23. Juni 2008

Virginia: Neue Weine aus der neuen Welt

Heute kommt die Mail von Gabriele Redden aus Virginia, die Idee dazu wurde in London geboren: Weinexperten wie Hugh Johnson & Co. sind bei Weinproben sicher nicht mehr leicht zu beeindrucken. Doch manchmal passiert es noch, wie im Mai letzten Jahres bei einem exklusiven Tasting in der Vinopolis in London: Es wurden 64 Weine aus Virginia verkostet und die elitären Tester waren very much amused.

Nun baut man in Virginia nicht erst seit gestern Wein an und europäische Winzer interessieren sich seit Jahrzehnten für das, was in dem Gründungsstaat der USA vorgeht. So erwarb die norditalienische Winzerfamilie Zonin (sie besitzt die größte Privatkellerei Italiens) schon 1971 über 200 Hektar Land in Barboursville, nahe Charlottesville, im Herzen Virginas und baut seit 25 Jahren erfolgreich Cabernet Franc, Merlot, Chardonnay, Pinot Grigio, Nebbiolo und Barbera an.

Was übrigens dem berühmten Gründer der Stadt (und 3. Präsidenten der USA) Thomas Jefferson Anfang des 19. Jh. nicht gelang. Als Botschafter der jungen Nation hatte er in Frankreich seine Liebe zum Wein entdeckt. Er war häufig ins Burgund und Bordeaux gereist und zurück in den USA war er einer der besten Kunden von Haut Brion, Lafite und Chateau d'Yquem geworden. Heute noch spinnen sich Geschichten um verloren gegangene Kisten Wein aus den Lieferungen ins Weiße Haus.

Im Anschluss an seine acht Dienstjahre als Präsident begann er mit dem Weinbau in großem Stil auf seinem Landgut Monticello (heute die größte der 6 Apellationen Virginias). Seine Bemühungen waren allerdings nicht von Erfolg gekrönt. Die Reblaus und die falschen Trauben für das feucht-heiße Klima erlaubten ihm keine einzige gute Ernte. Wie schon 300 Jahre vor ihm, die ersten Siedler Virginias, die vom englischen König den Auftrag hatten, in der neuen Kolonie Wein anzupflanzen, gab er ziemlich frustriert auf.

Es ist vor allem der Pionierarbeit und der Geduld des Hauses Zonin zu verdanken, dass man hier jetzt an die speziellen Bedingungen angepasste und resistente Reben erfolgreich anbauen kann. Zonins aus dem Piemont stammender Weinmacher Luca Paschina kreiert in Barboursville seit 15 Jahren zunehmend elegante, geschmackvolle Weine, die bereits internationale Beachtung gefunden haben, wie beispielsweise der rote Octagon, das Flagschiff der Kellerei. Er ist wie ein klassischer Bordeaux (in den USA nennt man das Meritage-style, damit man bei den empfindlichen Franzosen nicht aneckt) ausgebaut: eine Cuvée aus Cabernet Sauvignon, Merlot and Cabernet franc und der kraftvolle, gut strukturierte Wein entwickelt sich erwartungsgemäß hervorragend. Am besten hat mir allerdings der reinsortige Barboursville Cabernet Franc, mit seinen fruchtigen, schwarzen und roten Johannisbeer-Aromen geschmeckt.

Auch Jim Law, Weinmacher und Besitzer der Linden Winery in den Blue Ridge Mountains orientiert sich im Stil seiner Weine an europäischen Maßstäben. Alle Reben die er für seine Weine verwendet, wachsen an den Hängen rund um das kleine Weingut. Seine Weißweine wie Seyval, Chardonnay oder Vidal Riesling haben subtile Mineralität und eine frische Säure, die roten wie der Hardscrabble oder der Cabernet franc Frucht und Ausgewogenheit.

"Lieber sind mir Weine die sich durch Intensität, Körper und Struktur die von der Rebe stammen auszeichnen, als solche, die durch Holz und Alkohol definert sind." Jim Law ist einer der eigenwilligsten Winzer Virginias. Im Rahmen des Peace Corps unterrichtete er Ackerbau in Zaire, arbeitete in französischen Weinkellereien, war Weinmacher in Ohio, bevor er nach Virginia kam und er hält nicht viel vom Weintourismus, den benachbarte Weingüter großzügig bedienen. Zu ihm kann man nur in angemeldeten kleineren Gruppen kommen und auch nur zwischen 12 und 17 Uhr. Er ist ein Besessener, sein Anspruch an die Qualität seiner Weine fast unerreichbar, aber er ist auf dem besten Weg ihn zu erfüllen.

Michael Panczak von White Hall studierte an der University of California, Davis, eine der besten Weinschulen der Welt. Sein Chardonnay war der erste Weißwein aus Virginia, den ich bei einer Weinprobe in New York getrunken hatte. Der Wein hatte feine Birnen- und Apfel-Aromen, war ausgewogen und erinnnerte mich sehr an gute französische Chardonnays. Alle vor Ort verkosteteten Weißweine der Kellerei (Viognier, Pinot Gris, Gewürztraminer) waren sehr erfreulich. Und auch die roten, vor allem der Champs des Cuvee, der nur aus den besten Trauben des jeweiligen Jahrgangs und auch nicht jedes Jahr gekeltert wird zeugt von hoher Professionalität und Hingabe.

Nach Kalifornien und New York State wird Virginia mit seinen Weinen bald international von sich Reden machen. Und darauf hätte Thomas Jefferson sicher sein Glas erhoben.

Eure Gabriele