Rand von Ostfildern bei Stuttgart. Nüchtern reiht sich ein Büroklotz an den nächsten, dazwischen immer wieder kleine graue Fabrikhallen und ein Getränkehändler. Es fällt schwer zu glauben, dass ausgerechnet in dieser Gegend die Reiseträume von Millionen Deutschen entstehen. Nur der Name einer winzigen Ausfallstraße gibt einen Hinweis darauf, dass hier der Verlagssitz eines kaum bekannten Champions im Buchgeschäft liegt: Marco-Polo-Straße, Zentrale von MairDumont.

Genauso, wie sich die Schönheit von Bürogebäuden und manchem Urlaubsort erst auf den zweiten Blick zeigt, wird auch beim Besuch des Verlags nur nach und nach klar, wie groß dieses Unternehmen inzwischen ist. Laut Branchenmagazin Buchreport arbeiten rund 500 Mitarbeiter fest für den mit etwa 175 Millionen Euro Umsatz im vergangen Jahr achtgrößten deutschen Verlag.

«Wir haben 57 Prozent Marktanteil bei der Reiseliteratur», sagt Stephanie Mair-Huydts, eine von vier Geschäftsführern. Dem Buchkäufer bleibt die dafür nötige Markenvielfalt fast verborgen. Wer käme schon auf die Idee, dass die rot-gelben Marco Polos aus dem selben Verlag stammen wie der Oberstudienrats-Klassiker Baedeker oder die Bibel der Individualreisenden, Lonely Planet, deren deutsche Ausgaben Mairdumont vertreibt? Dazu kommen noch die Karten von Falk, des ADAC und der Shell-Atlas. Eine ähnliche Vielfalt findet sich bei der Konkurrenz nicht - weder bei dem zur Langenscheidt-Gruppe gehörenden Polyglott-Verlag noch beim selbstständigen Reise-Know-How.

«Wir wollen aber nicht, dass ein Hotel in allen vier Reiseführern steht», sagt Mair-Huydts. Jede Reisebuchlinie hat daher im Jahr 2005 ihre eigene Positionierung spendiert bekommen. In der schönsten Marketingsprache heißt es da unter anderem, dass Baedeker für «Intelligentes Wissen» stehe, während die dunkelblauen Dumont-Führer eher «Individuelle Kultiviertheit» vermitteln. An diesen Unterscheidungen wird auch das Konzept des Verlags klar: «Wir sind eher Markenartikler als Verleger», erklärt Mair-Huydts. Schließlich kaufe man keinen weiteren Baedeker, wenn man einmal enttäuscht wurde. Die Verlegerin betont, dass die Autoren trotz dieser Richtlinien große Autonomie besitzen.

«Der Autor darf sagen, wo er sich am Wohlsten fühlt. Das darf auch eine ganz laute Straße sein», erklärt Mair-Huydts. Ist das nicht ein Traum für jeden Schreiber: Leben im Urlaubsparadies und schreiben worüber man möchte? Mitnichten, sagt die Verlegerin. «Die letzte Busverbindung checken, sich in dreckigen Bädern waschen, daran ist doch wenig Traumjob», sagt die 46-Jährige.

Die Selbstständigkeit der Autoren hört aber in der Regel bei der langfristigen Planung auf: Welcher Ort neu in einem Reiseführer besprochen wird, wird vor allem in Redaktionskonferenzen mit den Chefredakteuren der einzelnen Reisebuchlinien entschieden. Dort werden Magazinartikel ausgewertet, bisherige Verkaufszahlen besprochen und Übernachtungszahlen verglichen. Oder es wird schlicht geschaut, welche Orte neu in die Flugpläne der Billigflieger aufgenommen wurden. «Die Chefredakteure müssen die Trendscouts sein», sagt Mair-Huydts.

Die immer günstigeren Reisemöglichkeiten haben auch das Reisebuchgeschäft gründlich durcheinandergewürfelt. «Die Leute haben das Normale schon gemacht. Sie suchen nicht mehr nur Tipps für Schlafen und Essen, sondern wollen jetzt einen Kochkurs, einen Raftingausflug oder im Amazonasdelta ein Baumhaus bauen», erklärt Mair-Huydts. Auch deshalb gebe es in ihrem Haus die verschiedenen Marken mit den unterschiedlichen Zielgruppen.

Zudem sei auch im Buchbereich der Trend zum umweltfreundlichen Reisen spürbar. Auch in den Büchern fänden sich Hinweise, in wasserarmen Regionen möglichst wenig zu Duschen oder am Strand keine Korallen als Souvenir mitzunehmen. «Der Leser soll Spaß mit uns haben und gleichzeitig ein besserer Reisender werden», sagt Mair-Huydts. Selbst wenn der eigene Verlag mitten im Industriegebiet liegt. dpa www.mairdumont.de