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04. August 2009

Tresen-Trauer im Pub

Die traditionellen Pubs in Großbritannien sterben aus. Die Gründe: Inflation, Rauchverbot und Rezession

«Früher war dieser Pub jeden Abend proppenvoll», sagt Chris Carpenter und nimmt einen Schluck Bier. Mit dem rechten Fuß wippt der 60-jährige Lastwagenfahrer zu Celine Dions Song «All By Myself», der aus den Boxen über der Bar schallt. Sein Blick wandert durch den Schankraum des «Prince of Wales» in Wandsworth im Südwesten Londons. Ein rot-brauner Teppich, eine Dart-Scheibe in der Ecke und die Theke aus dunklem Holz vermitteln einen etwas morbiden Charme.

Hier sitzt Carpenter seit 42 Jahren jeden Abend. Doch nur sechs weitere Gäste schlürfen an diesem Tagesende mit ihm dort ihr Bier. Sie bestätigen den allgemeinen Trend, dass die traditionelle Pub-Kultur allmählich ausstirbt. Gefragt sind sogenannte Gastro-Pubs, die mehr als nur das traditionelle Pint Bier mit einer Tüte Chips bieten. Ein Pint ist ungefähr ein halber Liter.    

Das Pub-Sterben belegen die neuesten Zahlen der Britischen Brauerei- und Pub-Vereinigung BBPA: 52 «Public Houses» machen demnach mittlerweile pro Woche dicht. Das ist ein Drittel mehr als vergangenes Jahr. 2005 waren es nur zwei Pubs pro Woche. So lag die Zahl der Kneipen in Großbritannien über Jahre hinweg stabil bei 60.000. Inzwischen ist sie auf knapp 53.000 gesunken.

Als Gründe werden genannt: Inflation, Rauchverbot, Rezession und steigende Arbeitslosigkeit. «Am meisten Schwierigkeiten haben die traditionellen Community-Pubs, die keiner großen Kette angehören», sagt Gareth Barrett, Sprecher der Vereinigung. «Moderne, stylische Pubs, die mit einer großen Speisekarte und regelmäßigen Events aufwarten, haben bessere Chancen zu überleben.»    

Einer dieser «modernen» Pubs ist «The Old Sergeant», auch in Wandsworth und etwa zwei Kilometer vom «Prince of Wales» entfernt. Das Gasthaus hat seinen Umsatz zwischen Mai 2008 und Mai 2009 im Vergleich zum Vorjahr um ein Fünftel gesteigert. Auf der Speisekarte stehen nicht wie im traditionellen Pub nur Chips, sondern Burger, Fish & Chips und das Full English Breakfast. Regelmäßig können die Gäste hier auch Sport auf Großbildschirmen gucken.

    An einem runden Tisch am Fenster sitzt Carole Bushell. Sie hat sich an die Modernisierung der Pubs angepasst, isst mit ihrer Tochter Hayley (37) eine Ofenkartoffel und trinkt einen Cocktail. Und dennoch bedauert sie den Wandel der Pubs: «Früher waren die Kneipen noch Treffpunkt für die englische Arbeiterklasse», erinnert sich die 58-Jährige, die ihr ganzes Leben in Wandsworth verbracht hat. «Man kam direkt nach der Arbeit her, um sein Netzwerk zu pflegen, aber auch, um einmal herzhaft zu lachen.» Lange Pubrunden am Sonntag seien die Regel gewesen, und werktags blieben die Arbeiter bis zur Sperrstunde.    

An der Bar habe man so immer dieselben Leute getroffen. «Und wenn man es wagte, einen Pub zu betreten, in dem der Wirt einen nicht kannte, fühlte der sich gleich angegriffen», erzählt Bushell und grinst. Doch heute sei das anders. «Das Ambiente in den Kneipen ist überheblicher geworden. Der einfache Mann würde sich hier nicht mehr wohlfühlen.»    

Dass Pubs heutzutage etwas tun müssen, um Kunden anzulocken, scheint angebracht. Auch Bushell, die selbstständige Umzugsunternehmerin ist und so an «vorderster Front die Wirtschaftskrise erlebt», hat ihr Ausgeh-Budget gekürzt: «Es ist einfach zu teuer geworden, jeden Abend in der Kneipe zu verbringen», sagt sie. Selbst ihr Mann, ein Bauunternehmer, gehe zwar noch ins Pub nach der Arbeit, aber «meist nur für ein oder zwei Bier».    

Und die junge Generation treffe sich jetzt eher zu Hause, bestätigt Tochter Hayley, die im Unternehmen ihrer Mutter arbeitet und auch in Wandsworth wohnt. «Das Bier kostet im Supermarkt ein Fünftel von dem im Pub.» Da lohne es sich schon, sich zum Grillen oder Abendessen bei Freunden zu treffen.    

Die Rezession wirkt sich auch auf Carpenters Geldbeutel aus: Statt fünf Tage arbeitet er nur noch vier Tage die Woche. Deswegen weniger ins Pub zu gehen, sieht er jedoch gar nicht ein. «Schließlich treffe ich mich hier mit meinen Leuten», sagt er. Selbst wenn sich heute meist nur ein oder zwei seiner Kumpels zu ihm gesellen - und nicht mehr sechs oder acht wie früher. (Lisa Louis/dpa)