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15. August 2008

Volunteers for Obama (7): PEACE!

Catharina Wilhelm berichtet über den Obama-Wahlkampf aus Milwaukee/Wisconsin. Heute: Laternen auf dem Milwaukee River

Bei uns taucht sie zumeist nur zu den Ostermärschen auf, hier ist sie sehr aktiv: die Friedensbewegung. "Bringt unsere Truppen heim! Keinen Krieg gegen den Iran!", fordert sie jeden Samstag Punkt 12 Uhr an einem anderen attraktiven Punkt Milwaukees. Jeden dritten Freitag ist Irak-Moratoriumstag und für den 1. September wurde anlässlich der Nationalversammlung der Republikaner in Minnesota zu einer Großdemonstration aufgerufen. Wir halfen am vergangenen Samstag bei der Aktion "Laternen für den Frieden", einer Gedenkveranstaltung zu Ehren der Opfer von Hiroshima und Nagasaki, tatkräftig mit, und waren überrascht.

Ja, viele gängige Klischees wurden bestätigt: es gab zahlreiche beseelt dauerlächelnde Menschen, die sich alle unwahrscheinlich liebzuhaben scheinen und sich am liebsten ständig Gänseblümchenkronen ins Haar legen würden. Wir sahen Klamotten, die man eher im Kostümfundus von "Hair" oder "Jesus Christ Superstar" vermuten würde. Der Bücherstand wurde von zwei unglaublich glückseeligen Jungs betreut. Die beiden Sänger von "Dangerous Folk" gaben beherzt ihr Bestes, im Ausdruck und in der Intensität Bob Dylan nahezukommen, nur leider konnte der Tontechniker nicht wirklich mithalten und so kam es immer wieder zu den klassisch schmerzenden Rückkopplungsgeräuschen. Autsch! Aber wir uns trotzdem alle total lieb. Echt. Soviel zur Bestätigung unserer Vorurteile.

Und dann kam doch alles ganz anders. Wir wurden für den Laternenstand eingeteilt und mussten den Bastelwilligen die aus einer Styroporplatte, einem vorgeschnittenen Papier, vier Holzstäbchen und einer Kerze an einem Holzstick bestehenden Laternenutensilien überreichen und die Arbeitsschritte erklären. Ein wirklich einfacher Job, dachten wir zunächst. Denn wir rechneten ja nicht damit, dass weißhaarige Damen uns mehr oder minder nebenbei die Geschichte ihres im Irak gefallenen Sohnes oder Enkels erzählen wollten. Dass sich in Windeseile herumsprach, dass wir "the German girls" seien und man uns mit Fragen und Komplimenten überhäufte.

Dass achtjährige Jungs ein zweites und drittes Bastelset anforderten, um wirklich gewagte Kreationen zu fertigen und uns über jeden Arbeitsschritt einzeln informieren wollten. Dass wir von einer sehr alten Deutschland-Emigrantin zum Rootbeer eingeladen wurden und sie uns das Schicksal jedes Anwesenden erzählen wollte. Dass einige kriegsversehrte Veteranen Unterschriftslisten heranreichten, auf denen sie um die Protestbekundung bitten, da sie als politisch Engagierte nicht mehr an Paraden und anderen Events der Veteranen teilnehmen dürfen, da sie offensichtlich zu unbequem sind. Dass sich plötzlich Jung und Alt und Öko und Schickmick sich so mischen würden und aufregende Laternen aller Art gefertigt wurden.

Erst, als sich hinter uns allmählich ein beachtlich großer Laternenberg angesammelt hatte und die ersten Fragen nach Feuerzeugen an uns gerichtet wurden, fiel uns auf, dass es bereits dunkel war. Und plötzlich wurde es still. Durchbrochen wurde diese Ruhe nur vom Gurgeln des Milwaukee Rivers und von den Tönen einer Flöte. Japanische Musik. Wie passend. Wie aufwühlend. Wie beunruhigend und beruhigend zugleich. Jeder half dem anderen, seine Kerze zu entzünden, was bei dem Wind nicht leicht war. Dann ging es die Gangway hinunter auf den hölzernen Steg, wo wir unsere Laternen den Kanuten übergaben, die sie in die Mitte des Flusses brachten und dort ins Wasser setzten. Schön, diese Ruhe zu spüren.

Und erstaunlich, dass es hier nicht darum ging, seine Laterne besonders gut zu platzieren, der Erste zu sein. Tröstlich zu beobachten, wie selbstverständlich und liebevoll den Behinderten geholfen wurde. Schweigend nahmen sich Menschen in die Arme, manche schickten neben ihren guten Wünschen auch ihre Tränen mit auf die Reise. Alle blickten andächtig auf die leuchtenden Laternen mitten im Fluss, die manchmal einzeln und zumeist in kleinen Gruppen sich ihren Weg bahnten. Eine nachdenkliche und traurige Ruhe. Und doch war sie schön. Weil wir wirklich vereint waren in ihr. Alt wie jung, schwarz wie weiß, gesund wie versehrt, arm wie reich. Und irgendwann entschwanden sie unseren Blicken, die Laternen.

Friedvolle Grüße aus Milwaukee

Catharina Wilhelm

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