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13. August 2008

Volunteers for Obama (5): Besessen von Schokolade

Catharina Wilhelm berichtet vom Obama-Wahlkampf aus Milwaukee/Wisconsin. Heute: Besessen von Schokolade

Man muss klingeln. Und ganz schön warten. Dann öffnet er die Türe doch irgendwann. Verabschiedet einen Kunden und widmet uns keinerlei Aufmerksamkeit. Im Gegenteil: er verschwindet in den hinteren Raum, in dem er seine Schokoladenkreationen fertigt. Laut singend: "What if God was one of us?", von Vanilla Sky. Zu laut. Und einfach viel zu hoch.

Okay, dann ignorieren wir ihn eben auch und widmen uns dem, was in den Regalen steht und so verführerisch duftet. Hübsche kleine und große Papierpäckchen, mit einem kleinen Drahthenkel dran, wie beim Chinese Take-Away. Nur eben schön und irgendwie ungeheuer amerikanisch altmodisch. Dark Chocolate with Walnuts & Cherries. Orange Melt Away, natürlich auch mit dunkler Schokolade. Mit dieser Kombination erweicht man mein Herz eigentlich immer. Das muss also probiert werden (und ich kann nur sagen: extremly melting away).

Dunkle Schokoladetaler mit Pecannüssen und Caramel. Und Minzplättchen. Daneben stehen in Cellophan verpackte Schokofigürchen wie Katzen, Hasen, Mäuse, Waschbären, kleine Männer und ebensolche Frauen, in der Vollmilch- oder der dunklen Variante. Hier noch Hühner, da eine Micky Maus, die eigentlich hier nicht reinpasst. Fische, Vögel, Blumen, eine Katze, unterschiedliche Hunde, was denn eigentlich nicht?

Neben der Kasse gibt es eine Vitrine voller Weihnachtskugeln! Die schön kitschigen, wirklich den alten Formen nach empfundenen. Und kaum bewundere ich sie, schon zeigt er mir unzählige Fotos seiner Weihnachtsdekoration. Papier-Weihnachtsbäume, noch mehr Glasschmuck, Nikoläuse jeder Form und Größe, alle möglichen Schoko- oder auch Papierengel, unglaublich, wie liebevoll dieser Schoko-Poltergeist das alles gestaltet. Ein wilder Kerl, mit seinen blonden Strubbelhaaren und seinem Schnauzer.

Wir wurden ja schon vorgewarnt: Jim Fetzer, der Besitzer dieser kleinen Chocolaterie namens Northern Chocolate auf dem Martin Luther King-Drive im nördlichen Milwaukee sei ein wenig eigenartig. Allein sein Firmenlogo ist es, zeigt es doch einen Otter auf dessen Pfote eine Taube sitzt, die seine Nase liebkost. Merwürdig. Aber mit hohem Wiedererkennungswert. Er sei Workoholic, verrät er uns und würde auch dieses Wochenende wieder durcharbeiten. Eines schärft er jedem Kunden ein: Wehe, wenn dieser die Schokolade im Auto liegen lasse! Wehe! Und gefälligst auch nicht in den Kühlschrank legen, das sei ebenso schrecklich.

Irgendwie finde ich ihn klasse. Er hat einmal eine wichtigtuerische Business-Schnepfe des Ladens verwiesen, auch wenn sie ihre kompletten Weihnachtsgeschenke für ihre zahlreichen Kunden dort zu kaufen gedachte. Nein, solche Leute ertrage er nun mal nicht. Jim wurde vor einiger Zeit überfallen und seither ist noch argwöhnischer. Schließlich ist er allein in seinem Laden.

Jims Großmutter kam aus Deutschland, unehelich geschwängert. Eigentlich wollte sie, wie so viele auch, irgendwann zurück in die Heimat. Und dann blieb sie eben doch. Und sie und Jims Vater und seine ebenfalls deutschstämmige Mutter sprachen nur heimlich deutsch. Jim selbst versteht somit nur die Schimpfwörter, die eben etwas lauter fielen und sonst nichts. Aber das passt irgendwie zu ihm.

Die besten aller Gussformen kämen aus Nürnberg, meint er. Und aus Erfurt. Überhaupt: es käme nur Qualität aus Deutschland, darauf sollten wir nun endlich mal stolz sein. Wie das denn nun sei mit dem Rauchverbot in Deutschland, will er dann wissen, er habe gehört, man dürfe nur draußen rauchen. Ob man dann etwa nur auf dem Grünstreifen in der Straßenmitte qualmen dürfe, also in einem gewissen Sicherheitsabstand zum Lokal? Und meine Sympathiepunkte bei ihm steigen weiter, als ich auf seine Frage, ob ich denn Bier-begeistert sei, zugebe, dass Wein doch eher das Getränk der Wahl sei. Seine Leidenschaft hieße Scotch, gibt er zu. Irgendwie sieht man sie ihm an.

 Als Tracey, unsere Gastgeberin, unseren Plausch unterbricht und mich daran erinnert, dass wir gleich zum Dinner verabredet sind, wird er leise. Entschuldigt sich, dass er uns so lange aufgehalten habe. Der Schoko-Poltergeist war weich geworden. Seine Kreationen sind ebenso faszinierend anders wie er.

Grüße aus Milwaukee

Catharina Wilhelm