REISE
24. Februar 2009

Von Kamillenschnaps bis Bärlauchessig

Feature: Rezepturen aus dem Mittelalter

Dicht an dicht stehen die schmucken Flaschen mit Schnäpsen, Likören und Essig in den Kellerregalen von Thomas Reus (46). Da gibt es Kamillenschnaps, Salbei- und Brombeerlikör sowie Bärlauch- und Himbeeressig. Die Flaschen in den unterschiedlichsten Formen und Größen sind wahre Hingucker, beinhalten sie doch nicht nur Flüssigkeiten, sondern meist auch noch die jeweilige Zutat, aus der der Geschmack herausgezogen wurde: Bärlauchknospen und Himbeeren beispielsweise. Thomas Reus hat die Flüssigkeiten in Anlehnung an Rezepturen aus dem Mittelalter hergestellt.

Gut 20 Jahre hat es gedauert, bis der gelernte Industriekaufmann den Schritt von der täglichen Büroarbeit zum Herstellen seiner mittelalterlichen Extrakte wagte. Vor rund zwei Jahren kam ihm auf einem Mittelaltermarkt die Idee, sich mit Extrakten aus eigener Herstellung selbstständig zu machen. "Die Arbeit im Büro hat mich nie glücklich gemacht, aber mir fehlte lange Jahre eine Alternative", erinnert sich der 46-Jährige. Die präsentierte sich ihm auf dem Markt, auf dem viele selbst gemachte Waren zum Kauf angeboten wurden. "Es waren jedoch keinerlei Alkoholika oder Essigsorten darunter, was mich wunderte. Da ich seit meinem 18. Lebensjahr immer wieder für den privaten Gebrauch Schnaps selbst hergestellt habe, dachte ich mir: Das wäre mein Ding!", erzählt Reus.

Der Bad Vilbeler nahm seine gesamten Ersparnisse und gründete sein Ein-Mann-Unternehmen Extractum. Seither verbringt er seine Tage mit dem Sammeln von Zutaten in der freien Natur zwischen Taunus und Spessart oder beim Abfüllen und Etikettieren seiner Köstlichkeiten im eigens dafür eingerichteten Keller. "Früher habe ich mittags im Büro gesessen, heute stehe ich am Hagebuttenstrauch." In den gut zwei Jahren hat sich Reus ein breites Wissen über mittelalterliche Kräuter- und Obstalkoholika sowie Essigsorten angeeignet. Schnäpse kämen aus der Heilmedizin, "um 1200 herum tranken alle in Europa Schnaps", sagt Reus lachend und weist darauf hin, dass seine Produkte zwar eine wohltuende, jedoch keine heilende Wirkung hätten.

Besonders die Einflüsse von Ur-Tiroler Hausmittelrezepten spielen bei seinen Produkten eine Rolle: "Ich beziehe mich auf alte Tiroler Bauernrezepte, die ich weiter entwickle und mit denen ich experimentiere. Dabei lege ich großen Wert auf beste Zutaten." Für seine Schnäpse verwendet der Mittelalterfan ausschließlich hochwertigen Wodka als Grundzutat. Früchte und Kräuter sucht er sich auf Wiesen, in Wäldern oder im eigenen Garten zusammen.

Zu den Früchten kommt die Flüssigkeit in die Flasche, die das Aroma draus zieht. Liköre und Essige, so sagt Reus, seien relativ schnell genießbar, beim Schnaps müsse man mehr Geduld aufbringen: "Der wird mit der Zeit immer besser, und es ist auch für mich interessant, was letztlich daraus wird. Was ich mache, hat viel mit Zeit und Geduld zu tun."

Geduld braucht Reus auch, um sein Geschäft richtig ins Rollen zu bringen. Noch verkauft er seine Ware im kleinen Stil auf Mittelaltermärkten und regionalen Festen. Demnächst soll der Verkauf auch über das Internet laufen. (Petra Knobel, dpa)