REISE
02. September 2009

Urlaub in Deutschland

Die Urlauber in Hessen trotzen der Krise: Sie fahren kurzfristig Richtung Edersee oder Rhön, Rheingau, Taunus oder Odenwald

Für die schönsten Wochen des Jahres waren in diesem Sommer Ferienwohnungen, Hotels und Campingplätze fast so gut gebucht wie im Vorjahr. Rückgänge gab es nur vereinzelt.

Der Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftszweig mit einem Bruttoumsatz von jährlich etwa zehn Milliarden Euro und rund 200 000 Vollzeitarbeitsplätzen. Veranstalter hoffen, dass Hessen trotz des Konjunktureinbruchs 2009 die Vorjahreszahl von 27,3 Millionen Übernachtungen wieder erreicht. Die für das landesweite Tourismusmarketing zuständige Hessen Agentur rechnet aber damit, dass das Sommergeschäft drohende Einbußen nicht auffangen wird.

Der Gast bucht zwar oft kurzfristig und nicht mehr so lange wie früher. Dafür bleiben aber mehr Touristen im eigenen Land. Diese Veränderung im Urlauberverhalten setzt sich fort, ergab eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur dpa. «Viele sagen sich: Wir fahren nicht ins Ausland, wir bleiben hier», schildert Gerhard Schönweitz vom Verband der hessischen Campingplatzunternehmer. Der Hotel- und Gaststättenverband Hessen sieht es ähnlich. «Wir haben einen stabilen Inlandstourismus», beschreibt Hauptgeschäftsführer Julius Wagner. «Die Zahl der ausländischen Gäste ist allerdings zurückgegangen.»

Am Edersee herrscht Sektlaune. «Das Geschäft brummt wie in den letzten zehn Jahren nicht mehr», sagt Wolfgang Müller. Der Chef der Edersee-Touristik sieht seine Region ideal ausgerichtet für die Bedürfnisse vieler Urlauber. «Viele wollen nicht mehr drei Wochen nach Bali, sondern nur vier, fünf Tage weg und das dann lieber drei- oder sogar viermal im Jahr. Wenn man dann solch ein Flaggschiff hat wie den Edersee, den Nationalpark um die Ecke und alles gut angebunden und erschlossen, ist das das perfekte Ziel.»

Die meisten Hotels an Hessens größtem See seien bis Oktober ausgebucht. «Es läuft wirklich gut. Im letzten Jahr hatten wir etwa 550 000 Übernachtungen und schätzungsweise zehnmal so viele Tagesgäste. Das werden wir in diesem Jahr locker übertreffen.»

Auch die Rhön bleibt beliebt. «Bei den Übernachtungen sehen wir eine gleichbleibende Tendenz», sagte der Geschäftsführer der Rhön Tourismus & Service GmbH, Roland Frormann. Ein Besuchermagnet sei das Informationszentrum auf der Wasserkuppe. Im August seien 12 000 Menschen auf Hessens höchsten Berg geströmt. Auch die Gastronomen verspürten keine Umsatzeinbrüche.

Allerdings geht die Aufenthaltsdauer zurück. 2,4 Tage hält sich ein Tourist im Durchschnitt laut Statistik in der Rhön auf. «Wenn das Wetter gut ist, kommen die Besucher. Wenn es schlechter wird, fahren sie genauso so schnell wieder», sagte Frormann. 2008 übernachteten knapp 590 000 Menschen in der Rhön, 1990 waren es noch 400 000 gewesen.

Zufrieden äußert sich die Rheingau-Taunus Kultur und Tourismus GmbH. Insgesamt dürfte die Zahl der Kurzurlaube und Individualreisen stabil geblieben sei, sagte eine Sprecherin. Von der Wirtschaftskrise seien bislang keine Auswirkungen zu spüren gewesen. «Wir sind eine klassische Kurzurlaubsregion.» 2008 verzeichnete die Region fast 1,2 Millionen Übernachtungen bei knapp 460 000 Ankünften.

Optimismus in Kassel. «Es war ein Geschäft wie im Vorjahr, trotz der Krise. Wenn überhaupt, hat nur der Geschäftsreiseverkehr Einbußen», sagt Hubert Henselmann, Leiter der Touristiksparte bei «Kassel-Tourist». Das treffe die Kongressstadt Kassel zwar, aber das Minus sei nicht groß: «Die Tagungen gibt es auch in der Krise. Vielleicht ist das Menü etwas kleiner, vielleicht mietet man nur einen statt drei Beamer, aber die Leute sind da.» Und das gelte auch für die Urlauber: «Die Menschen sind etwas preissensibler, und sie buchen noch kurzfristiger, aber sie kommen.»

Auch aus dem Odenwald kommen kaum Klagen. Lediglich bei Geschäftsreisen sei ein Minus zu verzeichnen. «Wir sind zufrieden, obwohl die Zahlen im Durchschnitt gleichgeblieben sind», sagte Hanne Holuscha von Touristik-Service Odenwald-Bergstraße. «Im klassischen Ferienbereich merken wir, dass die Leute im Land bleiben.» Auch die beiden Wanderwege «Nibelungensteig» und «Alemannenweg» hätten Besucher angezogen.

Gut angenommen worden seien Ferienwohnungen, in denen der Gast den Service eines Hotels geboten bekommt. Viele Anbieter hätten auch ihr gastronomisches Angebot verbessert und etwa auf schönes Wetter mit einem Biergarten reagiert. «Das zieht auch Einheimische an», sagte Holuscha. Aufgefallen seien auch im Odenwald die Kurzentschlossenen, sagt Holuscha, nach dem Motto: «Haben sie vielleicht noch etwas frei, am besten schon übermorgen?» (Joachim Baier, dpa)