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11. August 2008

Volunteers for Obama (4): Lakefront Brewery

Catharina Wilhelm volontiert in Milwaukee/Wisconsin bei den Democrats und berichtet aus dem Obama-Wahlkampf. Heute: Time for Beer!

Milwaukee ist nicht nur bekannt als Heimat von Harley Davidson, sie ist auch die Stadt der amerikanischen Biere. Die zweitgrößte Brauerei Amerikas, SABMiller, hat hier ihren Sitz, wird aber durchaus kritisch betrachtet, denn irgendwie scheint man auch als Einheimischer diese Biere für geschmacklich optimierbar zu halten. Also waren auch wir nun in einer kleinen und unabhängigen Brauerei namens Lakefront Brewery und nicht beim Giganten. Der Name Lakefront ist ein wenig irreführend, denn sie liegt nicht am Lake Michigan, sondern direkt am Milwaukee River.

Mark, unser Tourguide, ist der perfekte Infotainer und das war ja klar: Mark war selbstverständlich schon in München und er kennt sie alle, die Biere Bayerns. Sein Liebling stammt von Andechser, das verrät er uns aber nur hinter vorgehaltener Hand. Nachdem sein Job, als perfekter Tour-Guide uns alle prächtig zu unterhalten, vollbracht ist und er uns unter viel, und ehrlichem, Gelächter die wesentlichen Fakten zum Bier seines Arbeitgebers beigebracht hat. Warum übrigens wirkt seine Show hier so authentisch und warum wäre sie zuhause doch so unglaubwürdig und sogar lächerlich? Auch eine Frage, auf die es wohl nie eine Antwort geben wird. Ebenso wie diejenige, warum die Britney, die hier und heute ihren 21ten Geburtstag feiert, ihrem Namen so alle Ehre machen muss. Unglaublich.

1988 wurde die Lakefront Brewery (www.lakefrontbrewery.com/) gegründet, 1996 zog sie aus Platzmangel in das heutige Gebäude aus Cream Brick, den cremefarbenen Ziegelsteinen, direkt am Milwaukee River gelegen, ein. Es war damals eine völlig heruntergekommene und vereinsamte Gegend, seit vier Jahren entsteht hier ein chicer Condo-Komplex nach dem anderen und die Appartments werden zu Preisen um die 250.000 Dollar verkauft, zu denen es wenige Meilen entfernt alleinstehende Einfamilienhäuser gibt.

Heute verkaufen sie ihre Biere in die Türkei und nach Israel, aber sie waren einst die kleinste Brauerei der USA und sie waren vor allem die erste, die ausschließlich biologische Zutaten verwendete. Die Reste aus den Mälz- und Brauvorgängen werden einmal wöchentlich von einem benachbarten Bauern abgeholt, auch er ist Anhänger der biologischen Landwirtschaft und verfüttert und verwertet, was an Abfällen aus der Brauerei abfällt. "Do you pay him, or does he pay you?", will eine Dame wissen. Natürlich bekomme er alles kostenlos, sie seien ja froh, dass sie das Zeugs nicht mehr in den Fluss schütten müssten, da hätte langsam ne Insel aus dem Wasser geragt, so die lakonische Antwort.

Auf einer kupfernen Steuerungssanlage lesen wir deutsche Aufschriften wie "Läuterungsprozess", diese Anlage stammt in der Tat aus einer deutschen Brauerei, war dann eine Weile in New York in Benutzung und machte noch zwei weitere Stationen durch, bis sie ihren heutigen Platz in Milwaukee fand. Irgendwie scheint es hier auch niemanden zu irritieren, dass all ihre Vorbesitzer pleite gingen.

Manche machen die Tour zum fünfzehnten Mal, sie wissen alles. Einige brauen sogar ihr eigenes Bier, die fürchtet Mark besonders. Aber keine unangenehmen Fragen, warum auch. Jeder bekommt immerhin für seine drei Dollar Eintritt einen kompostierbaren Becher aus Mais, den er am Ende der Tour gegen ein Glas tauschen kann sowie vier Münzen, die er gegen Bier seiner Wahl einlösen kann. Bei unserem Besuch wird extra ein Fass Oktoberfestbier angestochen. Ob das die Münchner Wiesnwirte wissen? Ich probiere es lieber nicht und genehmige mir stattdessen ihr Stout, das mich sofort nach Irland versetzt.

Neben den klassischen Sorten gibt es ab und an etwas besonderes: besagtes Wiesnbier eben, und schon heute wird auf "Cherry Lager Beer" gesetzt, dass im Januar wieder auf den Markt kommt und letzten Winter ein Riesenerfolg war. Warum muss ich plötzlich nur so intensiv an die Ferrero-Kirsche denken?

Back to Politics: John Kerry ist ein großer Fan der Pale-Biere und so war "Presidential Pale" geplant für den Zeitraum seiner Kandidatur. Aber irgendein Gesetz verbietet es, dass Personen, die im Rampenlicht der politischen Öffentlichkeit stehen, in Verbindung mit Alkohol gebracht werden. Darauf einen Dujardin, Mr. Bush!

Nach einem Besuch bei einem wirklich unglaublichem Chocolatier (mehr dazu morgen) kehren wir zum Abendessen wieder zur Brauerei zurück, es ist immerhin Freitag und da wird in Milwaukee traditionell frittierter Fisch gegessen. Schließlich ist man hier sehr katholisch. Allerdings sind die irischen Einflüsse kaum zu übersehen: alles, aber auch wirklich alles auf dem Teller ist frittiert. Und dazu spielt eine Polka-Band wohlbekannte Weisen wie "Ein Prosit der Gemütlichkeit".

Aber wir sind tapfer. Augen auf, Ohren zu und durch. Die Kombination von 648.299 kcal Frittierfett auf dem Teller, einer Geselligkeit versprühenden Polkaband und gefühlten 600 Menschen, die alle schwerhörig und ohne Hörgerät sind und sich daher nur schreiend unterhalten können, die hat schon ihre ganz eigene Freitagabendwürze. Und als wir völlig unterkühlt die klimatisierte Gasthalle wieder verlassen, da stellen wir fest, dass man wunderbar unten am Fluss hätte sitzen und in aller Ruhe und angenehm sommerlicher Abendtemperatur sein Essen hätte zu sich nehmen können.

Grüße aus Milwaukee

Catharina Wilhelm